Spanien vor Nations League-Finale: Endlich unbelastet
Unter Trainerin Sonia Bermúdez beginnt für Spanien eine neue Ära. Altlasten sind ausgeräumt und Jenni Hermoso feierte eine emotionale Rückkehr.
Manchmal verrät schon der erste Eindruck, dass eine neue Ära begonnen hat. Sonia Bermúdez, spanische Nationaltrainerin, präsentierte sich in der Woche vor den Nations-League-Finals gegen Deutschland am Freitag und kommenden Dienstag nahbar und gelöst. Sie lacht viel und spricht so überschwänglich, dass ihre Stimme sich manchmal fast zu überschlagen scheint. Der Kontrast zu ihrer ernsten, geradezu verkniffenen Vorgängerin Montse Tomé könnte größer kaum sein.
Die beiden Frauen stehen damit auch für einen Zeitenwandel. Tomé kam noch aus der Ära der Spannungen. Sie war Assistentin von Jorge Vilda, als 15 Spielerinnen im Herbst 2022 aus Protest gegen dessen Methoden in den Ausstand traten. Ein Team, das mit einigen Rückkehrerinnen 2023 die WM gewann und der übergriffige Kuss von Verbandschef Luis Rubiales auf den Mund von Angreiferin Jenni Hermoso, das ein ganzes Machosystem demaskierte.
Weil neben Rubiales danach auch dessen Intimus Vilda nicht mehr zu halten war, rückte Tomé auf, aber die Verwerfungen der Vergangenheit begleiteten sie weiter. Sie wurde als Zeugin zum Prozess gegen Rubiales geladen und bootete Hermoso aus der Nationalelf aus. Den Verdacht eines Zusammenhangs konnte sie nie überzeugend widerlegen.
Auch Bermúdez, 41, hat ihre bisherige Trainerinnenkarriere überwiegend im Verband absolviert, wo sie U19, U20 und U23 coachte. Aber mit Vilda hatte sie nie etwas zu tun. Und nicht zuletzt kickte sie mit den Führungsspielerinnen wie Hermoso, Kapitänin Irene Paredes oder der zweifachen Weltfußballerin Alexia Putellas noch selbst zusammen. Die Angreiferin aus dem Madrider Arbeiterviertel Vallecas war ihrerseits eine feste Größe in der Nationalelf. Mit Rayo Vallecano, dem FC Barcelona und Atlético Madrid wurde sie neun Mal spanische Meisterin, vier Mal gewann sie die Torjägerinnenkrone. Die Spielerinnen sehen Bermúdez als eine von ihnen.
Letzte Boykotteurin zurück
Indem sie aus dem neuen Trainerstab auch die letzten Vilda-Überbleibsel entfernte, hat sie es geschafft, mit Innenverteidigerin Mapi León auch die letzte verbliebene Boykotteurin zurückzuholen. Hermoso zählt ebenfalls wieder zum Team. Gleich zu Amtsantritt nannte Bermúdez die unfreiwillig und leidvoll zur Emanzipationsikone avancierte Stürmerin eine „Legende“ – so etwas wäre Tomé nie über die Lippen gekommen. Diese konnte sich voriges Jahr nicht mal zu einer Bewertung des Gerichtsurteils gegen Rubiales (Geldstrafe) durchringen. Tomés Verhältnis zu Hermoso endete in öffentlichen Sticheleien und Schuldzuweisungen.
„Nach so vielen Jahren keine kohärente Erklärung bekommen zu haben, machte die ganze Situation für mich noch viel schmerzhafter“, erinnerte sich Hermoso dieser Tage an ihr Paria-Dasein. Als sie von der Wiederberufung durch Bermúdez erfuhr, „habe ich geweint, das muss ich zugeben“. Beim Halbfinalhinspiel gegen Schweden in Málaga kam es zu ergreifenden Szenen, als das Publikum schon beim Warmlaufen vor ihrer Einwechslung ihren Namen skandierte. „Da bekamen wir alle Gänsehaut“, berichtete Putellas, während ihrer alten Weggefährtin erneut die Tränen kamen.
Durch die Rückkehr von Hermoso – frischgebackene mexikanische Meisterin bei ihrem Klub Tigres – und besonders León ist Spanien noch stärker einzuschätzen. Gegen die Schwedinnen ließ man bei einem 4:0 im Hinspiel nicht mal einen Torschuss zu, auch im Rückspiel (1:0) hielt die Null. „Bermúdez hat große Betonung auf das Defensivsystem gelegt“, erklärte Alexia danach. Sowieso geht es vor allem um Feintuning. „Kleine Nuancen einführen“, so nennt es Bermúdez. Neun Spielerinnen der mutmaßlichen Startelf trainieren ja sowieso das ganze Jahr zusammen beim FC Barcelona.
Die Spanierinnen haben sich binnen weniger Jahre als führende Fußballmacht etabliert. Doch immer begleitete sie auch der Verdacht, dass diese Auswahl des weltbesten Klubteams plus Gäste eigentlich noch besser spielen und noch mehr gewinnen könnte. Die WM 2023 gelang trotz des Zerwürfnisses mit Vilda. Unter Tomé reichte es dann 2024 zwar zur Nations League, doch bei Olympia 2024 nicht mal zu einer Medaille, das Match um Bronze ging gegen Deutschland verloren.
„Was hätten die Spanierinnen erst ohne all die Konflikte erreicht?“, fragte kürzlich Norwegens Verbandspräsidentin, die Ex-Spielerin Lise Klaveness, und gab die Antwort gleich selbst: „Sie hätten die übrigen Teams vernichtet.“ Unter Trainerin Bermúdez scheint die Stimmung nun endlich unbelastet.
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