heute in hamburg: „Sorge und Solidarität“
Online-Buchvorstellung „Solidarische Care-Ökonomie. Revolutionäre Realpolitik für Care und Klima“: 18.30 Uhr, Link nach der Anmeldung per E-Mail an info@masch-hamburg.de
Interview Friederike Gräff
taz: Was zählt eigentlich alles zu Care-Arbeit, Frau Winker?
Gabriele Winker: Die familiäre und ehrenamtliche Sorgearbeit für andere, die Sorgearbeit für sich selbst sowie die entlohnten Erziehungs-, Bildungs- und Pflegetätigkeiten in Krankenhäusern, Seniorenheimen und Kitas. Es geht grundsätzlich um die Entwicklung und Erhaltung von körperlichen, intellektuellen und emotionalen Fähigkeiten. Ohne diese Arbeit würde jede Gesellschaft sofort zusammenbrechen. Und: sie wird primär von Frauen ausgeführt.
Und weder finanziell noch sozial gewürdigt. Wird sich das durch die Erfahrung der Coronapandemie ändern?
Die Aufmerksamkeit dafür, dass es die Care-Arbeit gibt und dass sie notwendig ist, hat sich verstärkt. Aber nur bezogen auf die Ärzt:innen und Pfleger:innen in den Kliniken. Gleichzeitig wurde der Personalnotstand noch einmal deutlich, weil an der Pflege gespart wird, und das kann man gut, wenn diese Arbeit vorher abgewertet ist.
Glauben Sie, dass sich die Arbeitsbedingungen jetzt ändern werden?
Nein – es sei denn, die Pflegekräfte zusammen mit der gesamten Bevölkerung schaffen es, in der Öffentlichkeit darauf zu bestehen. Wir hören ja jetzt schon von einem großen Prozentsatz von Pflegekräften, die nach der Pandemie ihre Arbeit aufgeben wollen – sie verlassen aber jetzt nicht die Kranken.
In Ihrem Buch fordern Sie eine Revolution, um andere Arbeitsbedingungen zu erreichen.
Jeder Mensch hat andere Bedürfnisse, deswegen kann der Care-Bereich nicht über Profitmaximierung laufen. Das heißt, die Gesellschaft muss die Kosten übernehmen, die anfallen. Deshalb müssen die Privatisierungen rückgängig gemacht und die Care-Bereiche vergesellschaftet werden. Die Beschäftigten, aber auch wir, die potenziellen Nutzer:innen, müssen Einfluss auf diese Institutionen gewinnen.
Nun verlangen Sie zugleich eine Klimarevolution – wie kam es zu der Verknüpfung?
Für eine lebenswerte Zukunft ist es nicht ausreichend, die Arbeitsbedingungen im Care-Bereich zu verbessern. Wir sind auf intakte Ökosysteme angewiesen, in denen auch die nachfolgenden Generationen eine Perspektive für ein gutes Leben haben. Das derzeitige auf Konkurrenz und Wachstum ausgerichtete Wirtschaftssystem kann beides nicht realisieren.
Sind Klima- und Careaktivist:innen Gruppen, die in Kontakt sind?
Ich bemerke, dass es gerade in der Pandemie ein großes Interesse gibt, sich zu treffen unter den Begriffen Sorge und Solidarität. Bei der von „Care Revolution“ initiierten Kampagne „Platz für Sorge“ haben wir die Erfahrung gemacht, dass wir mit diesem Motto nicht nur die Care- und Frauenbewegten ansprechen, sondern auch Fridays for Future und Extinction Rebellion und Migrationsbewegungen.
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