Sophokles’ Tragödie als Polit-Barometer: Die unmenschliche Last der Geschichte Antigones
Nach dem Hamburger Schauspielhaus inszeniert nun auch das Berliner Ensemble Sophokles’ Tragödie. Ruft der Zeitgeist nach alten Heldinnen?
Es mag an unseren Zeiten liegen, in denen der Zerfall einer alten Ordnung immer offensichtlicher und unbarmherziger zutage tritt: Sophokles’ Antigone hat Konjunktur auf deutschen Bühnen. Fulminant begonnen hat die Welle des neuen Interesses an der geplagten, doch widerständigen Tochter der Stadt Theben, die den als Verräter gebrandmarkten Bruder Polyneikes trotz Verbot des herrschenden Königs Kreon bestattet und dies mit ihrem Leben bezahlt, am Deutschen Schauspielhaus Hamburg, das seit drei Jahren den „Anthropolis-Marathon“ auf dem Spielplan führt. In dem monumentalen und gefeierten Projekt werden alle fünf Stücke en bloc gezeigt, die in der unheilvollen, von Gewalt und Schuld gezeichneten Stadt spielen.
Am Donnerstag feierte Antigone in der Übertragung von Friedrich Hölderlin, inszeniert von Johan Simons und mit Jens Harzer, Constanze Becker und Kathleen Morgeneyer hochkarätig besetzt, am Berliner Ensemble Premiere.
Dass sich abermals ein avanciertes Haus diesem klassischen Theaterstoff zuwendet, lässt sich als Hinweis lesen, dass die – auch politisch bedeutsame – Befragung von Notwendigkeiten und Abgründen von Heldenfiguren an Dringlichkeit gewonnen hat. Lange Zeit galt es, den scheinbaren Glanz des Heroischen aus der Perspektive von liberalen, demokratischen Gesellschaften zu dekonstruieren: aufgrund seiner Verstrickungen in Gewalt und Herrschaft und der Perpetuierung von Idealen wie Tapferkeit, Härte oder Opferbereitschaft, die sich totalitäre Systeme zu eigen machen. Doch so wichtig diese Arbeit bleibt, so sehr tritt inzwischen zutage, dass sich das dekonstruktive Verlangen in eine Sackgasse manövriert hat. In Zeiten zunehmender Destabilisierung scheinen das Heldentum und sein Versprechen wohl oder übel ein Comeback zu feiern.
Zwei normative Ordnungen prallen aufeinander
Dabei ist diese Tendenz durchaus ambivalent, ist sie doch von politischen Bestrebungen angetrieben, die nicht notwendig eine Verbindung zur Emanzipation haben. Mit entschlossener Unbedingtheit eine gegebene Ordnung aufbrechen zu wollen, die als ungerecht oder schlecht empfunden wird, kann ein Unabhängigkeitskampf gegen ein repressives System sein, der politisch gute Gründe hat. Jedoch hat zugleich auch die um sich greifende Faschisierung der Gesellschaft ihren Anteil daran, das scheinbar heldenhafte Streben nach der Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse in einer Weise zu mythologisieren, dass es eine zerstörerische, eine tödliche Kraft freisetzt. Ein Grund für ihre Aktualität ist also die Entfaltung der Tragödie zwischen den Koordinaten einer widerständigen Bedingungslosigkeit und dem Preis der Zerstörung.
Antigone widersetzt sich dem Gesetz des neuen Machthabers der Stadt, Königs Kreon, ihrem Bruder Polyneikes die Bestattung zu verweigern. Kreon handelt aus der Logik der Aufrechterhaltung der politischen Ordnung heraus, Antigone sieht sich ihrem Gewissen und dem göttlichen Gesetz der Totenruhe verpflichtet: zwei normative Ordnungen prallen aufeinander. Dabei ist die Vorgeschichte der Stadt Theben für das Handeln beider Seiten entscheidend. Ihrer Geschichte geht ein unheilvoller Zirkel der Gewalt voraus.
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Die Familie der Labdakiden trägt eine ungeheuer gewaltige Vergangenheit – man könnte sagen: einen Fluch – mit sich herum. Ödipus ist Vater und Bruder von den beiden noch lebenden Geschwistern, Antigone und Ismene, jener Mann, der bekanntlich den Vater umbrachte, mit der Mutter Iokaste vier Kinder zeugte und sich die Augen ausstach. Iokaste erhängte sich. Die Söhne, Polyneikes und Eteokles, werden von Ödipus verflucht und stürzten die Stadt Theben in einen Bruderkrieg, dem beide zum Opfer fallen.
Kreons Bestattungsverbot ist patriarchale Tyrannei und geschieht zugleich vor dem Hintergrund der gewaltvollen Geschichte. Antigone sucht nach Auswegen aus dem Unheil, indem sie sich widersetzt. Was als gute Absicht beginnt und Heilung des Familienfluchs bringen soll, zieht – so die Tragödie – weitere Opfer nach sich: Antigone nimmt sich das Leben und auch ihr Vermählter Haimon, der Sohn Kreons, begeht am Ende Selbstmord.
Antigone ist eine Projektionsfläche
Ist Antigone eine politische Heldin, da sie ihrem individuellen Gewissen und Sinn für Gerechtigkeit mit einer Unbedingtheit folgt und dabei ihr Leben aufs Spiel setzt? Oder ist das Heldentum Antigones gerade der Zug, der sich, insofern er das eigene Maß über alles setzt, echter Politik entzieht? Muss ihr Gerechtigkeitssinn also weniger als echte Sorge denn als Selbstgerechtigkeit gelten? Ob sie als Widerstandskämpferin, Märtyrerin, gefährliche Fanatikerin oder Heilige ihres Gewissens verstanden wird: Antigone ist eine Projektionsfläche, an der politische Deutungskämpfe ausgetragen werden.
Der Abend im Berliner Ensemble greift die Vielschichtigkeit und Ambivalenz Antigones auf, indem er ihr radikales Handeln weder verherrlicht noch kritisch dekonstruiert. Er macht etwas anderes, in gewissem Sinne Existenzielleres: Er nimmt Antigone ihre politische Überzeugung und motiviert ihr Handeln dagegen vielmehr aus einem Auflehnen gegen die disparaten Trümmer ihrer Verhältnisse heraus. Sie sucht einen Ausweg aus der unmenschlichen Last ihrer Geschichte, aus dem Strudel von Hass, Schuld und Rache.
Die Bühne, eindrucksvoll von Johannes Schütz eingerichtet, ist eine Anordnung endloser Kreise, die das Gefühl einer zersplitterten, aber nicht endenden Vergangenheit evozieren. Disparat liegen Objekte verschiedener Ordnung – Spielzeug, eine Krone, Gliedmaßen, Kinderschuhe – herum, Relikte, die sich nicht zu etwas Sinnvollem zusammenfügen wollen.
Was Antigone anbietet, ist weder eine souveräne Strategie noch ein ausgeklügelter Plan. Jens Harzer zeigt uns Antigone in erster Linie als ein leidendes, verlorenes Wesen, das einen mehr aus existenziellem Mitleid berührt als aufgrund idealistischer Motive oder ausgeprägten Pflichtbewusstsein. Überhaupt legt die Inszenierung Simons weniger nahe, dass es reine Trauer um den konkreten Bruder ist, die Antigone antreibt, ihr Leben aufs Spiel zu setzen, sondern vielmehr eine allzu menschliche Affektstruktur aus Verzweiflung, Irrungen und Unbedingtheit. „Zum Hassen bin ich nicht, zur Liebe bin ich“, ihr berühmter Ausspruch, ist eine selbst gestellte Aufgabe, die edel klingt. Doch die übersteigerte Eigenverantwortlichkeit dieser Aufgabe, das Ziel, ihre Familie wieder heil zu machen, führt in die Selbstzerstörung.
Der Abend ist eine leise Absage an alle, die in Antigone eine Heroine sehen und auf sie die politischen Hoffnungen einer überzeugt und schlüssig Handelnden projizieren wollen. Nach ihrer Entscheidung, das Gesetz zu übertreten, und nach der sich anschließenden Tragödie, die das Unheil abermals nicht einfängt, ertönt dissonanter Jazz von leise kreischenden Bläsern durch den Saal des Berliner Ensembles. Und dennoch: Vielleicht ist der Anspruch, in Antigone eine Heldin sehen zu müssen, die falsche Perspektive auf eine, die sich aus einem Trauma heraus dem Wagnis stellt, eine Ordnung ins Unberechenbare aufzubrechen.
Die Philosophin Antonia Birnbaum hat jüngst in ihrem Aufsatz die Formel „Mut ohne Heldentum“ gefunden, um das Handeln Antigones zu charakterisieren. Ihre Unnachgiebigkeit ist kein Handeln der Reinheit, sondern es ist ein Handeln inmitten der Falschheit, das nicht richtig sein kann, aber eine rätselhafte Folge an ausgetragenen Verstrickungen und Bedeutungen in Gang setzt: „Das unbedingte Begehren Antigones ist nicht im erhabenen Glanz, sondern in seinem glanzlosen Schatten zu suchen.“
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