Entspannung lernen: Wer chillen will, muss rausgehen
Ich dachte immer, dass Meditieren nichts für mich ist. Bis mir eine Schülerin zeigte, wie man richtig chillt.
V or dieser Aufgabe habe ich mich lange gedrückt. Eigentlich war klar, dass ich mit einer Kolumne, in der ich Ratschläge für ein besseres Leben teste, nicht drumherum kommen würde. Ich meine, kaum ein Selfcare-Tipp ist so basal wie meditieren. Entspannen, durchatmen, den hektischen Alltag kurz pausieren. Klingt nach Wellness, aber nicht nach etwas für mich.
Meditieren bedeutete für mich bisher immer, möglichst wenig zu denken, während man möglichst aufrecht sitzt und möglichst gleichmäßig atmet. Setze ich mich aber zu Hause auf den Teppich, sehe ich die Staubflusen unter der Heizung, die Wäsche müsste endlich mal abgehängt werden, die Pflanzen brauchen Wasser. Zusätzlich fallen mir zwölf Dinge ein, die ich lieber machen würde: etwa eine Capri-Sonne am Späti holen, mich dehnen oder meine beste Freundin anrufen.
Aber meine Kollegin hat mir ein Interview mit dem Meditationsmeister Byung-jin Park geschickt. Er hat mit seiner Punkband die Space-Out Competition 2025 im südkoreanischen Seoul gewonnen. Der Meditationswettbewerb wurde 2014 von der Künstlerin Woopsyang gegründet, um unsere schnelllebige Gesellschaft zu kritisieren, in der bis zum Burn-out geackert wird.
Den Wettbewerb gewinnt, wer innerhalb von 90 Minuten am ruhigsten bleibt. Dafür wird sogar die Herzfrequenz der Teilnehmer:innen gemessen. 90 Minuten sind für den Anfang zu viel, aber ich könnte es ja mal probieren, sagt die Kollegin.
Nur wie anfangen?
Die Effekte von Meditation lesen sich wie die Packungsbeilage eines Allheilmittels, das erst noch erfunden werden muss: Stressreduktion, verbesserte Konzentrationsfähigkeit, besserer Schlaf. Meditation kann sogar bei Bluthochdruck helfen und das Immunsystem positiv beeinflussen. Es wird Zeit, dass ich mich meinem persönlichen Endgegner stelle.
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Für einen anderen Text muss ich nach Waren an der Müritz fahren und stehe vor einem typischen Bahndilemma. Entweder bin ich eineinhalb Stunden vor meinem Termin da oder fünfzehn Minuten, die mir zu knapp vorkommen. Aber ich muss ja noch meditieren. Zu Hause ist das in eineinhalb Wochen nichts geworden, meine Ausreden sind endlos. Ich bin spontan ins Kino gegangen, habe lieber ein Zirkeltraining gemacht und durch Instagram gescrollt. Also nehme ich es mir für die Pause vor dem Termin wirklich vor.
Ich setze mich auf eine Bank an der Müritz, die Sonne scheint. Wenn mir zu langweilig wird, kann ich ja aufs Wasser schauen. Meditieren geht bestimmt auch mit offenen Augen. Ich beobachte gerne, wie Wellen gegeneinander schwappen, wie sich das Licht spiegelt, sich die Oberfläche durch den Wind kräuselt. Aber die Müritz ist noch zugefroren. Auf der grauen Oberfläche tut sich nichts. Also schließe ich doch meine Augen und höre den Vögeln zu. Ich muss an gar nichts denken. Die Wäsche, der Staub, alles ist kilometerweit entfernt. Manchmal kommt aus mir ein Seufzer, ich atme tief ein und langsam wieder aus, obwohl ich das nicht wollte.
Nach gefühlten zehn Minuten schaue ich aufs Handy. 23 Minuten sind vergangen und ich habe mich noch gar nicht gelangweilt. Mir fällt die Schülerin ein, die ich mal gefragt habe, wie man richtig chillt. Sie hat mir geraten, an einen third place zu gehen, also nicht das Zuhause, nicht der Arbeitsplatz, sondern an einen neutralen Ort, da kann man am besten entspannen. Sie hatte so Recht. Ich glaube, ich mag meditieren.
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