Sonnenfinsternis auf dem Teufelsberg: Verbunden im Schatten des Mondes
Der Andrang auf den Teufelsberg zum Beobachten der partiellen Sonnenfinsternis war enorm. Das wirkliche Spektakel spielte sich aber nicht am Himmel ab.
Foto: Achille Abboud/imago
„Hier, wollt ihr auch mal?“ Ein Mann reicht seine „Sofi“-Brille in einen Kreis junger Frauen. „Ja, unbedingt. Danke!“, ruft eine von ihnen aufgeregt. Sie haben keine Brille mehr ergattert, um die partielle Sonnenfinsternis aus 120 Metern Höhe vom Teufelsberg aus zu beobachten. Jetzt können sie also doch etwas von dem Naturschauspiel sehen, von dem die ganze Welt zu sprechen scheint. Das wahre Spektakel spielt sich jedoch unter der Sonne ab. Vor lauter Trubel vergisst man schnell, wieso man eigentlich hier ist.
Schon eine halbe Stunde vorher, auf der vergeblichen Suche nach einem freien Parkplatz am Fuße des Hügels, zeichnet sich ab, wie viele Menschen sich oben schon tummeln. Eine Mutter zieht einen mit Decken und Proviant voll bepackten Rollwagen hinter sich her, vorbei an streitenden Autofahrer*innen. „Sie können sich nicht ernsthaft so hinstellen, ich komme nicht vorbei!“, zetert ein Mittfünfziger aus einem Kombi. „Der kommt da locker durch“, sagt der von ihm adressierte junge Mann zu seinem Kumpel. Von lautem Hupen begleitet, machen sie sich auf, den Teufelsberg zu besteigen. Schließlich ist es schon 19.18 Uhr und die Sonne bereits zum Teil verdeckt.
Ein junger Besucher auf dem Weg den Teufelsberg hinauf
So wie hier sieht es am Mittwochabend vielerorts in Berlin aus. In Scharen strömen aufgeregte Anwohnende wie Zugereiste auf geeignete Freiflächen, um die partielle Sonnenfinsternis zu beobachten. Bis zu 85 Prozent verdeckt der Mond dabei die Sonne – das wollen sich die Leute nicht entgehen lassen. Viel wurde schließlich im Vorfeld darüber berichtet. Ein Besucher scherzt, jetzt könne er endlich mal „diese berühmte Sonne, die auf seiner For-You-Page viral gegangen ist“, in echt sehen.
Wucherpreise für die „Sofi“-Brille
Was die Leute alles auf den Berg im Grunewald schleppen, um die Sonnenfinsternis zu beobachten, ist beachtlich: selbst gebastelte Lochkameras aus Pizzakartons, prallgefüllte Picknickkörbe, die eine Kleinfamilie zwei Tage lang ernähren könnten und sogar eine Couch.
Um 19.41 Uhr erscheint die erste Ticker-Meldung der Süddeutschen Zeitung auf dem Handy, dass die Sonnenfinsternis nun losgehe. Etwas verspätet, wie man mit Blick durch eine der heißbegehrten „Sofi“-Brillen feststellt, die ein geschütztes Beobachten der Sonnenfinsternis ermöglichen. Etwa 73 Prozent der Sonne sind jetzt schon verdeckt.
Die Brillen werden hin und her gereicht, eine sogar solidarisch entzwei geteilt. Eine junge Frau erzählt, sie sei extra durch halb Berlin bis nach Spandau geradelt, um für sich und ihre Freunde „Sofi“-Brillen über Ebay-Kleinanzeigen zu bekommen. 4 Euro pro Stück habe sie gezahlt. Ein Schnäppchen, verglichen mit den Wucherpreisen, die sich im Laufe des Tages auf der Plattform in astronomische Höhen schaukelten, weil die Brillen sonst überall schon vergriffen waren.
Um kurz nach acht, die Sonnenfinsternis wird gleich ihr Maximum erreichen, verändert sich das Licht merklich. Immer mehr Leute wenden sich der Sonne zu. Der Mittzwanziger im Vintage-Dress, der sich eine olle Schweißerbrille übergestülpt hat. Die junge Frau im Bohokleid, die noch schnell einen Sonnengruß macht. Der Jugendliche mit geschätzten 500 Gramm „Reis mit Hühnchen“ in der Hand, dessen Dehnungsstreifen auf den Schultern von den harten Trainings der letzten Monate erzählen.
Man fühlt sich seltsam verbunden, hier oben im Schatten des Mondes. Nicht zwangsläufig durch die Sonnenfinsternis, die bei dem Chaos über dem Panorama der Hauptstadt schnell zur Nebensächlichkeit verkommt. Sondern durch diesen eigenartigen Charme, den die Stadt selbst in ihrem tiefsten Grün nicht verstecken kann.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert