Oberster Führer Modschtaba Chamenei: Eine endzeitliche Erlöserfigur
Der neue Oberste Führer von Iran bleibt unsichtbar. Während säkulare Iraner darüber spotten, unterstützen Regimeanhänger ihn gerade deshalb.
Als Modschtaba Chamenei zum neuen Obersten Führer Irans ernannt wurde, werteten Beobachter das als Kampfansage des Regimes. Der Krieg habe „einen iranischen Kim Jong Un geschaffen“, kommentierte etwa der Iran-Experte Karim Sadjadpour. Kurz nach seiner Ernennung wurde dann ein schriftliches Statement des neuen Obersten Führers, Sohn des alten Obersten Führers Ali Chamenei, publiziert. Darin wurde „Rache“ gegen die USA und Israel geschworen.
Bald acht Wochen ist das nun her. Öffentlich in Erscheinung getreten ist Modschtaba Chamenei seitdem kein einziges Mal. Stattdessen werden weiterhin schriftliche Nachrichten des neuen Obersten Führers verbreitet. Etwa dieser Tage, als erneut eine Rede von ihm im iranischen Staatsfunk verlesen wurde. Darin wurde den USA gedroht, die Verteidigungsfähigkeit Irans betont.
Seit Beginn seiner Dienstzeit als Oberster Führer halten sich – auch aufgrund dieses Scheuens der Öffentlichkeit – hartnäckig die Gerüchte um den Gesundheitszustand Modschtaba Chameneis. Er soll beim Angriff auf seinen Vater schwer verletzt, eventuell sogar getötet worden sein.
Ein Bild eines Märtyrerpalakts, das nun in der zentrairanischen Stadt Kaschan aufgehängt wurde, heizt die Gerüchteküche weiter an. Denn darauf ist auch das Konterfrei Modschtaba Chameneis zu sehen – in einer Reihe mit seinem Vater und anderen wichtigen Regimeköpfen. Sie alle sind tot.
Häme unter Regimegegnern – aber nicht unter -anhängern
Chamenei junior war schon zuvor eher ein Phantom. Es existieren kaum Fotos von ihm. Ein einzelner Video- und Audiomitschnitt stammt aus dem Jahr 2024, als er an der Theologischen Hochschule von Qom ein paar Vorlesungen hielt. Mit brüchiger, unsicherer Stimme verkündet er darin die baldige Einstellung der Vorlesungen. Öffentliche Interviews oder Reden sind nicht zu finden.
Bei den Regimegegnern sorgt das für eine gewisse Häme: Vor allem in persischsprachigen sozialen Medien kursieren massenweise KI-generierte Bilder von einem Bastel-Set, das eine Pappfigur mit dem aufgeklebten Foto des Gesichts von Modschtaba Chamenei enthält. „Bau dir deinen eigenen Ajatollah“, steht darunter.
Bei den Anhängern des Regimes könnte Modschtabas Abwesenheit die Loyalität aber sogar festigen. Unsichtbarkeit ist im schiitischen Glauben keine Schwäche, im Gegenteil: Die gesamte Islamische Republik baut in ihrem Kern auf einem okkulten Prinzip auf – die „Velayat-e Faqih“, also die „Statthalterschaft des Rechtsgelehrten“. Demnach soll Irans Staatschef ein irdischer Statthalter des verborgenen Imam Mehdi sein, der schon bald inmitten apokalyptischen Chaos auf die Erde zurückkehren wird.
Der aus Saudi-Arabien stammende Ex-Dschihadist, spätere MI6-Agent und politische Analyst Aimen Dean beschreibt solche Endzeittheorien als „geistiges Narkotikum“ für islamische Eiferer. Auch bei seiner eigenen Rekrutierung für al-Qaida hätten sie eine entscheidende Rolle gespielt.
Besessen vom Ende der Welt
Ähnliches sei nun im Iran in Gange, so Dean: Ein ungreifbarer Anführer, wie Modschtaba Chamenei, passe für viele Regimeanhänger hervorragend in die schiitischen Endzeiterzählungen. Denn vor dem Erscheinen des Imam Mehdi soll, so die Theologie, ein geheimnisvoller Anführer aus der ostiranischen Region Chorasan alles für seine Ankunft vorbereiten – der sogenannte „Sejed Chorasani“.
Nun hält sich Modschtaba Chamenei, der selbst aus Chorasan stammt, einigen Quellen zufolge selbst für diese Erlöserfigur. „Er ist besessen vom Ende der Welt“, sagte etwa der frühere Revolutionsgardist Jaber Rajabi kürzlich gegenüber dem Magazin The Atlantic. Anstatt zum irdischen Statthalter des Imam Mehdi ist Modschtaba Chamenei somit für einige Unterstützer selbst zur verborgenen Endzeitfigur geworden.
Für das Regime hat das gleich zwei Vorteile: Mit seiner symbolischen Strahlkraft sichert Modschtaba Chamenei einerseits den Rückhalt der fanatischsten Anhänger. Andererseits macht er durch seine Abwesenheit im politischen Tagesgeschäft den Weg frei für andere Akteure. Dabei handelt es sich wohl kaum um den Imam Mehdi – sondern um die Revolutionsgarden, die längst zum wahren Machthaber geworden sind.
Mitarbeit: Lisa Schneider
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