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Sommerinterviews mit der AfDShit-Show ohne Realitätsabgleich

Klimakrise, Migration, angeblicher Wahlbetrug: Chrupalla und Weidel punkten mit Desinformation. Zurückgelehnte Live-Interviews funktionieren so nicht.

Der Faktencheck, den das ZDF-„Sommerinterview“ mit AfD-Chefin Alice Weidel verdient hätte, wäre eigentlich der Adenauer-Bus des Zentrums für politische Schönheit gewesen, der im letzten Jahr ausdauernd das Gespräch mit „Scheiß-AfD“-Chorälen beschallt hatte. Das hätte den abermals zum Scheitern verurteilten Versuch, die rhetorische Dampfwalze Alice Weidel im Live-Interview mit Fakten, Argumenten und Fangfragen einzuholen, derart ins Surreale überführt, das zumindest ein bisschen Unterhaltung dabei herumgekommen wäre.

Aber so waren auch die diesjährigen AfD-Sommerinterviews eigentlich wie immer: Erst „Flood the zone with shit“ („Flutet die Zone mit Scheiße“) frei nach dem rechtsextremen Strategen Steve Bannon und anschließend der gewohnt hilflose Versuch, die rausgehauenen Verdrehungen, Falschangaben und offenen Lügen einzuordnen. Ist ein Fakt eingeordnet, hat Weidel in zwei Nebensätzen schon wieder drei neue abenteuerliche bis rassistische Behauptungen aufgestellt. Irgendwas bleibt immer hängen.

Am Sonntag scheiterten gleich zwei Top-Journalist*innen der größten öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendungen „Tagesschau“ und „ZDF heute“ nacheinander, die AfD-Bundesvorsitzenden argumentativ zu stellen und einzufangen. Der Mehr- und Erkenntniswert hielt sich wie gewohnt in Grenzen.

Immerhin ließen sich in den Gesprächen einmal mehr die unterschiedlichen Ebenen beobachten, auf denen die AfD kommuniziert. Da ist zum einen Tino Chrupalla, der stets darauf bedacht ist, harmlos, nahbar und anschlussfähig zu wirken – der Malermeister aus dem Volke.

Good cop, bad cop

Zwar fordert auch Chrupalla auf AfD-Kundgebungen schon mal das Schafott für die SPD, hat sich wie auch Weidel selbst das Gehalt auf 24.000 Euro monatlich verdoppelt und den Lackiereranzug schon lange mit Bundestagslimousine und Maßanzug getauscht. Aber für einen Teil der Wählerschaft, die in der extrem rechten Partei gerade mal eine etwas schärfere CDU erkennen wollen, zieht das trotzdem. Zumal sich Chrupalla dank Medientraining kaum noch verhaspelt und mittlerweile in der Lage ist, sich aus den haarsträubendsten Widersprüchen herauszuaalen und dabei auch noch freundlich dreinzublicken.

Und für die niederen Gefühle und Emotionen der Kernklientel bulldozert Weidel dann über die Einordnungsversuche und das hilflose Nachhaken des Moderatoren hinweg, um auf ihr Lieblingsthema zu kommen: die „Flachzangen“ der CDU und der SPD. Es ist ein bisschen guter Cop und böser Cop, was Weidel und Chrupalla am Sonntagabend zur besten Sendezeit im sanften Sommerinterviewsetting zwei Wochen vor einer der einschneidensten Landtagswahlen der Nachkriegsgeschichte spielen.

Nicht anwesend: die Realität

Hitzeschutz wird bei Weidel in diesem Sommer zum Backofen gewordenen Innenstädten mal eben zum ganzen Zeugs, das abgeschafft gehört. Auch bei Chrupalla existiert die menschengemachte Klimakrise nicht, wenn er Hitzetoten, Niedrigwasser und schmelzenden Autobahnen ignoriert und von einem „ganz normalen Sommer“ fabuliert. Die Realität spielte auch jenseits der Klimakrise in beiden TV-Studios eine untergeordnete Rolle.

Der parallel angebotene Faktencheck rückte zwar einige Dinge gerade, aber der wird den TV-Zuschauern ja gerade nicht mitgeliefert, sondern muss extra aufgerufen werden. Das bleibt ein Problem besonders bei Politiker*innen, deren gezielte Strategie Desinformation und Lügen sind.

Und davon gab es jede Menge: Da sind etwa viele standardmäßig aus dem Zusammenhang gerissene Zahlen zu abgelehnten Asylbewerbern und zu möglichen Abschiebungen. Der „kulturfremde“ Facharzt aus Syrien müsse sich natürlich keine Sorgen machen, abgeschoben zu werden, versprach Chrupalla – dabei klingt das Wahlprogramm in Sachsen-Anhalt deutlich anders.

Bei Weidel klang es zeitweise sogar so, als wenn sie Einbürgerungen am liebsten rückabwickeln würde: „Wir müssen aufhören, diese Menschen einzubürgern, die eigentlich unser Land verlassen müssen“, sagte sie mit Blick auf Syrer – während sich die Beschäftigungsquote von Sy­re­r*in­nen in Deutschland immer weiter der deutschen Bevölkerung annähert. Und eingebürgert wird in der Regel nur, wer seinen eigenen Lebensunterhalt verdient und mithin in die Sozialsysteme einzahlt. Weidel log stattdessen dreist, dass 306.000 Arbeitslose eingebürgert worden seien. Eine Meldung aus dem Reich der Fantasie, beziehungsweise vom rechtsradikalen Krawallportal Nius.

Genial: die unwiderlegbare unbelegte Behauptung

Noch dreister wurde es beim Thema Briefwahl: Hier insinuierte der AfD-Parteichef strukturellen Betrug in Pflegeheimen, wie es zuletzt auch der Spitzenkandidat Ulrich Siegmund in Sachsen-Anhalt tat. Beide taten dies ausdrücklich ohne Belege, was sich schon deswegen nicht widerlegen lässt. Chrupalla sagte, er könne die Fälle nicht überprüfen, für ihn sei es aber unstrittig, dass es diese Fälle gebe. Warum nicht einfach mal eine unbelegte Behauptung trotzdem so behaupten? Da hilft auch kein Faktencheck.

Im Bereich der Fantasie liegt auch, dass sich ehemalige Kader der neonazistischen Heimattreuen Deutschen Jugend – wichtige Strippenzieher von Siegmund – sich von ihrer neonazistischen Organisation distanziert hätten. Das Gegenteil ist richtig: Die taz recherchierte, dass Kinder eines AfD-Justiziars und -Ortsbürgermeisters wiederum an ähnlichen völkischen Gruppen wie „Jungadler“ teilnahmen.

Apropos rassistische Ideologie: Wegen der Vorfälle in Ceuta fordert Weidel neben den üblichen Schauermärchen vom kriminellen Ausländer den Ausstieg aus dem Schengenraum. Dabei verschweigt sie dreist, dass kaum ein Flüchtling von dort das europäische Festland erreicht haben dürfte – und Ceuta gar nicht zum Schengenraum gehört.

Ebenso behauptete sie pauschal, dass Deutschlands Grenzen offen seien – wobei SPD und CDU sie seit 2024 kontrollieren lassen und Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) sogar mutmaßlich rechtswidrig Asylbewerber zurückweist. Der wiederum könnte langsam mal bemerken, dass sich die AfD so jedenfalls nicht wegregieren lässt. Dann hätte wenigstens einer was gelernt aus diesem Sommerinterview.

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