Solidarische Landwirtschaft

Aktien für die Agrarwende

Die Regionalwert AG Berlin-Brandenburg will mehr Biolandbau. Mit Bürgeraktien sollen Ökohöfe in der Region unterstützt werden.

Wollen nicht länger auf die Politik warten: Jochen Fritz (r.) und Timo Kaphengst von der Regionalwert AG Foto: Annette Jensen

Jahrelang hat der Agraringenieur Jochen Fritz das Thema Agrarwende politisch auf die Straße gebracht: als Organisator der Großdemonstration „Wir haben es satt“, die jedes Jahr zur Lebensmittelmesse, der „Grünen Woche“, mit ihrem Protestzug durchs Berliner Regierungsviertel der Agrarindustrie einheizt.

Jetzt hat Fritz, der seit einigen Monaten „Nebenerwerbslandwirt“ im brandenburgischen Werder ist, eine radikalere Idee: „Wir nehmen die Agrarwende selbst in die Hand“, sagte er gestern in der Kreuzberger Markthalle Neun, wo er zusammen mit Katharina Reuter, der Geschäftsführerin des ökologischen Unternehmensverbandes „Unternehmensgrün“, die erste Aktienausgabe der Regionalwert AG Berlin-Brandenburg vorstellte.

Die Regionalwert AG ist ein neuer Ansatz der „solidarischen Landwirtschaft“, der es um den Aufbau von festen Beziehungen zwischen Agrarproduzenten auf dem Land und den Verbrauchern in der Stadt geht. Im Unterschied zu üblichen Vertriebskooperationen stellt die Regionalwert AG die Finanzierung von Ökohöfen in den Mittelpunkt – den Infrastrukturaufbau einer alternativen Landwirtschaft. Damit biologisch angebaute Früchte vom Land in die Städte gebracht werden können, braucht es zunächst einen umgekehrten Geldfluss: von den Ballungsregionen in die Agrarperipherie.

Die Idee entstand vor einigen Jahren in Freiburg, und nach weiteren Regionalwert-Aktiengesellschaften in Hamburg, München und im Rheinland ist die 2018 gegründete Berlin-Brandenburger AG die erste ihrer Art in Ostdeutschland. „Wenn ein Betrieb zum Beispiel ein neues Stallgebäude errichten, ein Stück Land kaufen oder eine Käserei aufbauen will, stellt die Regionalwert AG für die Investition Eigenkapital zur Verfügung und ist an den erzielten Gewinnen aus der jeweiligen Bewirtschaftung beteiligt“, erläuterte Fritz, der zusammen mit Timo Kaphengst den Vorstand der AG bildet.

Jede Aktien einen Euro

Um an das Geld zu kommen, startete gestern die Ausgabe von öffentlichen Bürgeraktien, die bis zum September 1,5 Millionen Euro einbringen sollen. Jede Aktie hat einen Nennwert von einem Euro. Gekauft werden können mindestens 500 Aktien. Eine Einlage von 9.750 Euro ist die Obergrenze, um eine möglichst breite Streuung zu erreichen.

Mit 300 bis 600 Aktienkäufern rechnet man in den nächsten Monaten. „Die Bio-Aktionärinnen und -Aktionäre sorgen mit ihrem Aktienkauf für regionale Wertschöpfung vom Acker bis zum Teller“, sagte Katharina Reuter als Vorsitzende des Aufsichtsrats der Regionalwert AG Berlin-Brandenburg. Konkret könnten die Aktionäre Arbeitsplätze in Biobetrieben sichern und dafür sorgen, dass „zukünftig mehr Land ökologisch bewirtschaftet wird“.

Die Regionalwert AG ist ein neuer Ansatz der „solidarischen Landwirtschaft“

Fachlich betreut wird die Operation von der Berliner Umweltfinanz AG, die sich auf ökologische Investitionen spezialisiert hat und selbst Mitglied bei „Unternehmensgrün“ ist. Umweltfinanz-Vorstand Jörg Henning Frank hat erlebt, wie in den letzten 20 Jahren viele Finanzierungen in Umweltunternehmen geflossen sind und auf diese Weise auch die Energiewende möglich gemacht haben. Frank: „Das ist auch im Agrarbereich zu schaffen.“

Die Regionalwert AG musste nicht völlig bei null anfangen, sondern entstand durch die Umwandlung einer ähnlichen Aktiengesellschaft: der Apfeltraum AG im ostbrandenburgischen Müncheberg. Deren Wurzeln reichen bis ins Jahr 2006 zurück, als für notwendige Investitionen in den Ökohof Apfel­traum das Aktienmodell kreiert wurde. So verfügte die Regionalwert AG bereits über ein Grundkapital von 225.000 Euro.

Einmal zahlen
.

Mit der taz Bewegung bleibst Du auf dem Laufenden über Demos, Diskussionen und Aktionen in Berlin & Brandenburg. Erfahre mehr

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de