Sky-Serie „Ich und die Anderen“: Die Hölle, das sind die anderen

Die experimentelle Serie „Ich und die Anderen“ ergründet existenzialistische Fragen. Die sechs Folgen feuern ein wahres Dialogfeuerwerk ab.

Die beiden Schauspieler:innen Tom Schilling (l.) und Katharina Schüttler (r.) stehen vor einer Wand, auf der sehr viele Fotos von ihnen abgebildet sind. Dazwischen stehen mathematische Zeichen wie Plus und Istgleich

Tom Schilling (l.) und Katharina Schüttler (r.) in der Sky-Serie „Ich und die Anderen“ Foto: Superfilm/Sky

Der Mensch ist frei und dann doch wieder nur das Produkt seiner Umstände. Mit diesen beiden widerstrebenden Grundvoraussetzungen unseres Daseins setzt sich die deutsch-österreichische Produktion „Ich und die Anderen“ auf eine zutiefst experimentelle Art auseinander.

Im Fokus der sechsteiligen Serie steht Tristan (Tom Schilling), der auf wundersame Weise die Fähigkeit erhält, seine Freiheiten radikal zu erweitern, indem er durch seine Wünsche das Verhältnis zwischen ihm und seinen Mitmenschen verändern kann – und doch bleibt er ihnen letztlich immer ausgeliefert. Auch wenn seine Gesuche von einer ominösen Macht umgesetzt werden, erzielt er damit niemals das gewünschte Ergebnis.

Es beginnt über Nacht: Im Traum fordert er, dass es der Welt allein um ihn gehen, ja, dass sie alles über ihn wissen soll. Was das eigentlich bedeutet, wird ihm am nächsten Tag schmerzlich bewusst: Seine schwangere Freundin Julia (Katharina Schüttler) sieht angesichts der neuen Erkenntnisse einen Fremden in ihm, im Büro kommentiert die Rezeptionistin seine Penisgröße, der Chef (Lars Eidinger) weiß nun um seinen fehlenden Elan und feuert ihn. Stets versucht er dem heraufbeschworenen Desaster mit einem neuen Wunsch etwas entgegenzusetzen, und manövriert sich damit immer wieder in neue Problemsituationen.

Im weiteren Verlauf wünscht sich Tristan etwa, dass alle die Wahrheit sagen sollen, dass ihn alle lieben, dass er wiederum alles mehr liebt als sich selbst. Damit stehen sich Situationskomik und existenzialistische Überlegungen in „Ich und die Anderen“ fortwährend gegenüber, was es unmöglich macht, die Serie auf ein bestimmtes Genre festzulegen.

Ich und die Anderen“, sechs Episoden, ab 29.07. bei Sky

Das exzentrische Figurenensemble bleibt durchgängig das gleiche: Neben der Partnerin sind da sein desillusionierter Freund Hubert (Merlin Sandmeyer), seine snobistischen Eltern – während die Mutter (Sophie Rois) weiterhin auf ihrem ausgestopften Pferd reitet, hat sich der Vater (Martin Wuttke) künstlerisch ganz und gar dem (eigenen) männlichen Glied verschrieben – und die notorisch genervte lesbische Schwester (Sarah Viktoria Frick), die sich wiederum auf Vulven-Darstellungen spezialisiert hat.

Gemeinsam mit besagtem Boss, Herrn Brandt, ein Paradebeispiel des ausschließlich in Karriereparametern denkenden Homo oeconomicus, ergibt sich ein genüsslich überspitzter, freudianisch aufgeladener Querschnitt einer auf Selbstoptimierung gepolten Gesellschaft. In jeder Folge von einer anderen Prämisse geleitet, ist „Ich und die Anderen“ damit eine spielerische philosophische Reflexion über die Bedingungen des Menschseins an sich und gleichsam bissig-humorvolle Abrechnung mit dem neo­liberalen Zeitgeist.

Zusammengehalten werden die von Regisseur und Autor David Schalko („Braunschlag“) entwickelten und inszenierten etwa 40-minütigen Folgen von einem wahren Dialogfeuerwerk, das innerhalb der deutschsprachigen Serienlandschaft ihresgleichen sucht. In den vom durchweg überzeugend aufspielenden Cast lakonisch vorgetragenen Zeilen reiht sich ein geschliffener Aphorismus („Ich verwirkliche mich zu Tode“) an den nächsten.

Konsequent verweigert sich „Ich und die Anderen“ bis zum Schluss einer eindeutigen Aussage, einer klaren Gewichtung, ob es mehr Freiheit für das oder vom „Ich“ braucht. Ja, die Hölle, das sind mit Jean-Paul Sartre in erster Linie die anderen – aber was wäre das „Ich“ ohne sie?

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