: Sind so viele Tiere
Das Tierheim Osterode würde gern mehr Tiere aufnehmen, denn es gibt immer mehr Anfragen. Aber es fehlt an Platz und Geld. Deswegen hat das Tierheim mit dem Tierschutzbund die Bundesrepublik Deutschland verklagt
Aus Osterode Friederike Gräff
Das Büro von Alanis Sieger ist voller Tische, voller Kisten und voller Hunde. Wie auch nicht, das ganze Tierheim platzt aus den Nähten, das ist ja das Problem. In 95 Prozent der Fälle, sagt Sieger, müssen sie ablehnen, wenn Anrufende ein Tier bei ihnen unterbringen wollen. Deshalb verklagt das kleine Tierheim Osterode, am Rande des Harzes in Niedersachsen gelegen, nun die Bundesrepublik Deutschland. Genauer, das Tierheim Osterode mit drei anderen Tierheimen und dem Deutschen Tierschutzbund.
Die Argumentation der Klage: Wenn im Grundgesetz stehe, der „Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen und die Tiere“, dann müsse er dafür auch ganz praktisch Geld geben. Die Kassen der Tierheime in Deutschland sind klamm und es wird nicht besser, sondern schlechter, weil immer mehr Tiere abgegeben oder gefunden werden, gleichzeitig steigen die Kosten immer weiter. Der Tierschutzbund spricht von „Kollaps“.
Im Büro von Alanis Sieger haben gerade vier Hunde Unterschlupf gefunden, ein Chihuahua sitzt auf ihrem Schoß und wird ihn in der nächsten Stunde auch nicht wieder verlassen, ein weiterer Chihuahua, ein Border Collie und ein Schäferhundmix haben sich im Raum verteilt. Die Chihuahuas sind Hundegreise, 18 und 20 Jahre alt, und Alanis Sieger hat sie bei sich aufgenommen, obwohl sie schon zwei Hunde hat. „Alle, die hier arbeiten, nehmen Tiere bei sich auf, sagt sie.
Wer im Tierheim arbeitet – meist sind es Fauen – muss Idealistin sein. Natürlich fahren sie nachts los, wenn ihnen eine verletzte Katze am Straßenrand gemeldet wird. Es macht ja sonst niemand. Dabei verdienen die Mitarbeitenden gerade mal Mindestlohn, und selbst die Leitungen bekommen nur dann mehr, wenn sie gut verhandeln. Alanis Sieger bekommt nicht mehr, aber das Thema Lohn erwähnt sie gar nicht. Was sie sich wünscht, ist Geld für eine Trainer:innen-Stelle: eine Person, die mit schwierigen Hunden arbeitet, damit sie anschließend vermittelt werden können.
Schwierige Hunde sind solche, die aggressiv sind, wie Vicky und Jacky, mittelgroß, knopfäugig und unberechenbar, aber auch solche wie die schmale Atina, ein „Angsthund“, sagt Sieger, „sie beißt nicht, aber Menschen sind nicht ihr Ding“. Als wir an den Räumen für die Hunde vorbeigehen, liegt ein junges Mädchen neben Atina und berührt vorsichtig deren Hinterläufe. Es gibt eine andere Ehrenamtliche, die sich stundenlang mit einem Buch zu den scheuen Katzen setzt, um sie an menschliche Nähe zu gewöhnen.
„Die Ehrenamtlichen sind Gold wert“, sagt Maira Gebel, die Vorsitzende des Osteroder Tierschutzvereins. Sie sind Gold wert, aber natürlich können sie keine professionellen Trainer:innen ersetzen. Und manchmal ist die Vorgeschichte eines Tieres so schwierig, dass die Narben bleiben. Atina, Vicky und Jacky werden wohl ihr Leben im Tierheim verbringen und damit sind drei der fünfzehn Hundeplätze in Osterode dauerhaft belegt.
Und damit ist man bei dem Problem, dass das Tierheim Osterode umtreibt: Sie haben dort zu wenig Raum für all die Hunde und Katzen, die einen Platz bräuchten. Und der Raum, den sie haben, genügt nicht mehr den Vorschriften. Außerdem bröckelt er ihnen unter den Händen weg. Aber das Tierheim kommt gerade so über die Runden, woher sollte das Geld für einen Umbau oder sogar einen Neubau kommen?
Maira Gebel hat einen Zettel mitgebracht, auf dem die Finanzen aufgelistet sind. Das Tierheim bekommt pro Jahr eine Fundtierpauschale von 55.000 Euro von der Stadt Osterode und der Gemeinde Bad Grund. Aber diese Pauschale ist nicht kostendeckend. Die Hunde werden meist relativ schnell abgeholt und brauchen kaum medizinische Versorgung. Bei den Katzen sieht das anders aus: Viele haben keinen Besitzer, sind oft krank und bleiben über Monate im Tierheim. Gebel schätzt, dass eine Katze pro Tag einen zweistelligen Betrag kostet.
Die Jahresausgaben liegen bei 200.000 Euro, die Hälfte davon sind Personalkosten. Der nächste große Posten sind die Tierarztkosten: 42.000 Euro, Tierheimbedarf 22.000 Euro und Energiekosten 11.000 Euro. Wenn man die 42.0000 Euro Tierarztkosten denkt, muss man sich nicht wundern über die Freude, mit der Maira Gebel von der Katze mit den chronischen Darmproblemen erzählt, die glücklicherweise in einer Studie der tierärztlichen Hochschule unterkam. Sonst wäre der Preis für diese eine Behandlung schnell vierstellig geworden. Was man sich auch vorstellen muss: 40 Prozent seiner Kosten bestreitet das Tierheim ohnehin durch Spenden.
Daher die Tombolatüten fürs Sommerfest, die sich im Büro stapeln, daher die Boxen für Futterspenden in den umliegenden Supermärkten. In Osterode freuen sie sich über jeden Euro. „Der Spendenanteil macht mehr aus, als er sollte“, sagt Gebel, aber bei den anderen Tierheimen ist es das Gleiche. Und damit argumentieren sie nun bei ihrer Klage: dass der Staat ihnen eine Aufgabe gegeben hat, für die er ihnen nicht das notwendige Geld gibt.
Wahrscheinlich ging das so lange, weil der Tierschutz Menschen anzieht, die nicht wegen des Geldes arbeiten. Weil sie nicht nur in Osterode Zäune mit der Hilfe von Ehrenamtlichen aufstellen und die Risse in den Wänden selbst verputzen. Aber das hat Grenzen: Maira Gebel und Alanis Sieger haben bei einer Bauingenieurfirma angefragt, um der Ursache für das Auseinanderbröckeln des Hundetrakts auf den Grund zu gehen: Die Untersuchungen würden 5.000 bis 50.000 Euro kosten – und am Ende wüssten sie nicht einmal, ob sich die Ursache beheben ließe.
Das bröckelnde Haus ist ein greifbares, ein lokales Problem. Die Zahl heimatloser Tiere wächst bundesweit. Jedes Jahr werden rund 25 Prozent mehr Tiere abgegeben, schätzt Alanis Sieger. Woran das liegt? Tierhandel ist lukrativ und deswegen gibt es nicht mehr nur Züchter:innen, die sich an Standards halten, sondern auch Leute, die Sieger abfällig „Vermehrer“ nennt. „Es war noch nie so leicht, ein Tier zu bekommen“, sagt sie. „Und es war auch nie so leicht, sich vorher zu informieren.“
Das tun aber nicht alle. Hinterher sind das oft die Leute, die beim Tierheim anrufen. Ihre Tiere sind chronisch krank oder aufwendiger in der Haltung als gedacht. „Die Leute sagen: Wir haben schon alles versucht“, meint Sieger. „Aber wenn ich dann frage: Waren Sie beim Tierarzt, um mögliche Schmerzen abzuklären? Waren Sie beim Hundetraining? – Nein.“ Kein Wunder, dass nach einer Umfrage des Deutschen Tierschutzbundes nur noch 18 Prozent der Tierheime Kapazitäten haben, fast die Hälfte ist voll oder sogar „übervoll“.
Die Mitarbeiter:innen geben ihr Bestes, um die Tiere zu vermitteln. Ein Trick: Manchmal tauschen sie Tiere mit anderen Tierheimen, damit die auch von anderen Interessent:innen entdeckt werden können. In Luke etwa, einen Hund mit Maulkorbauflage, haben sich die neuen Besitzer:innen beim Gassigehen „doll verliebt“, sagt Sieger, die sich an alle ihre Tiere zu erinnern scheint, und strahlt.
Aber wo ein Tier geht, warten bereits andere Tiere. Auch bei den Katzen ist nicht viel Platz. Der Tierschutzbund fordert schon lange eine Kastrationspflicht, aber noch ist sie nur in Schleswig-Holstein umgesetzt.
Auch das ist ein Punkt, den der Deutsche Tierschutzbund der Politik vorhält: dass sie weder die überforderten Tierheime unterstützt, noch die Ursachen der Probleme angeht. Viele halb verwilderte Katzen bekommen immer wieder Junge. „Es sind keine Wildtiere, die man sich selbst überlassen könnte“, sagt Alanis Sieger. Viele sterben, viele sind nicht an Menschen gewöhnt. „Diejenigen, die gar keinen Bock auf Menschen haben“, kommen an die beiden Auswilderungsstellen des Tierheims, wo sie regelmäßig Futter bekommen und versorgt werden.
„Das größte Thema ist Verantwortungsgefühl“, sagt Alanis Sieger, und daran scheint es zunehmend zu mangeln. Der Hund mit den meisten Beißvorfällen, den sie in Osterode hatten, war kein Listenhund, also ein Hund der Rassen, die als potenziell gefährlich eingestuft werden, sondern ein Dackel – „eigentlich ein cooler Typ“, sagt Alanis Sieger. Im Tierheim wissen sie, dass es inzwischen Tierärzt:innen gibt, die Hunde einschläfern, nicht weil sie krank sind, sondern weil es soziale Probleme gibt, die die Tierbesitzer:innen nicht lösen können oder wollen.
Der Deutsche Tierschutzbund versucht, an den strukturellen Ursachen anzusetzen: Kampf gegen Qualzucht, einen bundesweit verpflichtenden Sachkundenachweis für künftige Tierhalter:innen. Aber jetzt will er die Bundesregierung, vertreten durch das Bundeslandwirtschaftsministerium, direkt zur Kasse bitten. „Der Beklagte wird verpflichtet, Investitionshilfen für Tierheime und tierheimähnliche Einrichtungen in Deutschland zur Verfügung zu stellen“, heißt es in der Klageschrift, die pikanterweise die Anwaltspraxis Röttgen, Kluge und Hund eingereicht hat. Nämlich jener Norbert Röttgen, der für die CDU/CSU Tierschutzberichterstatter war und mit Landwirtschaftsminister Alois Rainer nun einen Parteifreund verklagt.
Fotos: Doro Zinn
In Osterode könnten sie das Geld für den überfälligen Um- oder Neubau sofort brauchen. Denn sie haben nur eine Ausnahmegenehmigung bis 2027 für Teile ihres Hundetrakts: „Unsere Quarantänebox hat 3,8 Quadratmeter“, sagt Maira Gebel, „dabei müsste sie für einen kleinen Hund mindestens 6 Quadratmeter haben.“
„Wenn Geld kein Thema wäre, hätten wir längst eine Lösung“, meint Alanis Sieger. Dann hätten sie ein Katzenhaus für 700.000 Euro und ein Hundehaus für 1,8 Millionen errichtet, die Vorschriften umgesetzt und endlich mehr Platz für die vielen Anfragen. Aber von den Kommunen haben sie bislang keinerlei Zusagen für Gelder. Deswegen planen und verwerfen sie nun schon seit Jahren.
Wann über die Klage des Deutschen Tierschutzbundes entschieden wird, ist nicht absehbar. „Wir sind darauf eingestellt, dass wir einen langen Atem brauchen werden“, schreibt Hester Pommerening, die Pressesprecherin des Tierschutzbundes. Bis dahin hat Alanis Sieger, die Eventmanagement studiert hat und nach einem Praktikum nicht mehr wegwollte vom Tierheim, wohl schon die Prüfung zur Tierpflegerin abgelegt. Danach kann sie selbst ausbilden – und dann ist schon mal eine Person mehr da, die sich um Tiere kümmert, um die sich sonst niemand kümmert.
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