Shinichi Sawada im Georg Kolbe Museum: Bekrallte Gefährten

Ausdrucksvolle Keramik: Als erstes europäisches Museum zeigt das Georg Kolbe Museum Skulpturen des japanischen Künstlers Shinichi Sawada.

Eine Tonskulptur von Sinichi Sawada, die einem Drachen ähnelt

Shinichi Sawada, Ohne Titel (16), 2012, Keramik, Social Welfare Organisation Nakayoshi Fukushikai Foto: Andreas Pauly

Zähne haben sie, Stoßzähne sogar, wache Augen und zackige Stacheln – und dabei kleine Ärmchen, wie ein Dinosaurier etwa, wobei es doch eher in Richtung Drachen oder Lindwürmer geht, so wie die Tonfiguren Shinichi Sawadas sich rund biegen, emporstrecken oder ihren Körper am Boden langziehen. Über und über bedeckt sind sie mit eingeritzten Furchen und Mustern, die zwischen den Schuppen hervorlugen und gemeinsam mit ihnen eine prickelnde Haut ergeben. Manche der Wesen zeigen sich einzeln, andere finden sich mit ihren Begleitern in Gruppen zusammen, wobei sie sich mit ihren Schutzpanzern wohl in jeder Konstellation selbst behaupten könnten.

2013 war Sawada auf der 55. Venedig Biennale zu sehen. Nun zeigt das Georg Kolbe Museum als erstes europäisches Museum 20 Arbeiten des Künstlers. Im vordersten Raum sind sie aufgestellt, da, wo viel Licht auf sie fällt und sich die Oberflächenstruktur besonders gut beobachten lässt.

Ein Film zeigt Sawadas Arbeitsprozess. Nachdem er ein hohles Volumen geformt hat, ummantelt er den Korpus von unten nach oben mit Rollen aus Ton und fügt rundherum unzählige Spitzen und Krallen an. Ohne Vorzeichnung und wie aus einem Guss formieren sich die Wesen unter seiner Hand. Mit der Zeit scheinen diese keramischen Gefährten immer größer zu werden, hier im Museum sind mittelgroße Exemplare aus den frühen 2010er Jahren zu sehen, dafür aber verschiedenste Varianten, sogar Wandreliefs sind dabei.

Ansatz der Selbstbehauptung

Da Sawada sowohl Auto-Didakt als auch Autist ist und in einer Künstlerwerkstatt des sozialen Zentrums Nakayoshi Fukushikai in der Präfektur Shiga in der Nähe von Kyoto seine Arbeiten erstellt, werden diese häufig im Kontext der “Outsider Art“ ausgestellt, wie auch letztes Jahr auf der Frieze Art Fair in New York. Dies schafft Bekanntheit, gleichzeitig fragt man sich, ob es dieses zwiespältige Bezeichnung überhaupt braucht.

Der taz plan erscheint auf taz.de/tazplan und immer Mittwochs und Freitags in der Printausgabe der taz.

Shinichi Sawada, Georg Kolbe Museum, täglich 10–18 Uhr, verlängert bis 11. 4., Besuch nur nach Anmeldung, Sensburger Allee 25.

Die Verklärungen, die leider oft mit dem Label einhergehen, braucht es sicherlich nicht. Denn da ist dann häufig davon die Rede, dass die innere Motivation, ja, die Intention, des Künstlers obskur bliebe. Ganz so als würden im Gegensatz dazu “Insider Artists“ etwa nicht intuitiv arbeiten – und sich stets zielgeleitet und am besten nahtlos und ihrer Selbst gewahr in die Kunstgeschichte einschreiben. Dem ist nicht so und auch das Georg Kolbe Museum möchte solche Grenzziehungen zumindest hinterfragen und plädiert für einen inklusiven Ausstellungsansatz außerhalb der genannten Kategorie. Mehr Selbstbehauptung klingt hier durch, genau wie sie die Skulpturen ohnehin ausstrahlen.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de