Sexuelle Identitäten und Politik: Diese befreiende Leere

Der neue Band „Ein Apartment auf dem Uranus“ des Queer-Theoretikers Paul B. Preciado dokumentiert die Transformation des eigenen Körpers.

Paul B. Preciado.

„Mein Transkörper existiert nicht“, erklärt das „sujet perdu“ Preciado Foto: David Jar/imago images

Mit Wörtern überschüttet wird, wer Paul B. Preciado liest. Und dabei liest, und immer wieder liest, warum Geschlecht, Sex, Subjektivität mächtige Fiktionen sind, die den Menschen starre Identitäten aufzwingen, ihre Lust ausbeuten, ihnen die Vielfalt ihrer Potenziale rauben. „Nekropolitik“ nennt Preciado das: Menschen dazu bringen, zu „leben, als seien sie bereits tot“.

Aus der Zeit von 2013 bis 2018 stammen die ausgewählten Texte im neuen Band des ikonischen ­Queer-Theoretikers mit dem Titel „Ein Apartment auf dem Uranus“, die zuerst als Kolumnen in der französischen Zeitung Libération erschienen. Auch eine Reihe konkreter Tode dokumentiert Preciado darin: der Geflüchteten im Mittelmeer, der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung, der Beziehung Preciados zur Schriftstellerin Virginie Despentes, schließlich des Namens und der „Rechtsfiktion“ Beatriz Preciado.

Als Mann anerkennen ließ sich Preciado in dieser Zeit des Wandels nämlich. Aber diese Anerkennung erfolgt, wie er minutiös dokumentiert, trotz der offensichtlichen Sprengung der binären Geschlechterordnung nur innerhalb dieser Ordnung, nur um den Preis, „dass ich mich zuvor als dysphorisch, also als gestört betrachte“.

Um seinem Antrag auf den neuen Vornamen Paul stattzugeben, zwingt der Staat ihn zu einer ärztlich begleiteten Hormonbehandlung, und zerstört kurioserweise alle Spuren von Bea­triz, inklusive der auf ihren Namen ausgestellten Geburtsurkunde. Dabei sei der Körper, den der neue Name repräsentiert, doch selbst uneindeutig: „Ich bin kein Mann, keine Frau, nicht heterosexuell, nicht homosexuell, nicht bisexuell. Ich bin ein Dissident des Geschlecht/Geschlecht-Systems. Ich bin die Vielfalt des Kosmos“.

Leeres Haus

Dem Kosmos eignet Leere. „Mehr als einen Monat wohne ich nun in diesem leeren Haus“, heißt es an einer Stelle. „Ohne Möbel ist ein Haus nicht mehr als eine Tür, ein Dach, ein Boden.“ Keine Möbel heißt auch kein Bett: „Meine Hüften wurden gegen den Holzboden gequetscht, und morgens stand ich mit geschwollenen Gliedern auf.“ Für Preciado bedeutet das allerdings weniger eine Qual als eine „ästhetische Erfahrung“.

Paul B. Preciado: „Ein Apartment auf dem Uranus – Chroniken eines Übergangs“. Aus dem Französischen von Stefan Lorenzer. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020, 368 Seite, 20 Euro

Wenn Transkörper die „Gewalt des Benanntwerdens“ am deutlichsten zu spüren bekommen, dann ist das so, als schliefen sie immer auf dem Boden, ohne Bett, ohne Matratze. Wenn jedoch, umgekehrt, Benanntwerden immer mit Gewalt verbunden ist, dann schränkt der Komfort der Möbel und Polster gerade diejenigen am stärksten ein, die der Norm am treuesten bleiben. Dann bietet umgekehrt gerade der Versuch, sich jeder Benennung zu entziehen und den Körper wie ein leeres Apartment zu bewohnen, die Chance auf Befreiung. „Mein Transkörper ist ein leeres Haus. Ich nutze das politische Potenzial dieser Analogie.“

Theorie schließt für Precia­do immer die Praxis ein, den Selbstversuch. Im „Kontrasexuellen Manifest“gab er Anleitungen zur dekonstruktiven Dildobenutzung, in „Testo Junkie“ experimentierte er mit Testo­steron – ohne Verschreibung, als Werkzeug zur Erschütterung der Zweigeschlechtlichkeit.

In den Kolumnen ist es das Reisen: zwischen Barcelona und Kassel, zwischen Athen und Paris, zwischen dem Ausbruch aus der (Geschlechter-)Norm und ihrer Erfüllung, zwischen gewaltsamem Ausschluss und überschwänglichem Einschluss als „ ‚Wappentier‘ einer fortschrittlichen Gesellschaftspolitik“. An jeder Grenze, an jedem Flughafen wartet dabei das „Theater“ der Subjektivierung: Mann oder Frau. „Mein Transkörper existiert nicht“, erklärt das „sujet perdu“ Preciado. Zumindest nicht in den Augen des Gesetzes.

Wer ist das Wir?

Die Lösung: „unsere Differenz in die Sprache der Norm übersetzen, während wir insgeheim fortfahren, uns in einem fremdartigen Kauderwelsch zu üben, das das Gesetz nicht versteht“. Aber hier liegt auch eine der Schwächen des Buches. Denn wer genau ist eigentlich dieses „Wir“, das da spricht? Und wer das Ihr?

Gerade im nachgestellten Aufsatz „Vom Virus lernen“, der aus dem März dieses Jahres stammt, zeigt sich ein Hang zur Verwendung theoretischer Begriffe als diskursive Rasenmäher, der dem Giorgio Agambens nicht unähnlich ist. Warum sollen die allenthalben geforderten „Lockerungen“ denn nicht ebenso wie die Shutdowns der Ausdruck einer ganz eigenen „Immunologie der Gemeinschaft“ sein? Warum hält Preciado nur ein spezifisches „biopolitisches Dispositiv“ für maßgeblich? Ist die Gesichtsmaske, wie er schreibt, wirklich das neue Mittelmeer?

Im Angesicht eines neu formierten Feindes, einer Allianz aus autoritärem Neoliberalismus und salonfähigem Rassismus, setzt Preciado in den Kolumnen auf eine queere „Subjektivität im Plural“, auf den Kurzschluss aller Ausgeschlossenen: der Rassifizierten, Queers, Behinderten, Affen, Hunde, und, natürlich, der Katalon*innen. (Jüd*innen gehören dieser Gegenallianz dagegen nur als Metaphernreservoir an, wie die Rede von „der fortschreitenden Transformation der Flüchtlingscamps in Konzentrationslager“ zeigt.)

Aber wie viel haben sie alle denn wirklich gemein? Und bestünden die auszuübenden „Mikropolitiken des Übergangs“ nicht gerade darin, einmal nicht auf das große Ganze bezogen zu sein?

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