Theater in der Zeit von Corona: Was man anders machen kann

Studentinnen einer Bühnenbildklasse haben das Hebbel-Theater in Berlin umgestaltet. Es ist die Suche nach einem Neuanfang.

Ein Theatersaal, ohne Stuhlreihen, aber mit eckigen Sitzelementen, die man bewegen kann.

Auf die Bezüge der Sitze im Hebbeltheater sind Muster von Gabionen gedruckt Foto: Dorothea Tuch

Das ist schon ein seltsam martialischer Anblick. Im alten Hebbel-Theater, einem Jugendstilsaal, sind die Sitzreihen ausgebaut. Stattdessen stehen eckige Sitzelemente im Parkett, der Stoff bedruckt mit einem Muster, das von den Gabionen, mit Steinen befüllten Drahtgittern, kommt, die oft als Begrenzung benutzt werden. Visuell symbolisieren sie das Abstandhalten vom Nächsten, aber sie lassen sich auch für Gruppen zu einer flexiblen Sitzlandschaft zusammenstellen.

Das erläutern mir bei einer Führung über Bühne, Parkett und Foyer die beiden Studentinnen Olivia Schrøder und Paula Meuthen und die Bühnenbildnerin Janina Audick an einem Modell. Sie gehören zusammen mit Anneke Frank, Helena Schaber und Yaming Wang zur Bühnenbildklasse von Janina Audick, Professorin an der Universität der Künste. Zusammen haben sie das Konzept entworfen für eine „Mutation“ des Hebbel-Theaters.

Wie kann man aus der Not eine Tugend machen, wie mit den neuen Regeln für Besucher in der Zeit der Corona-Epidemie produktiv umgehen, das war die Ausgangsfrage, die sich das Leitungsteam im Hebbel-Theater im Frühjahr stellte. Aenne Quiñones, stellvertretende künstlerische Leiterin und Kuratorin, beauftragte deshalb Janina Audick mit den Studentinnen, ein Konzept für einen Umbau zu entwickeln. Es ging darum, nicht nur einen „amputierten Raum“ mit ausgebauten Sitzreihen zu sehen, „als stünde das Ende der Welt bevor“, erklärt Aenne Quiñones am Telefon, sondern, Hygienemaßnahmen inbegriffen, ein neues Raumerlebnis herzustellen.

Von Paul B. Preciado kommt das Motiv der Mutation

Das Leitmotiv der Mutation kommt aus einem Text von Paul B. Preciado, „Vom Virus lernen“, der seit Mai auf der Website des Theaters steht. Der Philosoph setzt sich darin mit der Geschichte der Biopolitik auseinander, dem Begriff der Immunisierung und den Grenzen zwischen Gesunden und Kranken. Im Bezug auf Covid-19 – er war selbst daran erkrankt – schlägt er einen Weg der Heilung durch eine gewählte statt durch eine gezwungene Mutation vor. Und diese gewählte Mutation bedeutet vor allem auch sozialpolitisch einen anderen Umgang mit Ausschluss und Grenzen.

Auf diesen Text beziehen sich viele Elemente der Umgestaltung. Bildhaft werden Antikörper, so nennen die Studentinnen große blaue tropfenförmige Podeste, die beweglich sind und Zuschauerraum und Bühne verklammern können. Auch auf der Bühne kann man sitzen, auf ausgebauten Klappsitzen aus dem Saal.

Ein Thema der Mutation ist der Gegensatz zwischen Natur und Technik, analog und digital, der in vielen hybriden Elementen symbolisch aufgehoben wird.

Ein Mensch im Automaten

Paula Meuthen beschreibt zum Beispiel den Getränkeautomaten, der statt einer Bar vor dem Theater steht: Aber in ihm steht doch ein Mensch und füllt die Fächer auf. Menschen übernehmen wieder die Arbeit von Automaten. Oder beim Eingangspersonal wird das Digitale zu Spiel: Sie spiegeln den Besucher:innen, die das Gebäude über zwei Schlangen für die rechte und linke Theaterhälfte betreten, ihr eigenes Gesicht in einem Smartphone-Display gemorpht wieder. Im Foyer trennt ein Vorhang aus Wasser die rechte und die linke Seite. Und zwischen den Zuschauern, die im Rang doch noch auf den alten Sitzen Platz nehmen können, sind jeweils mehrere Plätze von Moos besetzt.

Das alles ist erst mal ein Spiel, um Preciados These, wir müssen mutieren, um der Situation zu begegnen, einen visuellen und formalen Rahmen zu geben. Der Umbau, temporär und erst mal bis Dezember gedacht, wurde von Janina Audick und den Studentinnen auch mit den Künstlern besprochen, die dort arbeiten werden, um flexibel für das zu sein, was sie brauchen.

Für das Programm „Radical Mutation“, das am 23. September beginnt, wurden drei Gastkuratorinnen ans Haus geholt, Nathalie Anguezomo Mba Bikoro, Saskia Köbschall und Tmnit Zere, die an mehreren Abenden (bis 4. Oktober) Geschichten von Schwarzen und Schwarzen Deutschen in Berlin und Deutschland aufgreifen, Spuren folgen aber auch die Verluste markieren, wo Dokumente fehlen. Das Programm will Brücken schlagen zwischen der Gegenwart und „historischen Kämpfen für Gleichberechtigung, Antirassismus und Diversität“. Zur Eröffnung „Nobody Knows the Trouble I’ve seen“ kommt neben vielen anderen die Comedian İdil Baydar, die zur Zielscheibe rechter Bedrohungen geworden ist.

Doch bevor es losgeht, die ersten Besucher:innen wieder kommen, muss erst mal das Moos Platz nehmen, der Wasservorhang laufen, die Gabionensitze fertig werden. Für die Studentinnen von Janina Audick war dieser Auftrag auf jeden Fall eine einmalige Gelegenheit, ein Theater umzubauen und, wie Olivia Schrøder und Paula Meuthen sagen, den Groll über die Coronazwangspause, den Frust über die neue Realität umzulenken in etwas, das Spaß macht und Weichen stellt für die Frage, was kann man anders machen.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de