Sexuelle Gewalt durch Priester in Aachen: „Nur noch unsäglich“

Das Bistum Aachen hat dabei versagt, sexualisierte Gewalt gegen Kinder zu verhindern. So steht es in einem erschreckenden neuen Gutachten.

Silhouette des Aachener Doms

Unter Beschuss: Das Bistum Aachen, das im Aachener Dom mitansässig ist Foto: Andreas Neumeier/imago

BERLIN taz | Es ist ein vernichtendes Urteil: Laut einem unabhängigen Gutachten hat das Bistum Aachen in der Vergangenheit systematisch dabei versagt, Fälle von sexualisierter Gewalt gegen Kinder durch Geistliche zu verhindern, aufzuklären und aufzuarbeiten. Kleriker hätten einen „adäquaten Umgang“ mit solchen Fällen aktiv blockiert.

Bis 2019 habe es im Bistum 175 Opfer solcher Übergriffe gegeben, vor 2010 sei den Akten „nahezu keinerlei Bemühungen des Bistums zu entnehmen, auf die Opfer aktiv seelsorgerisch zuzugehen.“ Immerhin: Laut den Autor:innen habe sich der Umgang des Bistums mit Fällen sexueller Gewalt in den letzten zehn Jahren verbessert – wenn auch nur langsam.

Das Bistum selbst hatte die Münchner Anwaltskanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW) mit dem Gutachten beauftragt, das Ergebnis stellten die Jurist:innen am Donnerstag vor. Besonders schwer wiege laut den Autor:innen der Umgang mit den sogenannten „Versetzungsfällen“ im Bistum. Beschuldigte, teils auch schon verurteilte Priester seien später erneut in der Seelsorge eingesetzt worden, wo sie Gewalt ausüben konnten – und dies in mehreren Fällen auch wieder taten. Die Gutachter:innen bezeichnen es als „unsäglich“, dass die Priester die Chance erhielten, erneut zur Tat zu schreiten.

Konkret eines unangemessenen Umgangs mit den Fällen beschuldigt werden in dem Gutachten unter anderem die ehemaligen Bischöfe Johannes Pohlschneider, Klaus Hemmerle und Heinrich Mussinghoff. Nur letzterer lebt noch.

Es ist das erste Gutachten, das unabhängig und ohne Einschränkungen über Sexuelle Gewalt in einem Bistum erstellt werden konnte. Ähnliche Untersuchungen gab es auch schon in anderen Bistümern, allerdings ohne, dass die Ergebnisse veröffentlicht wurden. Gutachter:innen hatten regelmäßig mangelnde Kooperationsbereitschaft der kirchlichen Amtsträger beklagt.

Ein richtiger Schritt

Annegret Laakmann von der Bewegung Wir sind Kirche nennt es deshalb einen „Schritt in die richtige Richtung“ und „ungewöhnlich“, dass das Gutachten dieses Mal den Weg an die Öffentlichkeit gefunden hat. Sie ist nicht überrascht vom Ausmaß der Missbauchsfälle und den Versuchen des Bistums, die Täter zu schützen. „Das war absehbar“, sagt sie. Nicht nur einzelne Personen, das ganze System der Bistümer habe versagt.

Auch wenn sich zuletzt immer mehr Bistümer mit den Fällen sexualisierter Gewalt auseinandersetzten, fehle es den Amtsträgern immer noch an Verantwortungs- und Schuldbewusstsein, so Laakmann. „Die Kirche ist immernoch viel zu sehr darauf bedacht, das Gesicht zu wahren“. Sie fordert: „Amtsträger müssen öffentlich eingestehen: Wir haben falsch gehandelt“.

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