Sexuelle Gewalt an Kindern: Missbrauch noch immer alltäglich
In Vereinen, Heimen, Familien, in der Kirche: Sexuelle Gewalt an Kindern gibt es überall. Prävention, sagen Experten, beginnt mit Aufarbeitung.

Was ist seitdem passiert? Ist die Zahl der heutigen Übergriffe durch Aufklärung und Prävention gesunken? Finden die Opfer von damals jene Hilfe, die sie brauchen? Sind Nachbarn und Lehrer mittlerweile aufmerksamer und zeigen Taten eher an? Bergmann, die im Jahr 2010 Beauftragte für Fragen des sexuellen Missbrauchs wurde und jetzt Mitglied einer Aufarbeitungskommission ist, zieht eine herbe Bilanz: Sexuelle Gewalt ist noch immer fast überall und alltäglich vorhanden. Dagegen helfe in erster Linie Prävention, eine wichtige Basis dafür sei Aufarbeitung, sagt Bergmann: „Aber hier muss noch viel passieren.“
So forderte die frühere Frauensenatorin in Berlin (1991 bis 1996) den Berliner Senat auf, sich intensiv mit Missbrauchsfällen „mit staatlichem Siegel“ auseinanderzusetzen: Ende der 60er Jahre wurden Straßenkinder, meist Jungen, mithilfe der SPD-geführten Jugend- und Sozialverwaltung in die Obhut pädosexueller Männer gegeben. Bis in die 90er Jahre hinein betrieb der Senat eine pädophilenfreundliche Politik.
Eine jüngst vom Institut für Demokratieforschung in Göttingen dazu veröffentlichte Studie hat jede Menge Archivmaterial gesichtet. Das reicht nicht, beklagt die Kindheitsforscherin Sabine Andresen, Vorsitzende der Aufarbeitungskommission: „Wir müssen die Opfer hören, um zu verstehen, wie die Strukturen sind, die Missbrauch zulassen.“
Sabine Andresen, Kindheitsforscherin
Einen kleinen Einblick ins „System Missbrauch“ bekommen Bergmann, Andresen und andere Kommissionsmitglieder durch intensive Interviews mit Betroffenen. „Oft ist nicht nur das Kind betroffen“, sagt Andresen: Häufig seien schon die Mutter und die Großmutter Opfer von sexueller Gewalt gewesen, die wiederum das Leid ihrer Kinder duldeten. „Schweigen, Wegsehen, Ignorieren sind ebenfalls Taten“, mahnt Andresen.
Bis 2019 will die Kommission 500 Gespräche mit Betroffenen führen, 40 seien bereits geführt. Am 31. Januar 2017 soll es ein öffentliches Hearing geben. Viele Opfer, so Bergmann, wollen ihre Geschichten öffentlich machen. Darüber hinaus erwarten Betroffene, dass es endlich ein Opferentschädigungsgesetz gebe. Ein Referentenentwurf dafür soll demnächst präsentiert werden. Bergmann hofft, dass die sogenannte Härtefallregelung wegfalle: Bislang müssen Opfer nachweisen, dass ein Schaden, den sie haben, durch den Missbrauch entstanden ist.
Mit reinem Gewissen wissen
Auf taz.de finden Sie eine unabhängige, progressive Stimme. Frei zugänglich, ermöglicht von unserer Community. Alle Informationen auf unserer Webseite sind kostenlos verfügbar. Wer es sich aber leisten kann, darf – ganz im Zeichen des heutigen "Tags des guten Gewissens" – einen kleinen Beitrag leisten. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter, kritischer Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert
Koalitionsverhandlungen
Der SPD scheint zu dämmern: Sie ist auf Merz reingefallen
Parkinson durch Pestizide
Bauernverband gegen mehr Hilfe für erkrankte Bauern
Iranische Aktivistin über Asyl
„Das Bamf interessiert wirklich nur, ob du stirbst“
Anlegen nach dem Crash
Ruhe bewahren oder umschichten
Strafe wegen Anti-AfD-Symbolik
Schule muss Tadel wegen Anti-AfD-Kritzeleien löschen
Von Frankreich lernen
Wie man Rechtsextreme stoppt