Sexismus in arabischen Gesellschaften: Kuwaits #MeToo-Moment

„Ich werde nicht schweigen“: Wie ein Model vom Golf gegen sexuelle Belästigung in einer patriarchalen Gesellschaft aufbegehrt.

Ascia Al Faraj im Jahr 2014 gibt ein Interview - sie trägt auffälligen Schmuck und einen weißen Turban

Ascia AKF, Influencerin und Model, prangert sexuelle Belästigung in Kuwait an Foto: Jacqui Nightscales/getty images

BERLIN taz | Normalerweise geht es bei Ascia Al Faraj um Conditioner für lockiges Haar oder um die Frage, wie man den Rest seines Outfits zusammenstellt, wenn man morgens überraschend ein glitzerndes Oberteil im Kleiderschrank findet, das man ewig nicht getragen hat. Aber auf den TikTok-, Instagram- und Snapchat-Kanälen der Mode-Bloggerin aus Kuwait finden sich auch andere Themen: Da geht es um Geschlechterrollen in der Ehe oder um Rassimus gegen Schwarze Ara­be­r*in­nen in den Golfmonarchien.

Für Furore sorgen nun Videos, in denen die 31-jährige Influencerin sexuelle Belästigung in Kuwait anprangert. „In diesem Land gibt es ein Problem mit sexueller Belästigung, ich habe genug davon!“, konstatierte sie vor einigen Tagen in einem ersten Video. „Jedes Mal, wenn ich rausgehe, kommt jemand, der mich oder eine andere Frau auf der Straße belästigt.“

Nachdem sich das Video über ihre mehr als zwei Millionen Fol­lo­wer*innen hinaus verbreitet hatte und nicht nur auf Zuspruch stieß, schob Al Faraj an ihre Kritiker gerichtet hinterher: „Wenn ihr nichts von Substanz zu dieser Diskussion beizutragen habt, haltet den Mund!“ Sie und ihre Mit­strei­te­r*in­nen würden an etwas arbeiten, von dem letztlich alle in Kuwait profitieren würden, Frauen wie auch Männer.

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Mit ihrem Aufschrei hat Al Faraj, Tochter eines Kuwaiters und einer US-Amerikanerin und selbst Mutter zweier Kinder, in Kuwait eine Diskussion losgetreten, die an die weltweite MeToo-Bewegung von 2017 erinnert. TV-Shows haben taharrusch, Arabisch für sexuelle Belästigung, zum Thema gemacht, und unter dem Hashtag “Lan Asket“ („Ich werde nicht schweigen“) haben hunderte Frauen von ihren eigenen Erfahrungen berichtet.

„Ein Typ folgte mir in den Fahrstuhl“, schreibt eine Frau, die ihre Geschichte auf Instagram veröffentlicht hat, „er starrte mich an und machte sexuelle Kommentare, während er ununterbrochen den Tür-zu-Knopf betätigte. Ich trug sogar Kopftuch und anständige Kleidung. Die Leute müssen aufwachen, die sagen ‚Das würde dir nicht passieren, wenn du dich anständiger kleiden würdest.‘“

Auf einem eigens eingerichteten Instagram-Account und einer Online-Plattform berichten Frauen anonym von ihren Erfahrungen. „Kaum hatte ich den Account eröffnet, wurde ich mit Zuschriften von Frauen und Mädchen überschwemmt, die Geschichten über verbale, körperliche und sexuelle Belästigung erzählten“, sagt Shayma Shamo, die die Plattform ins Leben gerufen hat, nachdem sie eines der Videos von Al Faraj sah.

Sie habe nicht nur Geschichten von Kuwaitis gehört, sondern auch von indischen, philippinischen, russischen und spanischen Frauen, berichtet Shamo. Viele ausländische Frauen arbeiten als Hilfskraft in dem Golfstaat. Diese Expat-Community in Kuwait, ergänzt Al Faraj in einem ihrer Videos, sei in einem Maße verletzlich, das sich kuwaitische Frauen kaum vorstellen könnten.

„Kultur der Schande“

Das kuwaitische Strafrecht stellt sexuelle Belästigung explizit unter Strafe; vergangenes Jahr wurde zudem ein Gesetz gegen häusliche Gewalt verabschiedet. Doch herrsche eine „Kultur der Schande“, beklagt Shamo gegenüber France24. Frauen werde die Schuld für Belästigung gegeben, sodass viele es nicht wagten, innerhalb der Familie über das Thema zu sprechen oder die Täter gar bei der Polizei anzuzeigen.

In Kuwait, das als einziger Golfstaat ein gewähltes und einflussreiches Parlament hat, verfügen Frauen seit 2005 über das aktive und passive Wahlrecht. Bei der letzten Wahl im Dezember schaffte allerdings keine der 29 Kandidatinnen den Einzug ins Parlament. Die bisher einzige Abgeordnete verlor ihr Mandat sogar.

Ascia Al Faraj, auch bekannt als Ascia AKF, ist als Influencerin über die Grenzen des Landes hinaus bekannt. Sie hat eine eigene Modemarke und wurde international als Hidschab-Model berühmt, da sie stets mit muslimischer Kopfbedeckung auftrat. Sie arbeitete für Marken wie Ralph Lauren, Dior und Chanel. 2018 postete sie Bilder ohne Kopftuch und gab bekannt, dass sie sich künftig mit offenem Haar zeigen werde, um ins Reine zu kommen mit ihrer Identität.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben