Sechs Monate Alltag mit Corona: Gebt uns Heizpilze!

In Istanbul herrscht Maskenpflicht. Und es gibt dort die Lösung für den Berliner Winter. Die taz-Kulturredaktion über das Pandemieleben. Teil 6.

Eine Atemschutzmaske und herbstblätter liegen auf dem Boden

Maske – auf Türkisch, auf Deutsch, auf die Nase und auf den Mund, schließlich auf den Boden Foto: Stefan Zeitz/imago

Maske heißt auf Türkisch Maske. Wer in der Türkei das Haus verlässt, ist verpflichtet, den Mund-Nasen-Schutz übers Gesicht ziehen. Deswegen sieht man auf den Straßen selten Menschen ohne Maske.

In den vergangenen elf Monaten war ich zweimal in Istanbul. Im Winter und im Sommer, nach den Ausgangssperren, die jedes Mal bedeuteten, dass die Istanbuler vier Tage lang ihre Wohnung nicht verlassen durften. In den Phasen dazwischen herrschte ein striktes Regime. Spazierengehen am Bosporus? Verboten.

Als ich das hörte, kam mir die Berliner Lockdownzeit wie das Paradies vor. Es waren sonntags fast keine Autos gefahren, ich hatte Radtouren durch die Stadt gemacht. Es schien wie eine Reprise auf die Zeit kurz nach dem Mauerfall. Ich fuhr nachts durch leere Straßen, und das fühlte sich nicht apokalyptisch an, sondern utopisch. Das erhabene Gefühl, die Welt gehöre einem allein, stellte sich ein, so ähnlich, wie nachts zu schreiben und zu sehen, dass nirgends mehr Licht brennt.

Im Winter fuhr ich in Istanbul von der Kulturakademie Tarabya, wo ich wohnte, oft mit der U-Bahn Richtung Taksimplatz. Abends oder nachts wieder zurück. Bürgermeister Ekrem İmam­oğlu hatte gegen Skeptiker (das lohnt sich nicht) und Sittsamkeitsideologen (die jungen Leute sollen nachts gefälligst nach Hause gehen) durchgesetzt, dass die Metro am Wochenende durchfährt. Es war wohl eine der Maßnahmen, um das Wahlkampfmotto einzulösen, das ein 14-jähriger Fan von Ekrem Abi geprägt hatte: Her şey çok güzel olacak. Alles wird so schön werden.

Tagsüber war die U-Bahn voll. Es ging diszipliniert zu, aber saisongemäß wurde viel gehustet und geniest. Im Dezember hörte ich von der Epidemie in China. Die Idee, dass man die Ausbreitung eines Virus, das per Tröpfcheninfektion verbreitet wird, lokal eindämmen könnte, kam mir absurd vor. An Weihnachten hatte ich einen hartnäckigen Infekt, ich musste zwei Wochen lang husten. Ich huste sonst nie.

Die Filter und Routinen, die uns im Alltag vor sensorischer Überwältigung schützen, funk­tio­nieren an fremden Orten nicht mehr. Man registriert, beobachtet, sinniert. Im Sommer fragte ich mich, wann man Fünfe gerade sein lassen kann und die Maske leger über den Arm streifen. Auf der Promenade nahm ich sie oft ab. Auf dem offenen Deck der Fähren behalten sie die meisten auf. Manche nehmen sie ab und setzen sie nur kurz wieder auf, wenn neue Passagiere an Bord kommen. Für Frauen mit Kopftüchern gibt es Plastikteile, mit denen man die Schlaufen der Maske hinter dem Kopf zusammenhalten kann.

Oft habe ich im Winter vor der Ziba Bar gesessen. Manchmal setzte sich einer der Straßenkatzen auf meinen Schoß. Vor den Istanbuler Bars und Restaurants sind meist Heizungen angebracht, die von oben wärmen. Man muss beim Biertrinken nur für warme Füße sorgen. Ich hoffe auf die Renaissance des Heizpilzes in Berlin. Er wird uns über den Winter retten.

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