Sean Scully im Kunstmuseum Magdeburg: Der Geist kann in Farben leuchten
Das Kunstmuseum Magdeburg zeigt Sean Scully. Seine abtrakte Malerei lässt ins Schwärmen geraten, auch weil in ihr ein tiefer Humanismus steckt.
Magdeburg. Drei Tage Kaiser-Otto-Fest rund um den Tag der Deutschen Einheit. Auf dem Domplatz, vor dem Landtag Sachsen-Anhalts. Wer mittelalterlich kostümiert erscheint, erhält freien Eintritt. Ist das der Vorbote einer neuen Kulturpolitik, Stichwort: #deutschdenken? Das Fest gibt es seit 2010. Und Otto der Große (912–973) war, trotz lokaler Bedeutung, ein Herrscher gewichtigeren Formats.
Als seine sterblichen Überreste noch wenigen Wochen nach der Sanierung seiner Grablege im Dom feierlich wieder beigesetzt wurden, warnten Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Sven Schulze (CDU) und Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos) in ihren Wortbeiträgen vor seiner Vereinnahmung für ideologische Zwecke. Weimer sah Otto in erster Linie als Europäer: Ottos Staatsbild sei nicht völkisch, sondern christlich-inklusiv gewesen.
Einen Steinwurf vom Dom entfernt liegt das ehemalige Kloster Unser Lieben Frauen, sein vornehmlich romanischer Bau wurde bereits in der DDR zum Kunstmuseum der Stadt Magdeburg ausgebaut. Seit 2001 wird es von der Kunsthistorikerin Annegret Laabs, gebürtig aus Eisleben, geführt, mit dezidiertem Schwerpunkt auf internationaler Kunst der Gegenwart. Derzeit wird in einer großen thematischen Ausstellung der aus Irland kommende, zwischen Großbritannien, Deutschland und den USA lebende Künstler Sean Scully präsentiert.
Sean Scully: „Lines of Emotion“. Kunstmuseum Magdeburg Kloster Unser Lieben Frauen, bis 21. März 2027
Die Ausstellung ist keine Retrospektive des 1945 geborenen Scully, wie etwa vor einem Jahr in Hamburg. Vielmehr widmet sie sich seiner Beschäftigung mit der Farbe, als Ausdrucksträger auch der Emotionen. Der Rundgang, kongenial in den vier Obergeschossflügeln des Kreuzgangs inszeniert, beginnt so karg und monumental wie die Architektur der Räume. Scully setzte rund vier Meter lange Triptychen aus seiner 2008 begonnenen Serie der „Dorics“ an den Anfang. Sie zeigen verschachtelte, horizontal und vertikal ausgerichtete Blöcke aus Farbfeldern, die für ihn die Proportionen und Materialität griechischer Architekturen widerspiegeln.
Griechenland und Aluminium
Scully ist fasziniert von Griechenland, das Werk somit eine Hommage, denn er sieht in Athen die Wiege unserer Demokratie und gemeinsamer humanistischer Werte. In subtilen Farbskalen dekliniert er Grautöne durch: Im ersten Triptychon sind es kalte, in zweiten erdig warme. Dann kommt ein Grau, in dem man meint, es beinhalte immer noch etwas Rot. Und dann sind es sehr dunkle Grauwerte. Alle Grautöne sind in mehreren übereinander gelagerten Farbaufträgen entstanden.
Foto: Kunstmuseum Magdeburg
Als Trägermaterial dient Aluminium, das nur die Textur des Farbauftrags zulässt, also kein materielles Eigenleben wie etwa die Leinwand entwickelt. Das glatte Metall verleiht den Farben eine leichte Reflektion, lässt sie aus ihrem Inneren heraus leuchten.
Nie ein vollkommenes Schwarz
Aber Scully geht noch weiter: Die Farben entwickeln sich erst im Licht, im Raum und aus ihrer Entstehung. Ein Schwarz etwa, das über ein Gelb aufgetragen wird, kann nie ein vollkommenes Schwarz werden. Es bleibt immer ein Schwarz mit gelber Vorgeschichte. Eine direkt physisch spürbare Intensität geht von den Arbeiten aus, man geht magisch angezogen vor ihnen auf und ab, lässt die Tonwerte, Texturen und besonders die Komposition auf sich wirken.
Diese lässt waage- und senkrechte Begrenzungslinien, ohnehin offengehalten und den Untergrund durchblitzen lassend, nie plump aufeinander einrasten. Immer sorgt der minimale Versatz für leichte Irritationen. Scully zeigte sechs seiner „Dorics“ erstmals 2012 in Athen, sah sie als Kommentar zu dem damals von einer Finanzkrise und starken Sparpolitik gebeutelten Griechenland.
Wer also meint, abstrakte Kunstformen kreisten nur selbstverliebt um ihre eigenen Formalismen, wird durch Sean Scully eines Besseren belehrt. Seine Serie „Wall of Light“, darunter auch seine in der Ausstellung gezeigte „Königin der Nacht“ von 2003 mit intensiven Gelb-, Orange- und Rottönen, verarbeitet das Kolorit Mexikos sowie das starke Spiel von Licht und Schatten auf den Ruinen seiner Maya-Architekturen.
Oder sein Selbstversuch, in dem fünfteiligen Auszug aus „The 12 (Landline)“: Scully blickt von der Küste Irlands Richtung Amerika. Der Horizont ist nicht klar auszumachen, er oszilliert zwischen Erde, Meer und Himmel. Kaum verwunderlich, dass Scully die elementare Naturgewalt des Lichts stets auch metaphorisch interpretiert, als Ausdruck unserer gegenwärtigen Hoffnung und unserer zukünftigen Möglichkeiten, die er „solide in Stein“ zu manifestieren wünscht. Wie wäre es denn: statt einer Brandmauer besser eine Mauer aus Licht?
Nietzsche kontern
Unter den ausgestellten 32 großformatigen Werken befindet auch sein figurativer und farbfroher, an einen deutschen Expressionismus erinnernder Zyklus „Eleuthera“ von 2016/17. Er zeigt den damals siebenjährigen Sohn Scullys beim Spiel am Strand auf der gleichnamigen Bahamas-Insel. In Seitenkabinetten lassen sich kleinformatige Skizzen, Vorstudien und viel Assoziatives entdecken. So auch der Hinweis, dass der von Scully verehrte französische Ozeanforscher Jacques Cousteau ebenfalls die Insel Eleuthera liebte.
Direkt daneben hängt ein Blatt zu Friedrich Nietzsche. Dieser meinte, die Ordnung der Welt lässt sich nicht erfassen. Scully kontert selbstbewusst, dass er es zumindest versucht, im Gegensatz zu vielen seiner Zeitgenossen. Vielschichtig, tiefgründig, humorvoll, intellektuell fordernd ist die Kunst des Sean Scully, geht weit über eine pure Ansprache durch Farbe, Format, Motiv hinaus. Nichts für schlichte Gemüter – und umso hellsichtiger, sie gerade jetzt und hier in Magdeburg zu zeigen.
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