Schwulenfeindlichkeit in Hamburg: „Homophobia is real, Leute“

Sind die Gäste einer Schwulenbar nahe der Reeperbahn aus homophoben Motiv attackiert worden? Für die Betreiber steht fest: Die Hemmschwelle sinkt.

Mensch von der bunten Wand der "Wunderbar"

Seit sich die Szene nicht nur hinter verschlossenen Türen trifft, werden Übergriffe häufiger Foto: Niklas Grapatin/laif

HAMBURG taz | An diesem Dezemberabend liegt die Talstraße auf St. Pauli verlassen da. Nur wenige Schritte sind es von der Reeperbahn hierher, aber kein Mensch ist unterwegs. Trübe leuchtet die Reklame des Gay Kinos, wenige Meter weiter ist der Baldachin der Wunderbar ausgezogen, samt seinen Fransen – als sei nie was gewesen. „Wir steh’n auf Jungs“, steht an seiner Stirnseite.

Drinnen ist es ziemlich voll, ein paar Frauen sind da und viele junge Männer. Am Tresen ist noch ein Hocker frei. „Was willst du trinken?“, fragt der Mann hinter der Bar. Über ihm schweben Discokugeln, eine neben der anderen, und als sei das noch nicht genug, ist die Decke komplett mit silbern glänzender Folie ausgeschlagen. An den Wänden stehen Sessel, in denen sich die Gäste lümmeln, ein Weihnachtsbaum in der Ecke blinkt in unregelmäßigen Abständen rot auf.

Die Wunderbar steht in dem Ruf, St. Paulis „schwules Wohnzimmer“ zu sein: trotzdem ein Ort, an dem erst einmal alle willkommen sind, egal welchen Geschlechts und welcher sexuellen Orientierung. „Es gibt hier Regeln“, sagt Barchef René, der den ganzen Abend durch die Räume schwirrt, in einer Verschnaufpause, und zählt auf: „Kein Rassismus, keine Homophobie, keine Drogen“. Am Wochenende gibt es einen Türsteher, der schaut, wer reinkommt, aber es gebe eigentlich nie Ärger. „In elf Jahren gab es eine Schlägerei, die dauerte 30 Sekunden.“

Draußen vor der Tür allerdings existiert eine andere Welt, vor wenigen Wochen war das schmerzhaft zu spüren. Die Wunderbar feierte Halloween, draußen auf der Straße waren Bänke und Tische aufgestellt, die zahlreichen Gäste waren kostümiert und in bester Stimmung, als eine Gruppe sehr junger Männer von der Reeperbahn her vorbeikam.

Was genau dann passierte, ermittelt derzeit die Polizei, aber alle in der Bar stimmen darin überein, dass es zu einem Wortgefecht kam, in dessen Verlauf das Wort „Schwuchteln“ fiel, worauf die so Angesprochenen etwas gesagt haben sollen wie „Geht weiter“, der Wortlaut ist nicht ganz klar.

Die Polizei sagt, die beiden Angegriffenen seien als „Engelchen und Teufelchen“ verkleidet und gut als schwul zu erkennen gewesen.

Jedenfalls gingen zwei der jungen Männer von der Reeperbahn auf die beiden Gäste der Wunderbar zu und schlugen ihnen ins Gesicht. Zwischendurch sollen sie sich kurz entfernt haben, kamen dann aber wieder und machten weiter. Sie hörten erst auf, als Passanten und der herbeigeeilte Türsteher dazwischen gingen.

Der herbeigerufenen Polizei gelang es, die beiden Täter festzunehmen, sie sind 18 und wieder auf freiem Fuß und waren bis dahin durch Drogen- und Gewaltdelikte aufgefallen, aber nicht durch schwulenfeindliche Übergriffe. Die beiden schweigen, doch inzwischen geht die Polizei von einem homophoben Tatmotiv aus, weswegen die Staatsschutzabteilung des LKA den Fall an sich gezogen hat.

„Ein schwacher Trost: Zwei dieser Arschgeigen konnte die Polizei schnappen“, postete Wunderbar-Eigentümer Axel Strehlitz am nächsten Tag auf Facebook und bat die Angegriffenen, sich zu melden, „damit wir auch anderen mitfühlenden Gästen Infos geben können, wie es euch geht“.

Die beiden hatten die Party nach dem Angriff verlassen, meldeten sich dann aber bei Strehlitz, der einen Screen­shot der Nachricht des einen auf Facebook veröffentlichte: „hallo, hallo, hallo! sorry, fell asleep. sind mit dicker lippe und blutenden ohren davongekommen. sind körperlich ok, nur noch in schock.“ Und weiter: „ich bin einfach so fassungslos. homophobia is real leute.“

Neue Qualität der Gewalt

Drinnen am Tresen der Wunderbar, neben dem rot blinkenden Weihnachtsbaum, treten bei Barchef René die Kinnmuskeln hervor, als die Rede auf den Halloween-Zwischenfall kommt. Ob er wütend ist? „Ja.“ Sein Bar-Kollege Stephan sagt, dass er mit seinem Mann auf St. Pauli wohnt und die Erfahrung macht, dass die homophobe Hemmschwelle sinkt. „Aber das Gäste angegriffen wurden, hatten wir bisher nicht“, sagt Barchef René.

Wunderbar-Eigentümer Axel Strehlitz sagt am Telefon, dass ihm bei der Geschichte die Galle hochkomme, er fühle sich zurück in die 80er Jahre gebeamt. Eines der beiden Opfer habe zu ihm gesagt: „Vielleicht waren wir auch zu provokant angezogen?“ Die beiden seien junge, sehr intelligente Personen. „Da geht mir die Hutschnur hoch“, poltert Strehlitz.

Axel Strehlitz ist auf dem Kiez kein Nobody, neben der Wunderbar betreibt er weitere Läden, unter anderem zusammen mit dem ehemaligen FC St. Pauli-Präsidenten Corny Littmann das futuristische Klubhaus am Spielbudendenplatz. Strehlitz erzählt, dass sie während der Coronazeit wie viele andere Bars in Hamburg die Wunderbar-Gastrononie auf die Straße verlagert hatten. „Damit war schwules Leben plötzlich öffentlich sichtbar.“ Blöde Bemerkungen habe es vor der Wunderbar seitdem andauernd gegeben.

Strehlitz findet es gut, dass der Staatsschutz jetzt in der Sache ermittelt. Der Innensenator, erzählt er, habe sich über Zoom mit dem Team der Wunderbar unterhalten und versprochen, das Thema in der Innenministerkonferenz anzubringen. Es gab 3 Wochen nach dem Vorfall auch eine Solidaritätsdemo auf St. Pauli, Motto: „Der Kiez ist bunt“. 200 Menschen versammelten sich vor Strehlitz’ Klubhaus auf der Reeperbahn, bei eisigen Temperaturen. Die Demo endete vor der Wunderbar.

Staatsschutz ermittelt

Und doch, findet Strehlitz, läuft derzeit irgendwas schief. Vor dem Café Keese, auch eine Institution auf der Reeperbahn, sei eine Dragqueen angegriffen worden. Und nur wenige Meter von der Wunderbar entfernt, vor der S-Bahn-Station an der Ecke zur Talstraße, seien zwei Wochen vor Halloween vier Männer „zunächst verbal beleidigt und im weiteren Verlauf körperlich attackiert“ worden, so der Polizeibericht.

Der Angriff sei offenbar homophob motiviert gewesen. Durch die Faustschläge hätten zwei der Männer schwere Gesichtsfrakturen erlitten und ins Krankenhaus eingeliefert werden müssen, die Täter seien geflüchtet.

Auch diesen Fall hat der Staatsschutz übernommen, er läuft wie der Angriff vor der Wunderbar unter „Hasskriminalität.“ Der Staatsschutz hat gerade gut zu tun.

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Dieser Artikel stammt aus dem stadtland-Teil der taz am Wochenende, der maßgeblich von den Lokalredaktionen der taz in Berlin, Hamburg und Bremen verantwortet wird.

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