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Schwarz-rote VerhandlungenFeilschen bis in die Nacht

Die Koalitionsverhandlungen nähern sich dem Ende. Finanzen bleiben der Knackpunkt. Die ostdeutschen Ministerpräsidenten stärken der SPD den Rücken.

Ankunft vor dem Willy Brandt Haus: Karin Prien ist optimistisch und erwartet einen baldigen Durchbruch bei den Koalitionsverhandlungen Foto: Jens Schicke/imago

Berlin taz | Eigentlich wollte SPD-Chef Lars Klingbeil am Wochenende in die Türkei fliegen, zur Schwesterpartei CHP. Deren designierter Präsidentschaftskandidat Ekrem İmamoğlu sitzt derzeit im Gefängnis. Doch Klingbeil sagte ab und lässt sich von Serpil Midyatli vertreten: Der Parteivorsitzende wird in Berlin gebraucht, wo die Koalitionsverhandlungen auf die Zielgerade gehen. Ein Schlussspurt wird es wohl nicht.

Ab nächstem Jahr droht ein Haushaltsdefizit in zweistelliger Milliardenhöhe

Großer Knackpunkt ist nach wie vor das Thema Finanzen. Trotz der noch vom alten Bundestag erteilten Erlaubnis, zusätzliche 500 Milliarden Euro Schulden für Investitionen in Infrastruktur aufzunehmen, trotz der weitestgehenden Aufhebung der Schuldenbremse für zivile und militärische Verteidigungsausgaben droht der schwarz-roten nämlich schon ab nächstem Jahr ein Defizit in zweistelliger Milliardenhöhe.

Grund sind teure Wahlgeschenke wie eine Ausweitung der Mütterrente, ein ermäßigter Mehrwertsteuersatz für die Gastronomie, die Anhebung der Pendlerpauschale oder die Senkung der Strompreise für die Industrie. Zudem wollen Union und SPD steuerliche Entlastungen für Unternehmen und die arbeitende Mitte. Während die Union das durch Einsparungen finanzieren will, vor allem bei Bürgergeld und Migration, besteht die SPD auf einer Gegenfinanzierung durch höhere Steuern für Reiche.

In der Arbeitsgruppe Haushalt, Steuern, Finanzen war man sich dem Vernehmen nach eigentlich schon näher gekommen. Doch das öffentlich gewordene Arbeitspapier, welches die Gruppe am vergangenen Montag vorlegte, weist im Wesentlichen die gegensätzlichen Positionen der Wahlprogramme auf. Das Thema wird nun auf Ebene der Parteivorsitzenden verhandelt, eine Unter-Arbeitsgruppe aus Alexander Dobrindt (CSU), Jens Spahn (CDU), Achim Post (SPD) erarbeitet, wie die dpa berichtet, „Lösungskorridore“ und tagte nach Aussage von Dobrindt bis spät in die Nacht.

Die stellvertretende CDU-Bundesvorsitzende Karin Prien sagte am Donnerstag, sie erwarte einen baldigen Durchbruch bei den Koalitionsverhandlungen von Union und SPD. „Ich denke, dass wir das Richtung Ende der Woche auch weitgehend zum Abschluss bringen können“, sagte Prien der Nachrichtenagentur AFP.

Große Erwartungen

Druck kommt von allen Seiten. Der Arbeitgeberverband und der Zentralverband des Handwerks drängen vor dem Hintergrund der US-amerikanischen Zollpolitik auf eine schnelle Regierungsbildung und erwarten „wirtschaftsförderliches Handeln“, wie Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger dem Redaktionsnetzwerk Deutschland sagte. Eine Besteuerung Superreicher fordert hingegen ein Bündnis aus zehn Organisationen, darunter die AWO, Attac und das Netzwerk Steuergerechtigkeit.

Und auch die Mi­nis­ter­prä­si­den­t:in­nen der fünf ostdeutschen Flächenländer und Berlins, die sich am Donnerstag in der Hauptstadt getroffen haben, geben den Ver­hand­le­r:in­nen noch einen Katalog mit Forderungen mit in die Schlussrunde. Sie unterstrichen ihre Erwartung, dass die ostdeutschen strukturschwachen Regionen bei der Verteilung der Mittel aus dem Infrastrukturvermögen „hervorgehobene Berücksichtigung“ finden.

Außerdem sind sich die sechs Ministerpräsident:innen, von denen immerhin vier der CDU angehören, einig, dass es einer finanziellen Begrenzung der Pflegekosten bedarf und einer langfristigen Stabilisierung des Rentenniveaus bei 48 Prozent. Für 97 Prozent der ostdeutschen Rent­ne­r:in­nen stelle die gesetzliche Rente das einzige Alterseinkommen dar.

Beides sind Forderungen der SPD, bei denen die Union bislang kein Entgegenkommen zeigte. Hintergrund dürften auch hier die zu erwartenden hohen Kosten sein. Eins ist allerdings unstrittig: Vor Ostern wird Friedrich Merz nicht mehr zum Kanzler gewählt. Wieder eine Ankündigung, die er gebrochen hat.

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8 Kommentare

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  • Die Sorgen, die sich demokratische PolitikerInnen um das Allgemeinwohl machen, zeigt sich in der Zähigkeit von Koalitionsverhandlungen, bei denen es darum geht, einen Kompromiss zwischen unterschiedlichen Parteilinien und Wahlversprechen zu finden, der dann irgendwie als optimale, da demokratische Kompromisslösung gilt, die hernach alle Untertanen zufrieden und gleichermaßen unzufrieden zustellen hat. Das ist, nach dem Wahlrecht, die zweite demokratische BürgerInnenpflicht, und bürgerliches Bekenntnis dazu, dass den notwendigen Sachzwängen staatlicher Herrschaftsordnung Folge zu leisten ist. Immerhin scheinen 70,8% (2009) bis 91,1% (1979) der Wahlberechtigen dieser Logik zu gehorchen.

    Nur in Autokratien sind populärer Protest und Widerstand legitimer Ausdruck von Unzufriedenheit mit dem Regiert-werden. Den Unterschied macht, ob mit den Wahlen Konsequenzen für das Regierungspersonal und/oder für die Inhalte der Regierungspolitik folgen. Deutsche DemokratInnen setzen da ganz auf Stabilität.

  • Dass der SPD der Rücken gestärkt wird, lese ich zum ersten Mal in der taz.



    Während Einige kommunardInnen gerne das Feindbild SPD hochhalten, scheint man/frau im Osten wohl eher in der "afd" ein Problemchen zu erkennen.



    Nach dem Bundesverfassungsurteil wird in der Solifrage die SPD Position gestärkt. Der Soli ist derzeit ja eine Reichensteuer, die Olaf Scholz durchgesetzt hat.



    Bei stabilen Renten steht die Mehrheit der Deutschen ebenfalls hinter der SPD Position.



    Eine über den Soli hinausgehende Reichensteuer empfindet ebenfalls eine klare Mehrheit als gut.



    Lars Klingbeil erhält Zustimmungswerte von 35%, Merz sackt auf 25% ab.



    Das Alles ist sehr interessant. Vielleicht sollten die Deutschen vor der Wahl einfach mal die Parteiprogramme lesen...

    • @Philippo1000:

      Vielleicht sollten wird ein plebiszitäres Vetorecht nach Vorlage eines Koalitionsvertrag erzwingen. Lehnt eine Mehrheit das Regierungsprogramm ab, gibt es sofort Neuwahlen. Die Parteioligarchen müssten dann mehr Obacht bei Wahlversprechen und ihre Ohren näher an den WählerInnen haben. Soviel Demokratie war nie; und alles ohne langwierige Beteiligungsverfahren wie Bürgerräten.

      • @DemokratischeZelleEins:

        Als Jemand, der sich auch in der Politik ein paar Jahre betätigt hat, bin ich zu der Auffassung gelangt, das weniger manchmal mehr ist.



        Mehr Menschen bedeutet selten ein Mehr an Kompetenz.



        Und mehr Meinungen bedeutet zwar mehr Diskussion aber nicht unbedingt bessere Ergebnisse.

      • @DemokratischeZelleEins:

        Ein Koalitionsvertrag ist vom Grundgesetz her gar nicht vorgesehen.



        Den Unsinn haben wir nach der letzten Wahl gesehen: nach ein paar Wochen war mit dem russischen Einmarsch in der Ukraine die Geschäftsgrundlage entfallen. Trotzdem wurde das allermeiste durchgezogen.



        Die letzten sechs AKW hätte man vermutlich wenige Jahre weiterlaufen lassen, wenn der Krieg vor den Verhandlungen begonnen hätte. Den Strompreisen hätte es nicht geschadet.



        Früher gab es einfache Koalitionsvereinbarungen, die mehr Spielraum liessen. Es hat dem Land nicht geschadet.

  • Es ist wirklich unglaublich wie sich Merz und die Union über den Tisch ziehen lassen.



    Die Wähler haben mehr als deutlich das Ende der Ampel gefordert, haben SPD, Grüne und FDP zusammen mit minus 19,5% bedacht.



    Das war beispiellos. Eindeutiger geht es nicht🤷‍♂️



    Und was macht Merz?



    Lässt sich grüne Maximalforderungen beim Sondervermögen abringen und sogar noch ins Grundgesetz diktieren und nach allem was bisher an Plänen nach außen durchgestochen wurde, lässt sich Merz nun auch seine Wahlversprechen bezüglich Migration und Steuern von der SPD bis zur Unkenntlichkeit verwässern.



    Hat Merz nicht unmissverständlich versprochen, dass gerade in diesen Themen seine Position unverhandelbar sei?



    Zwischen 2021 und 2025 hat die AfD ihr Ergebnis verdoppelt. Binnen sechs Wochen seit der Wahl hat die AfD nahezu gleichgezogen mit der Union...



    Wie kann man diese Signale der Wähler nicht erkennen? Wie kann man da weitermachen wie bisher? Auch bei SPD und Grünen???



    Lerneffekt null. Sehenden Auges in den Frontalunfall.



    Wieder und wieder wird der Wählerwille ignoriert, seit Jahren zahlt dies NUR bei der AfD ein.



    Reaktion? Entsetzen, die Mitte beschwören und unverändert weitermachen.



    Das geht schief ⚰️

    • @Farang:

      Sie vergessen noch, dass es wieder Stimmen gibt, die die AfD verbieten wollen.



      Damit ist die rechte Stimmung aber nicht weg - sie sucht sich allenfalls neue Wege.

  • Die Welt bricht zusammen und in Deutschland vertreibt sich derweil die Zeit mit parteipolitischen Spielchen.



    Nur zur Festellung, dass man sich nicht um Haftbefehle des Intern. Gerichtshofs scheren werde, ist Zeit genug.



    Na dann... gute Nacht.