Schulstreik in Hamburg: Viele kleine Aufstände
Am Freitag protestieren Schüler:innen mehrerer Hamburger Schulen gegen Sparmaßnahmen und Wehrpflicht. Solidarität erfahren sie zunehmend von Eltern.
Zehn Minuten, bevor die zweite Pause startet, beginnen drei Schüler*innen vor dem Oberstufengebäude der Ida-Ehre-Schule in Hamburg-Eimsbüttel mit den Vorbereitungen. Sie bauen einen Tisch mit Infoflyern auf, hängen selbstgemalte Banner an das Schulgebäude und stellen eine Lautsprecherbox auf. Auf dem Gehweg vor der Schule soll gleich eine Kundgebung des Streikkomitees stattfinden.
Am Freitag hatte die Hamburger Ortsgruppe des Bündnisses „Schulstreik gegen die Wehrpflicht“ zum Aktionstag aufgerufen. Mit Infoständen, Schulhofkundgebungen und Blockaden protestierten Schüler*innen an ihren Schulen gegen die Wehrpflicht – und gegen Sparmaßnahmen an Hamburgs Schulen. Die Auswirkungen der seit dem Sommer laufenden Kürzungen würden die Schüler*innen längst spüren. „Es fällt öfter Unterricht aus, weil es keine Lehrer*innen gibt, die vertreten können“, sagt Oskar. Er ist Schulsprecher an der Ida-Ehre-Schule und Teil des Streikkomitees. „An den Schulen gibt es überall Mängel und marode Dinge, die ausgetauscht werden müssten. Die Klos sind dauernd kaputt“.
Am Aktionstag mobilisierten die Schüler*innen auch für den 20. November. Da soll zum fünften Mal der internationale Schulstreik gegen die Wehrpflicht stattfinden. Dafür waren bei den Kundgebungen am Freitag auch Studierende dabei, die von ihren Erfahrungen an den Unis berichteten und zum gemeinsamen Protest aufriefen. Durch das Streikkomitee sind sie in engem Kontakt miteinander, sagt Oskar, „Wir sind vor allem mit Schulen bei uns in Eimsbüttel sehr gut vernetzt. So können wir gut Aktionen zusammen machen“.
Die Vernetzung zeigt sich auch in anderen Stadtteilen. Nachdem sie die Eingänge ihrer Schulen blockiert hatte, gingen in Altona mehrere hundert Schüler*innen von vier Schulen am Freitag zusammen auf die Straße. Begleitet wurden sie dabei von mehreren Mannschaftswagen der Polizei. Vor einem Gymnasium kam es dabei zu Auseinandersetzungen. Auf Videos in den sozialen Medien ist zu sehen, wie Polizeikräfte Schüler*innen wegstoßen.
Eltern und Lehrer*innen unterstützen den Protest
An der Ida-Ehre-Schule verlief die Kundgebung ungestört. Rund 60 Schüler*innen versammelten sich vor dem Gebäude, hörten Redebeiträge und riefen Parolen wie „Die Reichen wollen Krieg, die Jugend eine Zukunft“ und „Hoch mit der Bildung, runter mit der Rüstung“.
Mit ihren Anliegen sind die Schüler*innen nicht allein. An der Ida-Ehre-Schule haben die Lehrer*innen dafür gestimmt, dass die Bundeswehr nicht eingeladen wird, erzählt Oskar. Schulen können sogenannte Jugendoffizier*innen der Bundeswehr in den Unterricht einladen, um mit ihnen über Konflikte, Sicherheitspolitik oder den Wehrdienst zu sprechen. Oskar ist froh, dass seine Schule Besuche der Bundeswehr ablehnt: „Die Bundeswehr wollen wir nicht an unserer Schule haben“.
Auch der Hamburger Verband der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) unterstützt die Forderungen der Schüler:innen. „Gerade als Bildungsgewerkschaft befürworten wir es, wenn die Schüler:innen ihre Stimme erheben“, so Yvonne Heimbüchel, stellvertretende Vorsitzende der GEW Hamburg, „Wir unterstützen auch das Anliegen der Schüler:innen gegen die Wehrpflicht.“ Die GEW hatte sich 2025 in einer Stellungnahme gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht ausgesprochen.
Bislang hat die GEW zwar auf Aktionen des Streikbündnisses hingewiesen, sich jedoch nicht selbst aktiv beteiligt. Am Dienstag will die GEW über einen Antrag beraten, inwiefern sie sich an kommenden Aktionen des Schulstreikbündnisses beteiligen wird. Für eine aktive Beteiligung der GEW an den Protesten müsse gewährleistet sein, dass die Aktionen friedlich und demokratisch seien, sagt Heimbüchel. Der breite Forderungskatalog der Schüler:innen ermögliche eine Unterwanderung durch fremde Gruppen. „Die Forderungen müssten geschärft und kontextualisiert werden“, so Heimbüchel, „Erfahrungsgemäß ist Klarheit wichtig.“
Can Karaarslan, Vorsitzender des Kreiselternrats Altona-Ost
Can Karaarslan, Vorsitzender des Kreiselternrats Altona-Ost, kritisiert hingegen eine Skandalisierung der Proteste, nachdem Sicherheitsbehörden und Politiker:innen vor einer vermeintlichen Gewaltbereitschaft und Unterwanderung der Proteste gewarnt hatten. Besonders im Vorfeld der „Gen Z regelt“-Demonstrationen am 31. Oktober hatte sich die Berichterstattung fast ausschließlich darauf konzentriert.
Natürlich könne auch über die Blockaden gestritten werden, so Karaarslan. „Aber die Debatte um die Form darf nicht die Debatte um den Inhalt übertrumpfen.“ Gerade nach dem sogenannten PISA-Schock seien die Kürzungen im Bildungsbereich nicht nachvollziehbar. „Das ist das Produkt politischer Entscheidungen“, meint Karaarslan, „Bildung ist eine strategische Ressource und schützt die Gesellschaft. Da kann man nicht sparen. Die Jugendlichen verstehen das.“
Die Stimmung unter den Eltern empfindet Karaarslan als „sehr engagiert“. Selten seien so viele Eltern bei den Elternratssitzungen seiner Schule gewesen. „Die Eltern kommen auf uns zu und fragen, was sie machen können.“ Das sieht Oskar ähnlich. „Die Eltern sind schon sehr aktiv, es gibt ja auch Eltern gegen Wehrpflicht.“ Auch am Freitag waren bei mehreren Kundgebungen Eltern vor Ort, um die Schüler:innen zu unterstützen und Unterschriften gegen die Kürzungen zu sammeln.
Zusammen planen Schüler:innen und Eltern bereits weitere Aktionen, um auf die Konsequenzen der Sparmaßnahmen aufmerksam zu machen. So soll am Dienstag eine gemeinsame Demonstration von Schüler:innen und Elternräten aus Hamburg-Eimsbüttel stattfinden.
Karaarslan betont die Unterstützung der Eltern für ihre Kinder. „Die Jugendlichen sind couragierte und mündige Bürger:innen.“ Allerdings sei es nicht einfach eine reine Solidarität der Eltern mit ihren Kindern. „Von den Forderungen der Jugendlichen profitieren wir alle.“
Dem stimmt auch die Hamburger Schüler:innenkammer zu, die am Freitag weiteren Protest gegen Bildungskürzungen ankündigte. Für den 7. Dezember planen die Schüler:innen einem „lauten Tag“, an dem es auch zu neuerlichen Streiks kommen könnte.
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