Schulstart trotz Corona in Brasilien: Keine Zeit für die Schule

Selbst wenn die Schulen in Brasilien bald wieder öffnen sollten: Viele Kinder werden wahrscheinlich nicht hingehen können.

Kinder in der Favela

Rio de Janeiro: Kinder in einer Favela Foto: Silvia Izquierdo/ap

Sie verkaufen Kaugummis an Ampeln, putzen Schuhe auf Bürgersteigen, schuften auf Feldern weit im Landesinnern: Millionen von Kindern in Brasilien müssen arbeiten. Expert*innen rechnen damit, dass der Anteil der arbeitenden Kinder durch die wirtschaftlichen Auswirkungen der Coronapandemie steigen wird.

„Wir befürchten, dass viele Kinder die Schule aufgeben werden, weil sie arbeiten müssen“, sagt die Aktivistin Marinalva Dantas der taz. Die 66-Jährige lebt im nordöstlichen Bundesstaat Rio Grande do Norte und kämpft seit fast drei Jahrzehnten gegen Kinder- und Sklavenarbeit. „Früher haben die Kinder vor allem an den Wochenenden gearbeitet. Nun tun viele dies jeden Tag, da die Schulen geschlossen sind.“

Obwohl Präsident Jair Bolsonaro in seinen cholerischen Ansprachen eine Wiedereröffnung der Schulen forderte und erklärte, dass Kindern keine Gefahr durch Corona drohe, haben bisher in nur einem Bundesstaat Schulen wieder geöffnet. Einzelne Landesregierungen diskutieren derzeit zwar einen baldigen Schulstart. Doch es ist davon auszugehen, dass die meisten Schulen in diesem Jahr geschlossen bleiben.

In den vergangenen Tagen waren leichte Rückgänge bei den Coronazahlen zu verzeichnen, doch das Virus wütet immer noch unkontrolliert im größten Land Lateinamerikas. Mehr als 110.000 Menschen sind bereits an Covid-19 verstorben, fast 4 Millionen Menschen haben sich infiziert. Die Pandemie trifft insbesondere arme Familien schwer. Viele informelle Arbeiter*innen haben ihre Jobs verloren, die Armut wächst im ganzen Land, mittlerweile hungern viele Menschen. So ist es kaum verwunderlich, dass immer mehr Kinder versuchen, durch Arbeit ihre Familien zu unterstützen.

Schule startet: Deutschland hat den Schulstart im Corona-Jahr bereits weitgehend hinter sich. Am oder kurz nach dem 1. September startet nun in vielen Ländern weltweit das Schuljahr. Viele Regierungen zögern jedoch mit einer Rückkehr zum Alltag – niemand möchte die Fehler Israels oder Australiens wiederholen. Dort wurden die Kinder zu früh wieder zusammen in die Schulen gesteckt, eine zweite Coronawelle war die Folge.

Schule startet nicht: Bleiben die Schulen geschlossen, fällt für Millionen Schüler:innen der Unterricht aus. Weil es keine stabile Internetverbindung gibt, weil die Familien keine oder nicht genügend Computer oder Smartphones haben. Ein Drittel aller Schulkinder weltweit, vermeldete Unicef vergangene Woche, blieb im Lockdown von Bildung ausgeschlossen: mehr als 463 Millionen Kinder und Jugendliche.

Das taz-Dossier: Die taz bringt zum globalen Schulstart 2020 Berichte unserer Korresponent:innen aus den USA, Brasilien, Uganda, den Niederlanden, China und weiteren Ländern. Alle Texte gebündelt finden Sie nach und nach hier.

Schon vor Corona arbeiteten in Brasilien 2,4 Millionen Kinder

Laut der Verfassung dürfen Kinder in Brasilien unter 16 Jahren nicht arbeiten. Bis sie 18 Jahre alt sind, dürfen Jugendliche nur mit strengen Auflagen arbeiten und sind von bestimmten Tätigkeiten komplett ausgeschlossen. Dennoch arbeiteten bereits vor Corona 2,4 Millionen Kinder. Das sind 4 Prozent aller Kinder.

Laut einer Studie des Statistikinstituts IGBE ist Kinderarbeit der Hauptgrund, warum Kinder die Schule frühzeitig verlassen. Die Regierung der sozialdemokratischen Arbeiterpartei (PT) unter Präsident Luiz Inácio „Lula“ da Silva versuchte gegen Kinderarbeit vorzugehen, indem sie Sozialleistungen an den Schulbesuch knüpfte. Die Aktivistin Dantas vermutet, dass viele Kinder in der derzeitigen Notsituation trotz möglicher Streichung von Sozialleistungen die Schule verlassen werden.

„Die Arbeit gibt vielen Kindern Anerkennung zu Hause und zudem ein Gefühl von Freiheit.“ Doch Dantas warnt vor den gesundheitlichen und sozialen Risiken. „Ich hatte mit einem Mädchen zu tun, die als junge Erwachsene Invalidin war, weil sie als Kind so hart gearbeitet hat.“ Weil es an Bildung fehle, sei es für Kinder später unmöglich, einen regulären Job zu finden.

Aktivistin Marinalva Dantas

„Wir befürchten, dass viele Kinder die Schule aufgeben werden, weil sie arbeiten müssen“

Dass in der Coronazeit mehr Kinder arbeiten, haben Dantas und ihre Kol­leg*innen bei ihrer alltäglichen Arbeit festgestellt. Doch ein Anstieg lässt sich in Rio Grande do Norte noch nicht mit Zahlen belegen. Das sieht in São Paulo anders aus. Laut einer Studie von Unicef hat die Kinderarbeit in dem Bundesstaat während der Pandemie um 21 Prozent zugenommen.

Viele Schüler*innen haben keine Smartphones oder Laptops

Emerson Szeremeta Ferreira ist Lehrer an einer öffentlichen Schule im sozial benachteiligten Süden der Megametropole São Paulo. Viele seiner Schüler*innen, die zwischen 8 und 13 Jahren alt sind, arbeiten, um ihre Familien zu unterstützen. „Als wir noch Unterricht hatten, schliefen viele Schüler im Klassenzimmer ein, weil sie abends Bonbons an Ampeln verkaufen oder Schrott sammeln mussten“, sagt Ferreira der taz. Ob einige seiner Schüler*innen wegen der Pandemie die Schule aufgeben werden, sei derzeit noch nicht abzusehen.

Viele Schulen bieten in der Krisenzeit Online-Unterricht über spezielle Apps an. Das Problem: Viele arme Schüler*innen haben weder Smartphone, noch Tabletts oder Laptop. „Zahlreiche arme Familien sind der Meinung, dass ihre Kinder den Unterrichtsstoff sowieso nicht mehr aufholen können und sie deshalb lieber arbeiten gehen können“, sagt Kinderrechtsaktivistin Dantas.

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