Schulstart in Berlin: Die Ignoranz der Politik

Das Schuljahr beginnt, doch viele Eltern, Schü­le­r*in­nen und Lehrkräfte fühlen sich weniger vorbereitet als vor einem Jahr. Ein fatales Signal.

Schulranzen stehen in einem Klassenzimmer, in dem auch Kinder sitzen

Klasse, es geht wieder los! Foto: dpa

Seit knapp eineinhalb Jahren leben wir im Pandemiemodus, und eine Lehre daraus ist, dass es wenige Gewissheiten gibt. Viele Prognosen in Sachen Corona sind eingetreten, etwa was die Gefährlichkeit des Virus angeht, die sozialen Folgen des Lockdowns, die Wirksamkeit so mancher Gegenmittel. Aber einige eben auch nicht, darunter selbst Vorhersagen der Wissenschaft zur Verbreitung.

Es überrascht daher nicht, dass auch zum Start des nun schon dritten Corona-Schuljahrs in Berlin das Prinzip Trial and Error gilt: Die Bildungsverwaltung versucht, mit normalem Präsenzunterricht zu starten, und man wartet einfach ab, wie lange das dank Masken, mehr Tests und Impfungen machbar ist. 2020 hat der Versuch bis zu dem bundesweiten Lockdown Mitte Dezember gedauert, und der wurde bekanntlich nicht wegen der Infektionslage an den Schulen notwendig.

Erstaunlich ist hingegen das Gefühl vieler Eltern und Schüler*innen, im Vergleich zu 2020 trotzdem deutlich unvorbereiteter ins Schuljahr zu starten. Und das liegt an der Ignoranz, mit der Po­li­ti­ke­r*in­nen auf Bundes- und Länderebene weiterhin den Bereich Bildung strafen.

Beispiel Luftfilter in Klassenzimmern: Wenn der Politik wirklich etwas am Unterricht im klassischen Sinne und an der Arbeit der Leh­re­r*in­nen dort läge – wäre es dann in den vergangenen 18 Coronamonaten so unmöglich gewesen, alle Räume mit dieser einfachen Technik auszustatten? In Berlin ist es nicht einmal die Hälfte, und mit dieser Bilanz kann sich Schulsenatorin Sandra Scheeres schon rühmen, bundesweit mit an der Spitze zu sein.

Eine Milliarde für die Wirtschaft! Und für die Bildung?

Gleichzeitig verkündet ihre Parteigenossin und SPD-Spitzenkandidatin für die Abgeordnetenhauswahl, Franziska Giffey, der Berliner Wirtschaft mindestens eine Milliarde (!) Euro für einen „Neustart“ zukommen lassen zu wollen. Wieder mal wird deutlich, wo die politischen Prioritäten liegen.

Beispiel Absprachen: Wie kann es sein, dass sich die Mi­nis­ter­prä­si­den­t*in­nen und die Kanzlerin erst am kommenden Dienstag zum Gipfel treffen und über die Rahmenbedingungen für die Schulen reden – also mehr als eine Woche nachdem in den ersten Ländern die Sommerferien vorbei sind? Auch hier ist das politische Signal: komplettes Desinteresse – unfassbar eigentlich angesichts des Wahlkampfs im Bund und in Berlin.

Niemand sollte sich deswegen wundern, wenn am Ende dieser Pandemie der Stellenwert der Schulen und die Anerkennung für das Berliner und das deutsche Bildungssystem noch weiter gesunken sein werden – allen möglichen Anstrengungen zur Digitalisierung zum Trotz.

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Jahrgang 1974, ist Leiter der Berlin-Redaktion der taz. Zuvor war er viele Jahre Chef vom Dienst in dieser Redaktion. Er lebt seit 1998 in Berlin und hat Politikwissenschaft an der Freien Universität studiert.

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