Lehrer Philip Schütze mit seinen Schülerinnen Lotta und Karla

Lehrer Philip Schütze mit seinen Schülerinnen Lotta und Karla Foto: Sebastian Wells/Ostkreuz

Schulen in der Coronakrise:Schichtarbeit

In Jena fehlen Klassenräume, in einer Berliner Schule steht plötzlich das Gesundheitsamt – Schulalltag mit Corona. Wie geht es nach den Ferien weiter?

Ein Artikel von

23.6.2020, 12:15 UHR

Um sechs Uhr fünfundvierzig betritt Antje Schure das Schulgebäude jeden Tag, steigt die breite Treppe des einstigen Städtischen Lyzeums hinauf, betrifft ihr Büro im ersten Stock, gleich neben dem des Schulleiters. Antje Schure ist 61 Jahre alt, und ohne sie wäre das Kollegium der Integrierten Gesamtschule „Grete Unrein“ in Jena aufgeschmissen. Sie organisiert die Stundenpläne für alle Klassen und Schularten, die die Gesamtschule unter einem Dach vereint: Hauptschule, Realschule, Gymnasium. 650 Schülerinnen und Schüler, mehr als 80 Lehrkräfte. Schon ohne Pandemie ist das eine Leistung. Mit Pandemie erst recht.

Seitdem sich die Bundesländer auf eine schrittweise Rückkehr zum Regel­unterricht verständigt haben, muss Schure einen Schulbetrieb mit Hygieneregeln, geteilten Klassen und dezimiertem Kollegium managen. Was es noch komplizierter macht: Ändert sich die allgemeine Lage, ändert sich auch der Schulbetrieb. Also ständig.

Anfangs, weil die Stadt Jena und das Land Thüringen unterschiedliche Vorgaben bei Maskenpflicht und Gruppengröße im Unterricht machten. Dann, weil nach den Unterrichtsversuchen mit den Abschlussklassen auch die anderen Jahrgangsstufen schrittweise zurückkamen. Und aktuell, weil Antje Schure auch die Abschlussprüfungen bedenken muss – die Räume, die sie dafür braucht, das zusätzliche Personal. „Ich stelle jeden Tag einen komplett neuen Stundenplan zusammen“, sagt Schure. „Anders funktioniert es nicht.“

Zum Beweis öffnet Schure – rote Chucks, runde Brille, kurzes Haar – eine Excel-Tabelle auf ihrem PC und scrollt durch die Stundenpläne der letzten sieben Wochen. Ende April kam als Erstes die Abiturklasse zurück in die „Grete Unrein“, Anfang Mai folgten die Abschlussklassen der Haupt- und Realschule. Mittlerweile haben wieder alle Jahrgangsstufen Unterricht, bis auf die 7. und 8. In einem Monat sind Sommerferien.

Der Unterricht erfolgt unter Auflagen: Alle Klassen sind geteilt, maximal 11 Personen dürfen zusammen in einem Raum sein. Als die Weisungen aus dem Ministerium kamen, hat das Kollegium Tische auf Abstand gerückt, Desinfektionsmittel besorgt und sich ein System ausgedacht, mit dem sich die einzelnen Gruppen möglichst nicht begegnen. Der neue Schulalltag hat sich eingespielt. Auf den Fluren und im Pausenhof tragen die Jugendlichen ihre bunten Mundschutzmasken und halten brav Abstand. In den Klassenzimmern ­stehen die Fenster offen, an den Zweier­tischen sitzen Schüler:innen nun allein.

Stundenplanerin Antje Schure

An der „Grete Unrein“-Schule in Jena stellt Antje Schure jeden Tag einen neuen Stundenplan zusammen. Foto: Roger Hagmann

Vor allem aber wechseln sich die Gruppen mit dem Präsenzunterricht ab. Während die eine Klassenhälfte in der Schule ist, bekommt die andere Fernunterricht. Nach einer Woche wird getauscht. Jede Gruppe hat ihr fixes Klassenzimmer, für alle Fächer. Diese Maßnahme bringt die Stundenplanerin Schure am meisten in Bedrängnis: Wenn diese Woche auch die letzten beiden Jahrgangsstufen zurückkehren, geht ihre Rechnung nicht mehr auf. „Mit unseren 31 Klassenräumen kommen wir nicht mehr hin“, sagt Schure, die selbst Französisch unterrichtet. „Uns bleibt nichts anderes übrig, als die 9. und die 12. Klassen bis kurz vor den Sommerferien nach Hause zu schicken.

Mit ihrem Schichtbetrieb ist die Jenaer Gesamtschule dennoch voll im Soll. Ende April haben sich Bund und Länder darauf verständigt, dass jede Schülerin und jeder Schüler vor den Sommerferien tage- oder wochenweise in die Schule zurückkehren soll. An der „Grete Unrein“ werden es für alle Schüler:innen sogar vier Wochen gewesen sein. Davon können andere Schulen nur träumen. In manchen Städten klagen Eltern, dass ihre Kinder maximal ein paar Stunden die Woche wieder in die Schule dürfen.

Die Unzufriedenheit vieler Familien mit dem Mix-Modell dürfte ein Grund dafür sein, warum die Länder sich bei den Schulöffnungen beeilen. Seit Wochen lautet die Parole: Möglichst bald zum Regelunterricht zurückkehren. Ohne geteilte Klassen, ohne Abstandsregeln. Sachsen, Sachsen-Anhalt, Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein und Thüringen haben dies an ihren Grundschulen schon umgesetzt. Erst vor wenigen Tagen haben die 16 Kultusminister:innen bekräftigt, dass spätestens nach den Sommerferien Schluss sein soll mit Kleingruppen und Schichtbetrieb. Also auch an der Gesamtschule „Grete Unrein“, an der fast zwei Drittel des Kollegiums zur Corona-Risikogruppe gehört.

Doch wie kann ein Regelunterricht funktionieren, wenn die Mehrheit der Lehrkräfte – nähmen sie Rücksicht auf die eigene Gesundheit – wenig beitragen kann? Oder anders gefragt: Wie sinnvoll ist Präsenzunterricht, wenn das halbe Kollegium zu Hause bleiben sollte?

Wer lässt schon gerne die Kolleg:innen im Stich? Die Politik nimmt in Kauf, dass sich Lehrer:innen mit dem Coronavirus anstecken

Spricht man Rüdiger Schütz auf das kommende Schuljahr an, zuckt er mit den Achseln. Eigentlich kann es ihm gleichgültig sein. Schütz, ein fröhlicher Mittsechziger mit weißer Mähne, Schulleiter der IGS „Grete Unrein“, scheidet im August aus dem Schuldienst aus. Wie seine Schule die neue Linie umsetzt, darüber müssen sich andere den Kopf zerbrechen. Doch Schütz macht sich Gedanken. 40 Jahre lang hat er hier gearbeitet, seine komplette Schullaufbahn. „Ich glaube, so schnell, wie es sich die Ministerien wünschen, wird es nicht gehen“, sagt er. Schon jetzt laufe die Schule ja nur, weil fast alle gefährdeten Kolleginnen und Kollegen bereit waren, weiter Kleingruppen zu unterrichten. Und weil viele jüngere und gesunde Leh­rer:in­nen fremde Klassen übernahmen. Ein Engage­ment, das Schütz weder für selbstverständlich hält noch überbewerten möchte. „Wir sind vielleicht einfach so sozialisiert worden: gemeinsam füreinander einstehen.“ Er könne aber jeden Kollegen verstehen, der als Angehöriger einer Risikogruppe nicht ab August wieder vor einer vollen Schulklasse stehen möchte.

Wie hoch der Anteil der Risikogruppen in den Lehrerzimmern ist, wissen die Ministerien nicht. Was ihnen bekannt ist: dass bundesweit jede achte Lehrkraft über sechzig ist, das sagt das Statistische Bundesamt. Schätzt man dann noch grob einen Anteil Raucher:innen über fünfzig und Personen mit Vorerkrankungen hinzu, könnte sich die Risikogruppe innerhalb der gesamtdeutschen Lehrerschaft auf bis zu 20 Prozent summieren. Auch wenn sich nicht alle von ihnen im neuen Schuljahr vom Präsenzunterricht freistellen lassen – der Regelunterricht dürfte seinem Namen kaum gerecht werden. Schon jetzt, mitten in der Coronakrise, melden manche Bundesländer einen Krankenstand von 15 bis 20 Prozent unter ihren Lehrer:innen.

Vielleicht hoffen die Länder auf den Sachsen-Effekt: Als der Freistaat Mitte Mai als erstes Bundesland auf Abstandsregeln in Kitas und Grundschulen verzichtete, hagelte es Kritik an der Entscheidung, vor allem von Lehrerverbänden. Bei den Freistellungen vom Präsenzunterricht schlägt sich das dann nieder: Laut sächsischem Landesamt für Schule und Bildung haben sich in den ersten beiden Wochen nach Schulöffnung gerade mal 3 Prozent der Grundschullehrer:innen wegen Corona befreien lassen.

Schulleiter Rüdiger Schütz

Das neue Schuljahr wird ohne Schulleiter Rüdiger Schütz beginnen. Er sorgt sich trotzdem darum. Foto: Roger Hagmann

Auch Thüringen hat in der ersten Woche des regulären Grundschulunterrichts diesbezüglich gute Erfahrungen gemacht, heißt es aus dem Kultusministerium in Erfurt. Eine stichprobenartige Erhebung habe zudem ergeben, dass 80 Prozent der Lehrkräfte in Risikogruppen freiwillig am Präsenzunterricht teilnähmen. Auf das Pflichtbewusstsein seiner Beamt:innen scheint das Bildungsministerium zu bauen: „Die Tatsache, dass in Thüringen der Wiedereinstieg in den Schulbetrieb bei allen Sorgen und Schwierigkeiten, die es gibt, gut gelingt, zeigt mir, dass unsere Lehrkräfte mitziehen und mit Kreativität und Flexibilität auf die immer neuen Situationen reagieren“, sagt der Bildungsminister Helmut Holter (Linke) der taz. Selbstverständlich nehme er die Sorgen der Lehrkräfte ernst. Ein Ergebnis dieses Versprechens: Das Ministerium hat vergangene Woche FFP2-Schutzmasken für Schulen bereitgestellt. Außerdem sollen sich Lehrkräfte noch vor den Sommerferien auf Corona testen lassen können. Hilft das?

Anruf bei Kathrin Vitzthum. Sie ist Landesvorsitzende der Bildungsgewerkschaft GEW und mit dem Bildungsminister regelmäßig im Austausch. Sie sagt: „Man sieht, dass Herr Holter die Sorgen der Lehrkräfte ernst nimmt. Aber 45 Minuten mit so einer Maske unterrichten ist aus unserer Sicht nicht praktikabel“, sagt Vitzthum. Außerdem sei es absurd, dass die Schülerinnen und Schüler, von denen ja eine Ansteckungsgefahr für Lehrkräfte ausgehe, im Unterricht ausdrücklich keine Maske tragen müssten.

Vor allem aber kritisiert Vitzthum, dass das Ministerium die Entscheidung über Freistellung oder freiwilligen Präsenzunterricht auf die einzelne Lehrkraft abwälzt. „Ich sehe, dass der gesellschaftliche Druck, die Schulen zu öffnen, sehr hoch ist.“ Diesen Druck spürten die Lehrer:innen in den Lehrerzimmern: „Wer lässt schon gerne die Kolleg:innen im Stich?“ Die Politik nehme in Kauf, dass sich Lehrer:innen mit dem Coronavirus ansteckten. Denn eines sei klar: „Es wird mit Sicherheit auch im neuen Schuljahr zu Corona-Ausbrüchen an Schulen kommen“.

Tatsächlich mussten in den vergangenen Wochen einige Schulen wegen Infektionen schließen: in Wuppertal zwei Grundschulen, in Magdeburg hat es binnen weniger Tage 11 Schulen erwischt. Selbst Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU), die sich zuletzt klar pro Öffnungen ausgesprochen hatte, warnte in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, der normale Schulbetrieb sei „nicht gesichert“ Das Virus sei nicht weg. „Wir müssen immer wieder damit rechnen, dass Schulen geschlossen werden müssen.“

Am Mittwoch vergangener Woche erhält Philipp Schütze einen Anruf. Es ist 9 Uhr, Schütze Lehrer an einer Gemeinschaftsschule in Berlin, eigentlich soll er dort gleich arbeiten, als er das Gerücht hört: Ein Coronafall an der „Paula Fürst“, an seiner Schule. Es ist ausgerechnet jener Tag, an dem Kanzlerin Merkel und die Ministerpräsident:innen die Abstandsregeln für verzichtbar erklären. Schütze, selbst Klassenleiter einer jahrgangsübergreifenden Grundschulklasse, weiß zunächst nicht: Ist seine Klasse betroffen? Kann er jetzt überhaupt in die Schule gehen?

Ein paar Stunden später steht Schütze – kurze Hose, grauer Mundschutz mit weißen Punkten – in dem geräumigen Klassenzimmer im fünften Stock des klotzigen Backsteingebäudes im Berliner Stadtteil Charlottenburg. Er erzählt von dem Anruf, den vielen Fragen und der entscheidenden Antwort: Seine Klasse stand nicht in Kontakt mit der erkrankten Schülerin, er kann sie unterrichten. Oder genauer: die halbe Klasse. Denn auch in Berlin –herrscht strikter Schichtbetrieb, auch an den Grundschulen. Für Schützes Schüler:innen heißt das: Gruppe A kommt am Montag, Gruppe B am Mittwoch. Wie alle übrigen Kinder der Jahrgangsstufen 4–6. Am Dienstag und Donnerstag sind die Jahrgangsstufen 1–3 an der Reihe. Am Freitag werden einzelne Schüler:innen betreut und der Kontakt mit den Eltern gepflegt. Dazwischen: Homeschooling – Lern-Apps und Videokonferenzen.

„Manche Schülerinnen und Schüler kommen aber dennoch dreimal die Woche“, sagt Schütze. Etwa, wenn beide Eltern berufstätig sind oder der Lernerfolg aus einem anderen Grund nur durch den Schulbesuch sichergestellt werden kann, sie bekommen eine Art Notbetreuung. Und dann erzählt er von den vielen Unterschieden seiner Schülerschaft. Davon, dass hier Hochbegabte und Kinder mit Förderstatus zusammen lernen. Damit das funktioniert, setzt die Schule auf individualisierten Unterricht. „Wir machen null Frontalunterricht“, sagt Schütze. Tatsächlich arbeiten alle Kinder still an ihren Einzeltischen, nur selten müssen Schütze oder sein Co-Klassenleiter, der ebenfalls anwesend ist, eine Frage beantworten. „Die Selbstständigkeit der Kinder macht sich jetzt natürlich bezahlt“, sagt Schütze. Viele könnten zu Hause problemlos lernen, nur einem geringen Teil mache der Schichtbetrieb zu schaffen.

Philip Schütze vor dem Eingang des Schulgebäudes

Als der Anruf kam, fragt sich Lehrer Philipp Schütze: Ist seine Klasse betrroffen? Foto: Sebastian Wells/Ostkreuz

Und die Eltern? „Gemischt“, sagt Schütze.Insgesamt spüre er von den Eltern seiner Schüler:innen aber keinen Druck, die Schule sofort und ganz zu öffnen. „An anderen Schulen ist der Leidensdruck der Eltern offenbar höher.“ Das hat er so in seinem Umfeld gehört.

Die Sommerferien, die in Berlin schon Ende Juni beginnen, kann Schütze dringend gebrauchen. „So viel gearbeitet wie seit Corona habe ich noch nie“, sagt er. Er ist Klassenleiter, Ansprechpartner für seine Schüler:innen, Technikberater für die Eltern und Administrator der Schulcloud, dazu regelmäßige Notfallbetreuung und ständig wechselnde Vorgaben aus dem Berliner Senat. Und natürlich hätten sie im Kollegium auch Diskussionen über die Coronamaßnahmen. Zum Beispiel über die Maskenpflicht.

Die Bildungsverwaltung drückt sich davor, ihren Lehrer:innen den Mund-Nasen-Schutz in der Schule vorzuschreiben. „Wenn es aber nicht alle machen, macht es auch wenig Sinn“, sagt Schütze. Kolleg:innen von ihm sehen das anders, vor allem wenn gleichzeitig die Kinder, die während der Schulzeit mühsam getrennt werden, am Nachmittag zusammen spielen. Schütze ist konsequent. Er trägt im Schulgebäude stets Maske, auch wenn er länger spricht.

Brigitte Kather empfängt ohne Maske. Die Mitarbeiter vom Gesundheitsamt sind erst vor ein paar Minuten weg. Sie haben Abstriche von allen genommen, die mit der kranken Schülerin in Kontakt standen, die Ergebnisse kommen in zwei Tagen. Kather ist die Leiterin der Schule, sie achtet auf Abstand, das Fenster steht weit offen. Viel Zeit hat sie nicht. Am Freitag ist eine Abiturprüfung im Freien geplant, kommende Woche dann steht schon die Zeugnisvergabe für die restliche Schule an.

Kommt der Verzicht auf Abstandsregeln nach dem Sommer zu früh, Frau Kather? „Wenn ich an unseren Coronafall heute denke, bin ich nicht sicher, ob es die richtige Entscheidung ist“, antwortet sie. Für sie sei sehr positiv, wie schnell und professionell das Gesundheitsamt gehandelt habe. Kather sagt aber auch: „Wenn wir selbst entscheiden dürften, wie wir im neuen Schuljahr starten, würden wir weiter im Schichtbetrieb bleiben.“

Inzwischen sind die Ergebnisse aus dem Gesundheitsamt da: Fünf Schüler:innen und drei Angestellte der Paula-Fürst-Schule sind positiv getestet worden. Die Abiturfeier wurde abgeblasen, seit Montag ist die Schule geschlossen. Nun kommen die Sommerferien. Für einige Berliner Schüler:innen starten sie mit einem Coronatest.

Einmal zahlen
.

■ Das neuartige Coronavirus trägt die offizielle Bezeichnung SARS-CoV-2. Es ruft die Krankheit mit dem offiziellen Namen Covid-19 hervor. Der Virus ist von Mensch zu Mensch übertragbar.

Ab Januar 2020 hatte sich das Virus von der Stadt Wuhan in der chinesischen Provinz Hubei her ausgebreitet – inzwischen weltweit.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat die Ausbreitung des Coronavirus am 11. März 2020 zur Pandemie erklärt, also zu einer weltweiten Epidemie.

Alle Artikel der taz zum Thema finden sich im Schwerpunkt Coronavirus.

Eine Pandemie ist eine weltweite Epidemie, also regional nicht begrenzt. Bei einer Pandemie überträgt sich ein neuartiger Virus von Mensch zu Mensch.

■ Da es keine Grundimmunität gibt, keine spezifischen Medikamente und keine Impfung, führt das zu einer hohen Zahl an teils schweren Erkrankungen und Toten. Dies kann unter anderem zu einer Überlastung des Gesundheitssystems führen, wie es beispielsweise in Italien bereits regional zu beobachten war. Deshalb ist das Ziel, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, damit nicht zu viele Menschen gleichzeitig schwer erkranken.

Auf eine weitreichende Beschränkungen sozialer Kontakte hatten sich am 22. März 2020 die Bundeskanzlerin und Regierungschefs der Länder geeinigt. Damit sollte der Anstieg der Fallzahlen verlangsamt und eine Überlastung des Gesundheitssystems möglichst verhindert werden. Im April sowie im Mai beschlossen Kanzlerin und Länderchefs dann schrittweise Lockerungen. Die Kontaktbeschränkungen bleiben grundsätzlich bis zum 29. Juni bestehen. Details regeln weiterhin die Länder. (Hier eine Übersicht der Bundesregiergung zu Regelungen in den Ländern). Im Fall regionaler schneller Anstiege der Infektionszahlen sollen die Behörden vor Ort sofort mit neuen Beschränkungen reagieren.

■ Einen Abstand von mindestens 1,5 Metern soll man weiterhin draußen zu allen anderen Menschen außer der Begleitung einhalten.

■ Ein Mund-Nasen-Schutz muss in ganz Deutschland beim Einkaufen und im Öffentlichen Personennahverkehr getragen werden.

■ Seit Anfang Mai gilt: Angehörige zweier Haushalte dürfen sich grundsätzlich treffen – beispielsweise also zwei Familien oder zwei Wohngemeinschaften. In einzelnen Bundesländern gibt es darüberhinaus Spezialregelungen.

Schulen und Vorschulen sollen unter Auflagen noch vor dem Sommer wieder für alle Kinder öffnen.

■ In Kliniken und Pflegeeinrichtungen wurden die Regeln gelockert: PatientInnen oder BewohnerInnen können wieder durch eine bestimmte Person besucht werden.

Alle Geschäfte in Deutschland dürfen unter Auflagen wieder öffnen – ohne Quadratmeterbegrenzung der Verkaufsfläche.

Im Sport ist das Training unter freiem Himmel wieder erlaubt. Freizeitsportler müssen sich aber an bestimmte Auflagen halten. So muss eine Distanz von mindestens 1,5 Metern gewährleistet sein.

Die Fußball-Bundesliga hat die Saison seit Mitte Mai mit Geisterspielen fortgesetzt – zumindest die erste und zweite Liga der Männer. Die Fußballbundesliga der Frauen bleibt hingegen zunächst ausgesetzt. Vor Publikum werden in dieser Saison in jedem Fall keine Spiele mehr stattfinden.

Großveranstaltungen bleiben bis zum 31. August verboten.

Bei Restaurants sollen die Bundesländer eine schrittweise Öffnungen selbst regeln. Auch für Kinos, Theater, Hotels oder Kosmetikstudios haben die Ländern die Lockerungen eigenständig zu verantworten.

■ Spielplätze sind unter Auflagen wieder geöffnet – darauf einigten sich Kanzlerin und Länderchefs bereits am 30. April.

Gottesdienste und Gebetsversammlungen sind wieder zugelassen – unter besonderen Anforderungen des Infektionsschutzes. Taufen, Beschneidungen und Trauungen sowie Trauergottesdienste sollen im kleinen Kreis möglich sein.

Museen, Ausstellungen, Gedenkstätten, Zoos und botanische Gärten können unter Auflagen wieder öffnen.

Aktuelle Fallzahlen zum Coronavirus in Deutschland veröffentlicht das Robert-Koch-Institut (RKI).

Eine ausführliche Darstellung der COVID-19-Fälle in Deutschland bis auf Landkreisebene hat das RKI in einem Corona-Dashboard zusammengestellt. Auch gibt es tägliche Situationsberichte heraus.

Internationale Zahlen hat unter anderem die Weltgesundheitsorganisation WHO in einer interaktiven Grafik aufbereitet.

■ Ebenso weltweite Fallzahlen stellt die Johns Hopkins University auf einer interaktiven Karte dar.

■ Die Unterschiede bei den Fallzahlen von RKI, WHO und Johns Hopkins University bedeuten nicht, dass die Zahlen falsch sind. Differenzen ergeben sich vielmehr aus Melde-Verzögerungen und unterschiedlichen Quellen: Dem RKI werden die Fallzahlen von den Gesundheitsämtern über das jeweilige Bundesland übermittelt. Es meldet die Zahlen nach einer Prüfung dann weiter an die WHO – so kommt es zu Verzögerungen. Die Daten der Johns Hopkins University kommen nach eigenen Angaben aus verschiedenen öffentlich zugänglichen Quellen und können daher von jenen Zahlen von RKI und WHO abweichen.

Eine Erkrankung an Covid-19 nach einer Infektion mit dem Coronavirus äußert sich laut Bundesgesundheitsministerium durch grippeähnliche Symptome, wie trockenem Husten, Fieber, Schnupfen und Abgeschlagenheit. Auch über Atemprobleme, Halskratzen, Kopf- und Gliederschmerzen, Übelkeit, Durchfall sowie Schüttelfrost sei berichtet worden.

Die Inkubationszeit beträgt nach aktuellen Erkenntnissen wohl bis zu 14 Tage: Das heißt, dass es nach einer Ansteckung bis zu zwei Wochen dauern kann, bis Symptome auftreten.

■ Wichtig: Infizierte können den Virus schon übertragen, wenn sie selbst noch keine Symptome bemerken.

Der Coronavirus wird vor allem mit einer Tröpcheninfektion übertragen. Laut Robert-Koch-Institut sind theoretisch auch eine Schmierinfektion (über kontaminierte Oberflächen) und eine Ansteckung über die Bindehaut der Augen möglich. Nach bisherigen Erkenntnissen verlaufen mehr als 80 Prozent der Erkrankungen vergleichsweise mild. Wer meint, sich mit dem Coronavirus angesteckt zu haben, sollte unbedingt

zu Hause bleiben und zum Telefon greifen. Dann entweder

■ beim Hausarzt anrufen

oder beim

■ Ärztlichen Bereitschaftsdienst: ☎ 116 117.

Telefonisch gibt es zudem noch weitere Stellen für Informationen:

■ Die Unabhängige Patientenberatung ist zu erreichen unter: ☎ 0800 – 011 77 22

Ein Bürgertelefon hat das Bundesgesundheitsministerium eingerichtet unter: ☎ 030 – 346 465 100

Für Gehörlose und Hörgeschädigte ist ein Beratungsservice des Gesundheitsministeriums per Fax zu erreichen: ☎ 030 – 340 60 66 07, sowie per Mail unter info.deaf@bmg.bund(dot)de und info.gehoerlos@bmg.bund(dot)de

Ein Gebärdentelefon mit Videotelefonie findet sich unter: www.gebaerdentelefon.de/bmg/

Die aktuellen Risikogebiete für Ansteckungen hat das Robert-Koch-Institut bis zum 10. April 2020 veröffentlicht. Mittlerweile hat sich Covid-19 weltweit ausgebreitet. Ein Übertragungsrisiko bestehe daher „sowohl in Deutschland als in einer unübersehbaren Anzahl von Regionen weltweit“, schreibt das RKI.

Für Reisende gibt es weitere Informationen zu Covid-19 und Reisewarnungen beim Auswärtigen Amt.

■ Zum Infektionsschutz gibt es auf den Seiten der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) umfassende Anleitungen zum richtigen Händewaschen, zu den angemessenen Regeln beim Niesen sowie auch Merkblätter zu allgemeinen Hygiene- und Verhaltensregeln.

■ Niesen oder Husten soll man möglichst in die eigene Armbeuge und versuchen, sich seltener ins Gesicht zu fassen.

Händwaschen sollte man regelmäßig und zwar mindestens 20 Sekunden mit Wasser und Seife.

■ Reduzieren sollte man den Kontakt zu anderen Menschen derzeit so stark wie möglich, empfiehlt die BGzA. Wenn man doch in der Öffentlichkeit unterwegs ist, soll man möglichst einen Abstand von zwei Metern zu anderen Menschen einhalten.

■ Das Infektionsschutzgesetz (IfSG) gilt bundesweit einheitlich und bisher richten sich die Maßnahmen der Behörden nach diesem Gesetz, schreibt unser rechtspolitischer Korrespondent Christian Rath in seinem Überblick zur Rechtslage.

■ Die Katastrophenschutzgesetze der Länder sind anwendbar, sofern sich die Lage zur Katastrophe zuspitzen sollte.

■ Die Bundeswehr kann im Rahmen der Amtshilfe heute schon tätig werden, etwa im Sanitätsbereich oder zur logistischen Unterstützung. Im Extremfall kann sie auch im Inland eingesetzt werden, um (gemeinsam mit der Polizei) die öffentliche Ordnung zu bewahren oder wiederherzustellen, etwa wenn geplündert wird oder Krankenhäuser belagert werden.

■ In den „Notstandsgesetzen“ ist das geregelt, zu denen die Artikeln 35, 87a und 91 des Grundgesetzes zählen. Die „Notstandsgesetze“ wurden 1968 gegen den Widerstand der Außerparlamentarischen Opposition (APO) beschlossen.

■ Gerüchte, Falschmeldungen und Verschwörungstheorien über das Coronavirus kursieren derzeit viele.

■ Aufklärung über viele Corona-Falschmeldungen bietet unter anderem der Verein Mimikama.at.

■ Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO hat in englischer Sprache eine eigene Seite zur Aufklärung von Mythen über den Coronavirus veröffentlicht.

■ Zu den häufigsten Fragen hat das Robert-Koch-Institut ein FAQ zu Corona veröffentlicht.

■ Weitere Fachinformationen finden sich ebenso auch auf einer Überblicksseite des Robert-Koch-Instituts.

■ Verhaltens- und Hygienetipps und ebenso in einem FAQ die häufigsten Fragen beantwortet die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung auf ihrer Corona-Übersicht auf infektionsschutz.de.

■ Umfassend informieren kann man sich auch beim Bundesgesundheitsministerium.

■ Eine weltweite Übersicht bietet die Weltgesundheitsorganisation WHO.

Bundesweite Telefonnummern im Überblick:

Ärztlicher Bereitschaftsdienst: ☎ 116 117

Unabhängige Patientenberatung: ☎ 0800 011 77 22

■ Bürgertelefon des Bundesgesundheitsministeriums: 030 346 465 100

Beratungsservice für Gehörlose und Hörgeschädigte: Fax: 030 / 340 60 66 – 07 sowie per Mail: info.deaf@bmg.bund(dot)de / info.gehoerlos@bmg.bund(dot)de

Gebärdentelefon (Videotelefonie): www.gebaerdentelefon.de/bmg

■ Bei Sorgen ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr erreichbar unter: 116 123 sowie 0800 / 111 0 111 und 0800 / 111 0 222.

■ Infos über Corona auf Türkisch hat die taz in ihrem Text „Koronavirüs Almanya'da“ zusammengestellt.

■ In weiteren Sprachen sammelt die taz Info-Texte under taz.de/coronainfo

■ Hygiene-Infos in weiteren Sprachen bietet die BZgA in Hygiene-Merkblättern unter anderem auf Türkisch “Viral enfeksiyonlar – hijyen korur!“ (PDF) sowie auf Englisch “Viral infections – hygiene works!“ (PDF)

Leichte Sprache: Informationen zum Coronavirus in Leichter Sprache stellt das Bundesgesundheitsministerium zur Verfügung.

Gebärdensprache: Das Bundesgesundheitsministerium beantwortet Fragen mittels Videotelefonie und ist dafür über ihr Gebärdentelefon zu erreichen. Dazu gibt es hier noch mehr Infos. Das Gebärdentelefon ist von Montag bis Donnerstag von 8 bis 18 Uhr sowie am Freitag von 8 bis 12 Uhr erreichbar. Ebenso möglich sind Fragen per Fax: 030 / 340 60 66 – 07 oder per E-Mail: info.deaf@bmg.bund(dot)de oder info.gehoerlos@bmg.bund(dot)de.

■ Weitere Sprachen: Kurze Info-Flyer der Johanniter auf Englisch (PDF), Dari (PDF), Arabisch (PDF), Farsi (PDF), Türkisch (PDF), Russisch (PDF), Italienisch (PDF) und Französisch (PDF) hat der Bundesfachverband unbegleitete minderjährige Flüchtlinge bereitgestellt.

International: Informationen zum Coronavirus in verschiedenen Sprachen stellt zudem die Weltgesundheitsorganisation WHO bereit.

wir pausieren vorübergehend die Kommentarfunktion: Wir freuen uns darauf, bald wieder von Euch zu hören.

-

Bis dahin wünschen wir Euch eine gute Zeit!
Eure taz