Schülerinnen über Schule in der Pandemie: „Lehrer sollen sich entspannen“

Celin und Zora haben keine Angst, sich in der Schule anzustecken. Sie finden die Maske wichtig. Am meisten stört sie der gestiegene Leistungsdruck.

Schüler:innen in einem Klassenraum

Was sagen eigentlich die Schüler:innen zu den Corona-Konzepten? Hier eine Schulklasse in München Foto: Matthias Balk / dpa

taz: Hattet ihr heute normalen Unterricht?

Zora: Nein, ich hatte eine Online-Stunde, weil die Lehrkraft schwanger ist. Es gibt mehrere Lehrkräfte, die zur Risikogruppe zählen, deshalb haben wir bereits eine Mischung aus Distanz- und Präsenzunterricht. Ich weiß von drei Kohorten an meiner Schule, die in Quarantäne sind, die haben also auch keinen normalen Unterricht. Aber ich weiß nicht, ob das alle sind. Wir haben ja zu den jüngeren Jahrgängen kaum noch Kontakt. Unser Schulhof ist in Felder eingeteilt, damit sich die Kohorten nicht mischen. Und wir Oberstufenschüler:innen sind angehalten, den Schulhof zu verlassen, damit es nicht zu eng wird. Wir dürfen auf den Parkplatz …

Und bei dir, Celin?

Celin: Wir haben nur drei Schulstufen und versetzte Pausen, die Jahrgänge sollen unter sich bleiben. Viele Lehrkräfte machen Online-Unterricht und Montag hatten wir keine Schule, weil wir sonst auf einen anderen Jahrgang getroffen wären.

Läuft der Online-Unterricht jetzt besser als im Frühjahr?

Zora: Die Voraussetzungen sind besser als im Frühjahr, aber auch nicht richtig gut. Theoretisch haben jetzt wenigstens alle Lehrkräfte die ­Tablets, aber es haben nicht alle an den Schulungen teilgenommen, deshalb können nicht alle damit umgehen. Und nicht alle Schüler:innen haben ein internetfähiges Endgerät oder einen Drucker.

Aber ein Smartphone haben doch alle, oder?

Celin: Ja, aber darauf kann man kein Word-Dokument bearbeiten. Und bei uns haben von 23 nur zwei, drei Leute einen Drucker und zwei haben kein zuverlässig funktionierendes Internet.

Muss überhaupt noch so viel ausgedruckt werden? Das soll doch alles digital laufen.

Zora: Es wird sehr viel ausgedruckt.

Celin: Bei uns auch.

Was haltet ihr davon, wenn nur noch in Halbgruppen unterrichtet würde?

Zora: Es fällt mir schwer, mich da eindeutig zu positionieren. Es spricht viel dafür, um die Ansteckungsgefahr zu verringern und dass dann nicht mehr so viele Leute gleichzeitig in Quarantäne müssten. Aber der Online-Unterricht ist einfach nicht so effektiv wie der Präsenzunterricht. Da entsteht auch viel Leerraum, weil oft die Präsenzstunden dazu genutzt werden müssen, um den Online-Unterricht nachzuarbeiten. Wir haben zu Hause die Aufgaben gemacht und dann in der Schule verglichen.

Celin: Mir geht es genau so. Auch bei uns wurde der Präsenzunterricht fast nur fürs Korrigieren genutzt. Und viele haben ihre Aufgaben gar nicht gemacht.

Zora, 17, macht 2021 Abitur am Alten Gymnasium in Bremen.

Celin, 17, ist in der 11. Klasse am Schulzentrum Bremen-Walle.

Beide engagieren sich in der Gesamt­schüler:innenvertretung Bremen. Sie haben darum gebeten, dass ihre Nachnamen nicht genannt werden und kein Foto erscheint.

Zora: Mir wäre Halbgruppenunterricht lieber als gar keiner, aber ich bin am Alten Gymnasium in einer privilegierten Situation, wir haben einfach viele Ressourcen hier.

Celin: Bei uns in Walle ist das anders. Im Mathe-Unterricht wurde zum Beispiel deutlich, dass die beiden ohne Internet sehr hinterherhängen. Von manchen Themen hatten die einfach noch nie gehört.

Habt ihr eigentlich Angst, zur Schule zu gehen?

Zora: Nein, ich bin 17, ich glaube nicht, dass ich schwer erkranken würde. Aber es geht ja nicht nur um mich, sondern um diejenigen, die ein erhöhtes Risiko einer schweren Erkrankung haben.

Fühlst du dich eingeschränkt?

Zora: Ja. Ich liebe es, Leute zu umarmen, das mache ich nicht mehr. Und ich habe den Kontakt zu Menschen, die ich ohne Maske treffe, jetzt krass reduziert. Dabei bin ich eigentlich immer mit ganz vielen Leuten zusammen. Aber wie gesagt, ich finde die Rücksichtnahme richtig.

Jüngeren Menschen wird oft vorgeworfen, sie würden die Pandemie befeuern, weil sie sich nicht an die Abstandsregeln halten. Stimmt das?

Zora: Ich würde sagen, solche Leute gibt es in allen Generationen. Es stimmt, junge Leute haben einen anderen Lebensstil. Der macht es ihnen schwer, die Maßnahmen umzusetzen. Sie treffen in der Schule sehr viele Menschen – was Leuten im Homeoffice nicht passiert.

Als Oberstufenschüler:innen müsst ihr seit den Herbstferien im Unterricht Maske tragen. Wie findet ihr das?

Zora: Für mich persönlich ist es schon eine Einschränkung. Wir müssen zum Beispiel zum Trinken das Gebäude verlassen und gerade in den Klausuren ist es schwierig. Ich finde es aber richtig, damit auch diejenigen in die Schule gehen können, die zu einer Risikogruppe gehören. Die wollen das auch, weil sie sagen, sie bekommen zu Hause nicht genug mit.

Halten sich denn alle an die Maskenpflicht?

Celin: Bei uns sind es nur wenige, die sich nicht daran halten, werden dann aber von anderen darauf hingewiesen.

Was denkt ihr, wäre jetzt eine gute Maßnahme?

Zora: Ich weiß nicht, ob es jetzt richtig wäre, die Schulen wieder für zwei Wochen komplett zu schließen wie im Frühjahr, um dann zu sehen, ob dann die Infektionszahlen sinken. Es gibt einfach Leute, für die ist die Situation zu Hause schlimm, da gibt es Gewalt. Grundsätzlich denke ich, sollte einfach mehr Geld in Bildung und den Gesundheitsbereich gesteckt werden, dann hätten wir jetzt viele Probleme nicht wie mangelnde Hygienestandards in den Toiletten oder dass die Schulen so der Digitalisierung hinterherhinken.

Celin: Es wäre gut, wenn sich alle Lehrer:innen fortbilden würden.

Habt ihr noch mehr Wünsche?

Zora: Weniger Leistungsdruck. Und FFP2-Masken auch für Schüler:innen mit Bedarf, weil sie selbst oder ihre Angehörigen zur Risikogruppe gehören.

Celin: Ich wünsche mir, dass sich die Lehrkräfte entspannen. Mir kommt es so vor, als würden die versuchen, jetzt so viele Prüfungen wie möglich reinzudrücken, um das erledigt zu haben, bevor die Schulen ganz schließen. Ich habe im November acht Klausuren und ganz viele Präsentationen.

Zora: Ich denke auch, dass man über Maßnahmen diskutieren sollte, die Schüler:innen entlasten wie ein Durchschnitts­abi oder angepasste Prüfungen, weil so viel Stoff verloren gegangen ist. Reguläre Prüfungen helfen hier gerade niemand. Wir können ja nicht mal zusammen in der Freizeit lernen, weil nur zwei Haushalte zusammenkommen dürfen. Lerngruppen sind für viele aber wirklich notwendig.

Habt ihr die Pandemie im Unterricht behandelt? Wie es euch damit geht?

Zora: Nee, für so etwas ist kein Platz im Lehrplan, Emotionales findet keine Beachtung. Es gab eher so taktische Hinweise. Wie muss man sich jetzt verhalten. Und in Mathe haben wir in der Exponentialrechnung damit gearbeitet.

Celin: Ich bin im Gesundheitsprofil, da beschäftigen wir uns viel mit dem Thema.

Aber ihr macht nichts, was euch die Verarbeitung des Geschehens erleichtert?

Zora: Nach dem ersten Lockdown sollten wir im darstellenden Spiel einen Monolog halten.

Celin: Mein kleiner Bruder ist in der Fünften, in einer Musikklasse. Da haben die mit ihren Instrumenten ihre Gefühle dargestellt. Das fand ich toll.

Zora: Unser Schulsystem ist auf Leistung ausgerichtet. Auf besondere Bedürfnisse wird im Unterricht keine Rücksicht genommen.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben