Schließung einer Obdachlosentagesstätte: „Warmer Otto“ kaltgestellt

Die bekannte Tagesstätte für Wohnungslose in Moabit macht dicht. Die Empörung bei Betroffenen und Hel­fe­r:in­nen ist groß.

Auf einem Schild stehen die Worte "Wohnungslosentagesstätte Warmer Otto" und "Berliner Stadtmission" geschrieben

Viele kommen nicht nur wegen des Essens – für manche ist dies der einzige Ort des sozialen Treffens Foto: dpa/Sophia Kembowski

BERLIN taz | Vor dem „Warmen Otto“ hat sich ein gutes Dutzend Männer versammelt, viele haben Koffer dabei oder ihr Hab und Gut in Plastiktüten verpackt. Es ist kurz vor 13 Uhr, alle warten auf die Öffnung der Wohnungslosentagesstätte in Moabit, wo es gleich warme Suppe gibt. Dass damit ab nächster Woche Schluss ist, wollen die meisten nicht kommentieren.

Nur ein chic gekleideter älterer Herr mit Hut und schwarzem Mantel will was sagen: „Ich sehe das überhaupt nicht ein“, beschwert er sich. „Ich bin jeden Tag hier, das gilt auch für die meisten anderen. Es ist Familie, wir kennen uns ja alle. Außerdem kann man telefonieren, duschen, Wäsche waschen. Man fühlt sich geborgen.“

In den 38 Jahren seines Bestehens ist der „Warme Otto“ zu einer Institutionen der Wohnungslosenhilfe geworden. Hunderte Menschen ohne festen Wohnsitz geben ihn als Postadresse an, im Keller stehen Spinde zur Unterbringung von Besitz, es gibt eine Kleiderkammer, Beratung, auch eine spezielle für EU-Bürger*innen – und man kann tagsüber im Warmen sitzen. Im letzten Coronawinter, wo fast alle Tagesangebote für Wohnungslose dicht waren, wurde der Otto zu einer besonders beliebten – und stets vollen – Anlaufstelle.

Umso überraschender war die Nachricht, dass der Betreiber, die Berliner Stadtmission, den Otto dichtmacht: „Die bisherigen Räumlichkeiten werden den gewachsenen fachlichen und rechtlichen Anforderungen nicht mehr gerecht und stellen keine zukunftsfähige Basis dar“, heißt es auf der Webseite. Man sei aber auf der Suche nach einem neuen Ort.

Unterschreiben gegen Schließung

Kai Oeynhausen, der nach eigenem Bekunden seit vier Jahren Gast im Otto ist und die Sache mit einer E-Mail an die Berliner Presse bekannt machte, findet die Begründung „an den Haaren herbeigezogen“. Die Räumlichkeiten seien nicht erst seit gestern heruntergekommen, erklärt er wütend. „Klar müsste da was gemacht werden, aber wieso schließt man jetzt – wo der Winter anfängt?“ Bis Ersatz gefunden sei, müsse der Otto aufbleiben, fordert er – und startete eine Unterschriftenaktion.

160 Menschen habe er schon auf seiner Liste, erzählt er stolz am Telefon. Auch in der Tagesstätte liegen Listen aus, zwischen 300 und 400 sollen dort in einer knappen Woche unterschrieben haben.

Auch die AG der Berliner Wohnungslosentagesstätten fordert die Offenhaltung des Otto. „Die Berliner Wohnungslosentagesstätten kommen jetzt schon an ihre Auslastungsgrenzen. Die Schließung des Warmen Ottos würde die Situation extrem verschärfen“, heißt es in einer Presseerklärung.

Ebenfalls empört ist eine ältere Nachbarin des Warmen Otto namens Edeltraud Immel-Sauer. Nachdem sie von der Schließung erfahren hat, hat sie einen Brief formuliert, der an die Stadtmission und Presse adressiert ist. Im Brief protestiert sie gegen die Schließung kurz vor Wintereinbruch und fordert die Verantwortlichen dazu auf, den Warmen Otto erhalten zu lassen.

Niemand hat mehr Lust

Karen Holzinger, Leiterin des Fachbereichs Wohnungslosenhilfe der Stadtmission, versteht die Empörung, erklärt sich aber für machtlos. Es sei leider nicht gelungen, ein neues Team auf die Beine zu stellen, nachdem das alte in Rente gegangen sei. Drei neue Sozialarbeiter hätten gekündigt, zwei erst Mitte Oktober.

Offenbar seien die Arbeitsbedingungen im Otto, auch wegen baulicher Mängel, nicht mehr annehmbar. „Der Generationenwechsel ist uns nicht gelungen“, bedauert sie. Immerhin soll die Poststelle bis Jahresende an drei Tagen pro Woche öffnen. Auch an ihre Spinde könnten die Menschen so lange noch ran, verspricht Holzinger.

Ihre Hoffnung, schon bald in Mitte etwas Neues zu eröffnen, könnte aber verfrüht sein. Der neue Bezirksstadtrat für Soziales, Carsten Spallek (CDU), erklärte: Der Bezirk plane „ein vergleichbares Angebot“ – gegebenenfalls auch mit einem anderen Träger.

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