Schalke 04 orientiert sich nach oben: Die Schönheit des Hässlichen
Mit dreckigen Siegen und künstlicher Intelligenz hat der Zweitliga-Spitzenreiter in die Spur gefunden. Sie könnte in die Erste Liga führen.
W er aufsteigen will, so geht die alte Weissagung, muss auch die dreckigen Spiele gewinnen; braucht ohnehin das notwendige Glück. Das gilt gerade in dieser wie ausgependelt wirkenden Zweitligasaison, in der aktuell die ersten fünf Mannschaften nur fünf Punkte trennen. Und in der obendrein auch Abstiegskandidaten regelmäßig in der Lage sind, den Topmannschaften äußerst unangenehme Fragen zu stellen.
Wenn dem so ist, dann hat Schalke nicht nur wegen seines zarten Vorsprungs von zwei Punkten auf den Rest die besten Chancen. In dieser Saison haben sie auch das notwendige Glück. Gegen Bielefeld reichte ein glücklicher Abstauber Edin Džekos, um den nächsten hässlichen Sieg einzufahren; wobei hässlich an dieser Stelle natürlich eine Frage der Perspektive ist. Am Bildschirm sieht Schalkes Fußball tatsächlich grausam aus, als müsste man 90 Minuten einem Ochsen zusehen, wie er bei nasskaltem Nebelwetter einen Pflug durch den Acker treibt. Im Stadion aber ist so viel Freude wie lange nicht mehr: Jede Grätsche wird bejubelt, und da es sehr viele Grätschen gibt aktuell, strahlt über der Arena wochenends die Sonne der Freude.
Schuld daran ist auch Libuda, also „Stats Libuda“, eine KI, die Spieler nach der neu definierten Schalke-DNA sortiert. Ein Scoutingsystem, das vor allem auf eher primäre Qualitäten setzt: Sprints, Zweikampfquote, abgerissene Kilometer. Dass sie den Bumms nicht Marc Wilmots benannt haben, ist eines der großen Rätsel der Ära der Künstlichen Intelligenz.
Eigentlich, so hätte man nach der Winterpause denken können, könnte sich das Repertoire von S04 erweitern: neben Edin Dzeko (der nun gar nicht die neuen Schalke-Qualitäten mitbringt, aber nach fünf Toren in sieben Spielen schon jetzt zweitbester Torschütze im Team ist) kam ja auch zum Februar Adil Aouchiche. Den hatte die KI als „zu gut“ für Schalke aussortiert; wobei zu gut meint, dass er auch mal einen sauberen Pass spielt. Und vor allem auch saubere Standards schlagen kann. Das hat in der Hinrunde gefehlt. Auch das Tor gegen Bielefeld fiel nach einer Aouchiche-Ecke.
Es folgten im Spätwinter dann tatsächlich Spiele, in denen auch Unbeteiligte im Geschehen auf dem Rasen „Fußball“ erkennen konnten, unter anderem ein fulminantes 5:3 gegen Magdeburg. Seither aber ist der neualte Schalke-Fußball zurück: laufen, laufen, laufen durch den Tag durch die Nacht durch den Tag laufen, laufen, laufen. Und der Mut ist so müde geworden und die Sehnsucht so groß – nämlich bald wieder gegen Dortmund spielen zu dürfen. Und denen mit diesem unangenehmen, bärbeißigen Fußball gern auch zweimal im Jahr die Tour zu versauen. Das wäre dreckig, aber schön. Frédéric Valin
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