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Satirische Jahresvorschau für Berlin„Yo so freshes Ganja, checkt ihr?“

Kai Wegner verliert trotz öffentlichen Kiffens die Wahl, Polizisten besetzen ein Haus, und im sozialistischen Berlin sprudeln Bierbrunnen an jeder Ecke.

Wie wird 2026? Die taz hat mal tief in die Glaskugel geschaut Foto: Peter Rigaud/laif

Januar

Silvester läuft wie gewohnt aus dem Ruder: Kreuzberg brennt, bei der Neujahrsparty am Brandenburger Tor gibt es sexistische Übergriffe und Mustafas Gemüse Kebap wird von halbstarken Teenies im Suff geplündert. Nius twittert bereits um 0.30 Uhr aus seinem Bunker in der Kreuzberger Ritterstaße und weiß, wer nicht schuld ist: Maximilian und Alexander. Auf die obligatorische rassistische Neujahrshetze gegen die „Pashas“ springt die CDU wie immer auf, gefordert wird die altbewährte „Vornamen-Liste“. Die AfD hat derweil andere Probleme: Gleich mehrere Vorstandsmitglieder haben sich mit der Blauzungenkrankheit infiziert, als erste menschliche Wesen überhaupt. In Zoo und Tiergarten werden massenhaft Tiere gekeult, die sich mit dem Virus angesteckt haben. In der Partei geht die Angst um.

Februar

Beim BSW-Landesparteitag lässt sich Sahra Wagenknecht ohne Gegenkandidatur und durch Akklamation per 43-minütigen Applaus der Delegierten zur Spitzenkandidatin für die Abgeordnetenhauswahl wählen. Als Hauptgegnerinnen macht sie Elif Eralp (Linke) und Kristin Brinker (AfD) aus. Fortan wird der Kampf ums Rote Rathaus einer der drei Frauen. Die Spitzenkandidaten von CDU, SPD und Grünen (m, m, m) veröffentlichen eine gemeinsame Erklärung, dass sie sich der feministischen Wende nicht länger in den Weg stellen und auf einen aktiven Wahlkampf verzichten werden. Doch bis zum Regierungswechsel werden Fakten geschaffen: Der Senat verbietet das Gendern, streicht den Frauenhäusern die Hälfte ihres Etats und druckt schon mal neues Briefpapier mit der Kopfzeile „Der Regierende Bürgermeisterin“.

März

Die Alexanderstraße landet auf Platz 1 der „coolsten Straßen der Welt“ im Ranking der Time Out, das damit seinen satirischen Tiefpunkt erreicht. Nachdem die Oranienstraße und das Maybachufer in den Vorjahren bereits unter den Top 10 landeten, lobt das britische Magazin nun die gemütliche Flaniermeile an der vierspurigen Kreuzung am Alex. Ihre „popkulturelle Avantgarde“, die sich vor allem im Alexa und im Labubu-Shop manifestiert, sei einmalig. Im Plüschtier-Shop herrschen seit dem Auftritt Zahides in der Uber Eats (Fahrer hungern)-Arena Anfang Januar bürgerkriegsähnliche Zustände. Kurz zuvor hatte die 15-jährige Kreuzberger Newcomer-Rapperin ihren Track „Labubu Freestyle“ gedropped. Während die Briten Berlin feiern, tun die Berliner es nicht. Die Hauptstadt schneidet beim ersten der 132 jährlichen Städterankings gewohnt miserabel ab, auf Platz eins landet das schwäbische Meckenbeuren. Der Vorteil: Die Schwaben packen schon mal ihre Umzugskartons.

April

Es ist Four/Twenty (20. 4.) und die Hauptstadt ist am Blazen. Am Brandenburger Tor wird gefeiert, Kai Wegner zieht an einem zwei Meter langen Joint, einer Mischung aus Lemon Haze und OG Kush. In einem letzten kläglichen Versuch, nicht abgewählt zu werden, wirft er unbeholfen mit Jugendwörtern um sich: „Yo so freshes Ganja, checkt ihr?“, ruft er in die Menge. Unter Buhrufen torkelt Wegner von der Bühne. „Mies crossfaded“, murmelt er noch mit geröteten Augen. Es folgt ein Shitstorm über verweichlichte Männlichkeit: Wegner habe geweint nicht gekifft, deshalb sei er kein echter Mann, so Reichelt & Co. Der Held der Manosphere besucht derweil Berlin. Donald Trump trifft auf seiner Europa-Tour im Kanzleramt ein, um Friedrich Merz zu demütigen und danach einen Friedensplan vorzulegen. Berlins AfD-Chefin Brinker rüttelt draußen am Tor, um eine Wahlempfehlung des US-Präsidenten zu bekommen und wird von Sicherheitskräften abgeführt.

Mai

Trumps Besuch lässt den 1. Mai das erste Mal seit 1987 völlig eskalieren. Ein woker Mob legt die Friedrichstraße in Schutt und Asche und lässt Dutzende ausgebrannte Autos zurück. In einer Pressemitteilung der Grünen Friedrichshain-Kreuzberg wird die „autofreie Friedrichstraße als „Erfolg der Zivilgesellschaft“ gefeiert. Kurz vor dem ultimativem Erfolg, dem Wiederaufstieg in die Bundesliga, geht Hertha BSC die Luft aus: In den letzten 3 Spielen holen die Hauptstadtkicker keinen einzigen Punkt. Am Ende reicht es nur zu Platz 4. Für die kommende Saison erwägt man einen Umzug ins Sportforum Hohenschönhausen.

Juni

Der neue Mietspiegel wird veröffentlicht und weist Durchschnittsmieten von mehr als 10 Euro pro Quadratmeter aus. In den kommenden Wochen nutzen private und städtische Vermieter dies für hunderttausende weitere Mieterhöhungen. SPD-Stadtentwicklungssenator Christian Gaebler sieht Berlin dennoch auf einem „guten Weg“, denn durch vermehrten Wegzug gäbe es so viele freie Wohnungen wie lange nicht mehr. In der Weserstraße besetzen wohnungslose Polizisten, Krankenschwestern und Busfahrer ein Haus mit freistehenden Wohnungen, die zu Quadratmeterpreisen von 43 Euro angeboten werden. Der Polizei-Einsatzleiter weigert sich, seinen Partner zu räumen. Die taz titelt: „Danke Polizei!“

Juli

Ein Polizeieinsatz gegen den CSD aufgrund des Zeigens der im Zuge des Gender-Verbots ebenfalls untersagten Regenbogenfahne lässt die Liebe schnell wieder abflauen. Applaus für den am Nollendorfplatz auffahrenden Wasserwerfer kommt aus einer Gruppe Jungmänner, die sich – bis dato getarnt als Fetisch-Boys – als Neonazis herausstellen. Nach dem Kommando „Wasser, marsch“ mischen sich einige von ihnen nackt in die Menge. Die Temperaturen erreichen im Berliner Hitzesommer erstmals die 50 Grad. Um die erhitzten Gemüter zu beruhigen, ordnet die CDU die Öffnung aller Privat-Pools für die Allgemeinheit an. Janz Berlin fährt wochenends in den Grunewald.

August

Die feministischen Vorreiterinnen Wagenknecht, Eralp und Brinker setzen sich allesamt für die Entkriminalisierung von Sexarbeit, gegen das nordische Modell und ein Sexkaufverbot ein. Alice Schwarzer gefällt das gar nicht. Unter dem Motto „BSW: Bitches Sex Verweigern“ startet sie eine Kampagne gegen Wagenknechts Bündnis, das sich inzwischen zu „Berliner in Sicherheit Wiegen“ umbenannt hat. Die Venus, Europas größte Erotikmesse, handelt längst. 2026 findet die Messe mit vertauschten Rollen statt: Männer bieten an, Frauen konsumieren. Die Frauenscharen stehen mit überdimensionalen Objektiven sabbernd vor verunsicherten Mackern, die, vom Scheinwerferlicht geblendet, mit einer Hand vor den Augen masturbieren. Jahrelang als Empowerment verteidigt, fühlt sich die Kommerzialisierung von Sexualität für die Männer plötzlich ungewohnt asymmetrisch an.

September

Weil tausende Wahlbriefe verloren gehen, findet die Abgeordnetenhauswahl per Fax statt. Wagenknecht scheitert und kündigt eine Klage an. Am Ergebnis ändert das nichts: Wegner wird abgewählt, Elif Mamdani Eralp siegt. Wegners Gattin Katharina Günther-Wünsch macht sich aus dem Staub und brennt mit Philipp Amthor durch. Heartbroken Wegner emigriert ins 17. Bundesland Mallorca. Als Bezirksbürgermeister von Llucmajor (Heimat der Schinkenstraße) kämpft er dort für bessere Vermieterrechte und ein Verbot veganer Ersatzprodukte. Unter Eralp sprießen in Berlin die All-you-can-eat-Kiezkantinen wie Pilze aus dem Boden, Long-Island-Ice-Tea-Flatrate bei Sausalitos inklusive. Enteignet wird im sozialistischen Berlin als erstes die Betreiberfirma des Berliner Fensters, um den Tagesspiegel aus dem U-Bahn-TV werfen, dann kommt LAP Coffee unter die Räder. Ihre Bitcoin-Vorträge müssen die Matcha-schlürfenden Aktientrader von nun an im Soho-House halten. Die Forderung der Anarchistischen Pogo-Partei Deutschlands (APPD): „Freibier für alle“ wird endlich Realität; Bierbrunnen sprudeln an jeder Ecke. Auf Druck des kleinen Koalitionspartners SPD wird eine Expertenkommission eingesetzt, die die Expertenkommission zur Vergesellschaftung von Deutsche Wohnen und Co. überprüfen soll.

Oktober

Während in Israel und Palästina dauerhafter Frieden eingekehrt ist und Verhandlungen über eine demokratische Zwei-Staaten-Lösung kurz vor dem Durchbruch stehen, gehen am 7. Oktober in Berlin Pali-Aktivist*innen wieder auf die Straße. In diesem Jahr nicht unter dem Motto „Glory to the resistance“ und mit Paraglidern auf den Flyern, sondern unter dem Motto: „Frieden ist erst, wenn wir es sagen!“ Demonstriert wird vor der JVA Tegel, wo inzwischen die meisten der Ak­ti­vis­t:in­nen sitzen. Die Kufiya hat als modisches Assecoire allerdings ausgedient, stattdessen ist der Echtfellschal wieder en vogue. Angesichts des eisigen Ostwinds, der nun in der Stadt weht, ist das mehr Notwendigkeit als Backlash.

November

Das Gender-Verbot ist mit der feministischen Wende unter Eralp gleich wieder gefallen. Doch das ist erst der Anfang: Ordnungsamtsmitarbeiter kleben die Mile-Milfs-Autos wieder zu „Miles“ um, die Graffiti-Gang PMS Ultras bekommt eine Residenz im Haus der Kulturen der Welt, und im Stadtschloss eröffnet ein neues Frauenhaus. Dafür wird Sidos Weihnachtsshow gecancelt, nachdem der Opa-Rapper bei seinem Auftritt im Bierkönig „Zeig mir mal die Möpse“ gegrölt hatte.

Dezember

Das Berghain wird 22 Jahre alt. Die Schnapszahl ist für den Friedrichshainer Bunker allerdings keineswegs eine Glückszahl. Seit dem Banger der spanischen Popsängerin Rosalia „Berghain“ schwächelt der Club: zu Mainstream, zu wenig Underground. Der Besuch von Harry Styles Ende Dezember gab den ehemaligen Hain-Ultras den letzten Rest. Die echten Cool Kids chillen inzwischen im „neuen Berghain“, wie die New York Times das Café La Maison am Paul-Lincke-Ufer nannte. Aufgrund des Weiterbaus der A 100 – ein letzter Liebesgruß der CDU – wurden das About Blank, die Else und das Oxi dem Erdboden gleichgemacht. Das juckt die Szene aber kaum, die echten OGs raven eh nur noch im „(X-) Hamster“, Elon Musks Technoclub im Tesla-Werk Grünheide. Der hat inzwischen 17 Floors. Der Autobau ist seit dem Erfolg des Volksentscheids „Berlin autofrei“ eingebrochen.

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