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Saisonfinale im MännerfußballBis zum letzten Tag

Wolfsburg, Heidenheim und St. Pauli sei Dank! Im Saisonfinale zeigen sie uns das Wesen großen Sports.

Kann er für eine große Geschichte sorgen? Heidenheims Trainer Schmidt glaubt an das große Wunder Foto: Ulrich Hufnagel/dpa

W as dieses Finale der Männer-Bundesliga zu einem solch bemerkenswerten Ereignis macht, lässt sich vermutlich mit einer historischen Betrachtung etwas besser verstehen.

Wir schalten zurück ins Jahr 1999 und schauen uns an, was bis dato als spannendstes Bundesligafinale ever galt. Damals ging der 1. FC Nürnberg, mit 37 Punkten auf Platz 12 liegend, gefühlt als halbwegs sicherer Erstligist in den letzten Spieltag. Doch alle spielten gegen ihn, inklusive der 1. FC selbst. Hansa Rostock gewann 3:2 bei den bereits abgestiegenen Bochumern, Eintracht Frankfurt siegte über Kaiserslautern mit 5:1, was wichtig war fürs Torverhältnis, und dieser fünfte Frankfurter Treffer fiel in den Schlusssekunden. Zugleich verpasste Nürnberg zu Hause den Ausgleich gegen den SC Freiburg und verlor letztlich mit 1:2.

Im schlechten Deutsch des Sportjournalismus war das „Gänsehaut pur“. Im besseren Deutsch der Radiolivereportage klang das so: „Frankfurt ist besser, der Club taumelt, der Club hängt am Abgrund“, krächzte ein verzweifelter Rundfunkreporter Günther Koch aus Nürnberg in die Ligakonferenz. Bald vermeldete sein Kollege Dirk Schmitt: „Das Spiel in Frankfurt ist aus. Grenzenloser Jubel.“ Und Manni Breuckmann sprach aus Bochum: „Hansa Rostock bleibt in der Bundesliga. Ein schlimmes Schicksal für den 1. FC Nürnberg!“ Und von dort kam ein tieftrauriger Günther Koch zu Wort: „Hallo, hier ist Nürnberg, wir melden uns vom Abgrund.“

Rostock, Frankfurt und Nürnberg. Das sind Vereine, deren Meisterschaften schon eine Weile zurückliegen und die dennoch auch im jüngeren Gedächtnis zur ganz großen Sportgeschichte zählen.

Auf die Spannung kommt es an

Wolfsburg, Heidenheim und St. Pauli. Ohne allzu viel Wut und Gehässigkeit auszulösen, dürften sich einige Wahrheiten formulieren lassen: unter anderem die, dass der VfL Wolfsburg nicht zu den beliebtesten Vereinen Deutschlands gehört; oder dass der FC Heidenheim keine ganz so renommierte Fußballadresse ist; oder aber, dass der FC St. Pauli traditionell nicht unbedingt im Ruf seht, hochklassigen Fußball zu präsentieren.

Nur, darauf kommt es bei den drei Klubs kein bisschen an. Genauso wenig wie beim 1. FC Nürnberg, bei Hansa Rostock oder bei der damaligen Frankfurter Eintracht unter Jörg Berger. Mag sein, dass fußballerische Fähigkeiten helfen, den genannten Vereinen, ihren Spielern, Betreuern und Fans die Nerven zu schonen, aber das Wichtigste im Fußball wie im Sport allgemein ist die Spannung. „Weil sie nicht wissen, wie es ausgeht“, das ist die klassisch-kluge Begründung Sepp Herbergers, warum die Menschen vom Fußball fasziniert sind.

Jeder weiß das. Deswegen macht es auch wenig Spaß, sich ein Spiel im Fernsehen anzuschauen, dessen Ergebnis man bereits kennt; höchstens, dass man eine bestimmte Spielszene noch einmal genauer betrachten mag, weil – darauf kommt’s ja an – man diese nicht genau kennt.

Der offene Ausgang, die dauernd präsente Möglichkeit, dass der Favorit scheitert oder dass das vermeintlich feststehende Ergebnis doch noch kippen könnte – all das sorgt für die Faszination des Sports. Die gibt es kaum sonst in dieser Gesellschaft. Nur an Wahlabenden sorgt der Moment um 18 Uhr, während sich die Prognosebalken aufbauen, für solch erregende Ungewissheit. Auch Musikwettbewerbe wie der ESC vermögen es noch, die Spannung hochzuhalten, wenngleich der ESC darunter leidet, dass seine Fans keine Fußballfans sind, also nicht zu der Spezies Mensch gehören, die sich einem Team mit einer beinah religiösen Innigkeit verbunden fühlt.

Und woher die kommt, das ist ganz schwer zu begründen. Zum Glück gehört Schalke 04 ja künftig wieder zur Bundesliga, und an diesem Beispiel lässt sich diese tiefe Bindung am besten beschreiben.

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Martin Krauss
Jahrgang 1964, freier Mitarbeiter des taz-Sports seit 1989
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