Sängerin Maria Gadú über die WM

„Ich werde kein Spiel sehen“

Brasiliens populäre Sängerin Maria Gadú über die Wut auf die Fußball-WM, die Fifa und Verschwendung – und warum Brasiliens Kultur so wunderschön und reich ist.

Maria Gadú bei einem Auftritt in São Paulo. Bild: getty

taz: Frau Gadú, mögen Sie Fußball?

Maria Gadú: Ja, ich mag Fußball.

Werden Sie die Spiele der WM ansehen?

Nein, kein einziges. Ich lehne die Fußballweltmeisterschaft ab. Ich gehöre zu den Leuten, die die WM nicht akzeptieren.

Sie boykottieren die Spiele aus Protest?

Nein, es ist viel trauriger. Ich habe nicht einmal Lust darauf, die Spiele zu sehen. Und nicht nur ich. Die Brasilianer sind so verrückt nach Fußball, dass sie normalerweise die Straßen grün-gelb anmalen und die Fahne raushängen, wenn eine Weltmeisterschaft hierherkommt. Aber niemand malt die Straßen gelb und grün an, keiner trägt das Trikot der Seleção. Die Leute sind unglaublich sauer. Diese WM in Brasilien hat viele Milliarden Dollar gekostet. Und dabei gibt es hier viel zu wenige Krankenhäuser, zu wenige Schulen. Es gibt Städte, in denen ein Stadion gebaut wurde, die nicht einmal ein Fußballteam haben. Und das mit unserem Geld!!!

Also wird es keine Riesenparty geben, im Land von Carnaval und Futebol?

Nein. Es ist sehr traurig, aber die Empörung ist so groß, es war einfach zu viel Geld, was da verschwendet wurde. Die Leute protestieren überall, die ganze Zeit. Darauf verwenden sie ihre ganze Energie. Und ich denke, es wird so weitergehen. Die Regierung hat viel Geld gestohlen, sehr viel Geld. Wenn das Land voller Ausländer ist, werden sich die Leute vielleicht auch darauf konzentrieren: sie zu empfangen. Aber ich habe noch nie eine solch traurige Weltmeisterschaft gesehen.

geboren 1986 in São Paulo, ist eine brasilianische Sängerin und Komponistin. Sie wurde 2009 entdeckt, als sie einen Jacques-Brel-Hit coverte. Kurz darauf brachte sie ihr Debütalbum heraus, das sich über 200.000-mal verkaufte. Etablierte Stars des MPB (Música Popular Brasileira) wurden auf sie aufmerksam, wie etwa Caetano Veloso, mit dem sie einige Konzerte gab. 2011 wurde daraus ein gemeinsames Live-Album. Im selben Jahr wurde Gadús Debütalbum auch in Europa veröffentlicht. Mit dem Song "Shimbalaiê", den sie mit 12 Jahren schrieb, landete sie in Portugal in den Top Ten, in Italien auf Platz 1. Zweimal wurde sie für den Grammy Latino nominiert.

Daneben hört man hier von den Säuberungsaktionen der Militärpolizei in den Armenvierteln, den Favelas.

Ja, es gibt viele, viele Tote. Die Regierung will in letzter Minute da Ordnung schaffen, wo sie schon vor Jahren die Probleme hätte lösen müssen. Jetzt wird getötet und versteckt. Aber ich denke die Leute wissen, dass das nicht funktionieren kann. Solche Probleme, wie Brasilien sie hat, kann man nicht einfach verstecken, auch nicht für eine Zeit.

Was kann die Regierung jetzt noch tun?

Wenn Brasilien jetzt die Weltmeisterschaft gewinnt, könnte die Stimmung sich ein wenig wandeln, so dass die Leute sagen: Na, wenigstens haben wir gewonnen. Aber die Regierung kann und wird nichts mehr tun. Sie wird die Gehälter der Lehrer und Busfahrer nicht erhöhen... Die Menschen verkaufen ihr Mittagessen, um sich das Abendbrot leisten zu können.

Haben Sie als Künstlerin eine Funktion, die über das ästhetische Wirken hinausgeht? Glauben Sie, dass Ihre Fans Engagement von Ihnen erwarten?

Natürlich haben wir eine politische Funktion, die gesamte Künstlerklasse hat das. Du bist ja Sprachrohr für viele Menschen. Man hört uns zu, wir haben Einfluss auf die Menschen. Es geht nicht nur um Äußerlichkeiten, wie eine neue Frisur, die Du hast und die die Leute dann nachahmen. Sondern Du hast auch eine politische Funktion, Du hast die Chance ans Mikrofon zu treten und laut zu sagen, was die Leute denken, Bewegungen zu unterstützen.

Bevor Sie 2009 in einer TV-Show entdeckt wurden, sind Sie fast ein Jahr lang als Straßenmusikerin durch Europa getourt. Was für Unterschiede zwischen Europäern und Brasilianern haben Sie entdeckt?

Ein Hauptunterschied ist der Zugang zu Bildung. In Europa haben den halt mehr Leute und das wirkt sich positiv auf das Verhalten aus, sie sind höflicher. Außerdem kann man in Brasilien nicht wirklich Straßenmusik machen. Erstens sind zu viele Leute arm, so dass Du kein Geld verdienen kannst. Und außerdem ist es gefährlich. Ich glaube, in allen Ländern, in denen man eine lateinische Sprache spricht, sind die Menschen einander irgendwie ähnlich. Brasilianer sind sehr herzliche Leute. Wir touren gerade durch Brasilien und Lateinamerika, und da merkt man das total am Publikum.

In Brasilien darf man – anders als etwa in Deutschland – seit zwei Jahren seinen gleichgeschlechtlichen Partner heiraten. Sie haben im November ihre Partnerin Lua Lenca geheiratet, herzlichen Glückwunsch nachträglich! Was für Reaktionen haben Sie bekommen?

Vorurteile gibt es überall da, wo es Menschen gibt. Alles was anders ist, finden die Leute verdächtig. Nicht nur Sexualität, auch religiöse Konzepte, soziale und finanzielle Umstände, Hautfarbe... Es war ein großer Schritt, als wir in Brasilien diese Normalität der gleichgeschlechtlichen Ehe erreicht haben. Schließlich geht es niemanden etwas an, wen Du liebst und heiraten willst. Für mich ist es normal, homosexuell zu sein. Ich fand nie etwas Seltsames dabei. Unsere Zeremonie fand mit vielen guten Freunden statt und was dann darüber in der Presse stand, war eigentlich durchweg positiv. Aber ich lese auch nicht so viel, was andere über mich schreiben. Ich kann Dir nur sagen, ich habe mich nie diskriminiert gefühlt, obwohl ich weiß, dass es anderen anders geht.

Viele brasilianische Musiker, vor allem Frauen, leben offen homosexuell. Daniela Mercury, Adriana Calcanhotto, Zélia Duncan, Mart‘nália... In Deutschland fürchten viele Promis um ihre Karriere, wenn sie sich zu ihrer Homosexualität bekennen. Viele Fußballspieler zum Beispiel wollen ihre Werbeverträge mit großen Firmen nicht gefährden...

Das ist ja absurd! Man spielt doch für sein Team oder macht Musik für die Menschen, was hat denn die sexuelle Orientierung damit zu tun? Ich denke aber, dass Frauen es grundsätzlich leichter haben. Das liegt am Machismo, der immer noch sehr verbreitet ist. Männer glauben, dem Bild von Männlichkeit entsprechen zu müssen. Frauen haben da mehr Freiheiten, zumindest hier in Brasilien. Außerdem finden Männer sich liebende Frauen doch sexuell interessant (lacht).

In was könnte sich jemand verlieben, der zum ersten Mal nach Brasilien kommt?

Brasilien ist ein fantastisches Land. Sehr gastfreundlich, sehr menschlich. Die Leute sind einander sehr nah, sie helfen einander bei Problemen. Und sie können auch Hilfe annehmen. Dazu diese unglaublich schöne Natur! Gott war sehr großzügig zu Brasilien. Dann die Musik! Wussten Sie, dass Brasilien mehr als 30 verschiedene Rhythmen hat? Eine unglaubliche musikalische Vielfalt. Jede Region hat ihre eigene Musik. Aus Rio kommt der Samba, aus Recife der Maracatú, aus Salvador der Afoxé, in Belém in Pará gibt es den Carimbó... Jeder Ort ist anders, das ist das Beste daran. Deshalb gibt es auch so viele talentierte Leute. Die Brasilianer konsumieren auch viel Musik. Jeder hat einen anderen Geschmack und für jeden Geschmack gibt es andere Künstler.

Kennen Sie den offiziellen Fifa-WM-Song?

Ja. Grauenvoll. Einfach schrecklich. Wenn Du eine Weltmeisterschaft in Brasilien machst, ein Land, das musikalisch so reich ist und Du bringst Pitbull und Jennifer Lopez an – verstehe ich einfach nicht! Wo ist Caetano Veloso?

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