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SC Freiburg im DFB-PokalhalbfinaleZwischen Euphorie und Staunen

Der SC Freiburg steht im Halbfinale von DFB-Pokal und Europa League. Und strotzt auch sonst vor Kraft. Gibt es einen neuen Großklub in der Bundesliga?

Europa-League-Viertelfinale gegen Celta Vigo: Freiburgs Yuito Suzuki tunnelt seinen Gegenspieler einfach weg Foto: Steinsiek/imago

Aus Freiburg

Daniel Theweleit

Es ist eine Art Rausch, in dem der SC Freiburg durch dieses Frühjahr schwebt, beflügelt von einem Überfluss an historischen Höhepunkten. Auf die imponierenden Siege im Achtel- und Viertelfinale der Europa League gegen Genk und Vigo folgen Halbfinalduelle gegen Sporting Braga, nachdem das Team an diesem Donnerstag im Halbfinale des DFB-Pokals beim VfB Stuttgart antritt. Vor wenigen Jahren wäre diese Partie in Freiburg ein monolithischer Gipfel im Saisonverlauf gewesen, nun ist das Duell nur ein Kapitel inmitten zuckersüßer Wochen.

Der Mittelfeldspieler Maximilian Eggestein berichtet von einem Gefühl der „Euphorie“, das den ganzen Klub erfasst habe, während sie immer noch ein wenig über sich selbst staunen: Der kleine SC Freiburg kann zum zweiten Mal innerhalb von vier Jahren das Finale des DFB-Pokals erreichen und hat außerdem realistische Chancen, ins Endspiel der Europa League einzuziehen. „Es ist unglaublich viel Energie da“, sagt der Trainer Julian Schuster.

Solche Töne sind neu. Als Schuster 2025 kurz vor der Winterpause gefragt wird, ob es enttäuschend sei, womöglich erstmals seit sieben Jahren mit weniger als 20 Punkten Weihnachten zu feiern, sagt er noch: „So eine Frage stellt nur jemand, der den SC nicht verinnerlicht hat.“ Gerade einmal vier Monate ist es her, dass die Freiburger redeten wie ein Abstiegskandidat, der sich mit sehr kleinen Zielen zufriedengeben muss.

Inzwischen sagt der seit 24 Jahren im Klub arbeitende Sportvorstand Jochen Saier, der den SC auf jeden Fall verinnerlicht hat: „Jetzt wollen wir alles.“ Das passt besser zur Realität, in der dieser ehemals ziemlich kleine Bundesligaverein über drei Jahrzehnte mit viel Sachverstand auf allen Ebenen gewachsen ist.

Finanziell bestens aufgestellt

Im Ranking der von der Deutschen Fußball-Liga ausgeschütteten Fernsehgelder steht der SC inzwischen auf Rang sechs. Unmittelbar hinter den von Champions-League-Ambitionen getriebenen Klubs aus München, Dortmund, Leverkusen, Leipzig und Frankfurt. Zum dritten Mal innerhalb von fünf Jahren spielt der Schwarzwaldklub in der Europa-League, was zu Einnahmen führt, die in Mönchengladbach, Köln, Bremen oder beim HSV seit Jahren fehlen.

2024 durchbrachen die Freiburger beim Umsatz erstmals die Schwelle von 200 Millionen Euro. Im siebten Jahr in Folge gelang dem Klub trotz Pandemie und ohne Investor eine Steigerung beim Eigenkapital. In der Kategorie des Umlaufvermögens, das die Liquidität darstellt und in dem die Freiburger auf einen Wert von 126 Millionen Euro kommen, sind nur Bayern, Leipzig und Dortmund stärker. Der SC Freiburg strotzt vor Kraft.

Auf dem Transfermarkt machen einstmals viel größere Vereine mittlerweile die Erfahrung, dass sie kaum noch Chancen haben, wenn die Freiburger um einen Spieler mitbieten. Weil auch beim SC mittlerweile gute Gehälter gezahlt werden und weil hier ein sehr bewährtes Entwicklungsumfeld mit Verlässlichkeit auf der Trainerposition und in den Aussagen zu den Perspektiven der Spieler geboten wird.

So ist der stärkste Kader entstanden, der jemals mit dem Greif auf der Brust spielte. Mit den Ur-Freiburgern Vincenzo Grifo, Christian Günter sowie Lucas Höler. Mit auch international erfahrenen Leuten wie Matthias Ginter und Philipp Lienhart, mit Großtalenten wie Jordi Makengo, Johan Manzambi, Noah Atubolu, Yuito Suzuki oder Igor Matanovic. Und mit Maximilian Eggestein, der den Laden meist eher unauffällig zusammenhält und plötzlich auch anfängt, Tore zu schießen.

Ambitionen, Realismus und Vernunft zusammendenken

Anderswo würden solche Entwicklungen Träume von einer leuchtenden Zukunft in der Champions League beflügeln, Freiburgs Sportvorstand Jochen Saier sagt jedoch noch im März: „Es wäre völlig vermessen, zum Angriff zu blasen. Unser Ansatz sieht anders aus. Wir versuchen, Ambitionen, Realismus und Vernunft zusammenzudenken.“

Wer sich in den Führungen anderer Klubs nach dem SC erkundigt, bekommt viele bewundernde Aussagen über die durchdachte Arbeit zu hören, begleitet jedoch von einer gewissen Skepsis. Vielleicht, weil der Klassenstreber manchmal einfach nervt. Aber eben auch, weil dieser hervorragend konzipierte Klub immer noch den Anschein erweckt, als seien die alten Traditionsvereine, die ständig ihre Trainer und Vereinsführungen austauschen, kraftvoller und mächtiger. Dabei ist der SC in der Bundesliga längst als stabiler Top-Acht-Klub erkennbar, nachdem er zuvor viele Jahre vor allen Dingen durch seine Trainer Aufmerksamkeit erregt hatte.

Volker Finke (1991–2007) und Christian Streich (2012–2024) waren schillernde Figuren, als Fußballfachmänner, aber eben auch mit ihren Aussagen zum Weltgeschehen. Gebildet, politisch links, meinungsstark, kritisch. Gerne wurde die Geschichte vom linksalternativen Fußballverein aus Deutschlands Öko-Hauptstadt erzählt. Jetzt sind Finke und Streich weg.

Das idyllische und zugleich Woche für Woche von viel Eigensinn erfüllte Dreisamstadion wurde durch eine moderne Spielstätte in einem Industriegebiet ersetzt. Ohne Finke, Streich und das legendäre Stadion ist inzwischen gut sichtbar, worin der Kern des alternativen Freiburger Fußballentwurfs wirklich besteht: in einer auf allen Ebenen funktionierenden und mit einem langfristigen Konzept unterlegten Trainer- und Managementarbeit.

Und so langsam scheinen sie auch an der Dreisam zu merken, wie stark sie geworden sind, jedenfalls sagt Schuster: „Wir sind noch nicht am Ende.“

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