Russlands Statthalter in Tschetschenien: Der brutale Herrscher schwächelt
Ramsan Kadyrow regiert in der russischen Teilrepublik durch – ganz in Sinne des Kremls. Doch er ist schwer krank. Die Nachfolge könnte zum Problem werden.
Der Anführer einer kämpferischen Nation sollte bei bester Gesundheit sein. Auf Ramsan Kadyrow, unangefochtenes Oberhaupt der russischen Teilrepublik Tschetschenien und seit 2007 auf seinem jetzigen Posten, müsste das ganz besonders zutreffen. Sein intensiv gepflegtes Image baut auf dem unanfechtbaren Recht des Stärkeren auf. Er hat es zu seinem Credo erhoben, dem alle zu folgen haben, die ihm in die Quere kommen.
Doch wirkt der 49-jährige machthungrige Herrscher alles andere als gesund. Seit einigen Jahren halten sich hartnäckige Gerüchte, wonach Kadyrow mit ernsthaften Erkrankungen zu kämpfen hat. Darauf deuten sein aufgedunsenes Gesicht hin, wiederholte Krankenhausaufenthalte, oft über einen längeren Zeitraum, sowie seine öffentlichen Abwesenheiten.
Immer wieder dringen neue Details durch. Beispielsweise, dass sich Kadyrow in den Vereinigten Arabischen Emiraten einer misslungenen Nierentransplantation unterzogen habe. Die oppositionelle Zeitung Novaya Gazeta Europe sprach von einer Bauchspeicheldrüsennekrose, Ende Dezember soll er laut einer anonymen tschetschenischen Quelle im Krankenhaus wiederbelebt worden sein. Der ukrainische Geheimdienst will Anzeichen eines baldigen Ablebens ausgemacht haben.
All diese Nachrichten schüren Spekulationen über die Regelung der Nachfolge, sollte es demnächst tatsächlich so weit kommen. Zusätzlich angeheizt wurden sie durch die Mitteilung über einen Autounfall Mitte Januar, bei dem zwei Menschen starben und Kadyrows Sohn Adam schwer verletzt worden sein soll.
Mindestens 30 Jahre alt
Kadyrow junior, im vergangenen November volljährig geworden, wird als Wunschkandidat Nummer eins seines Vaters gehandelt. Nach geltendem Gesetz müssen Anwärter auf das Amt des Republikoberhauptes mindestens 30 Jahre alt sein. Doch Adam war bereits als Jugendlicher mit Auszeichnungen überhäuft und mit 17 Jahren zum Sekretär des tschetschenischen Sicherheitsrates ernannt worden. Ein brutaler Typ, ganz wie der Vater – so hat es den Anschein.
Der junge Kadyrow wird den Unfall wohl überleben. Die Milz sei betroffen, der Kiefer gebrochen, wie der oppositionelle tschetschenische Telegram-Kanal Niyso berichtete. Mittlerweile wurde dieser in die offizielle Liste terroristischer und extremistischer Gruppen aufgenommen. Niemand soll es wagen, Informationen darüber preis zu geben, was in Tschetschenien tatsächlich passiert. Das ist einzig und allein Sache des totalitären Kadyrow-Regimes.
Über die Jahre hat der Machtapparat dafür gesorgt, die Menschen in der Nordkaukasusrepublik einzuschüchtern und zum Schweigen zu bringen. Dieser Umstand macht es unglaublich schwierig, realistische und nachprüfbare Einblicke in dessen Innenleben zu erhalten.
Keine Zweifel bestehen hinsichtlich der Tatsache, dass Kadyrow in Tschetschenien alle Machtfäden in der Hand hält. Als Nachfolger seines 2004 bei einem Anschlag getöteten Vaters kennt er auch seinen Platz in Wladimir Putins Machtgefüge.
Unbeschränkte Freiheiten
Weil es nur einen Präsidenten in Russland geben darf, verzichtete er nach mehreren Jahren im Amt auf diesen Titel und läuft seither unter der Bezeichnung Oberhaupt Tschetscheniens. Diese devote Loyalitätsgeste gegenüber dem Kreml, erkauft mit hohen Transferleistungen an die nach zwei Tschetschenienkriegen zerrüttete Republik, darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich Kadyrow ansonsten fast unbeschränkte Freiheiten nimmt.
Dass er fest im Sattel sitzt, hat Gründe. Knallhart ging er gegen die Überreste separatistischer Strukturen und den islamistischen Untergrund vor. Unter seiner Herrschaft gilt Tschetschenien als befriedet und solange dem so ist, darf er sich als Regionalfürst leisten, was Gouverneuren in anderen Landesteilen nicht erlaubt wäre. In keiner anderen Region wird derart brutal gegen LGBTQ+-Personen vorgegangen. Entführungen, Mord – jedes Mittel ist recht.
Sein Herrschaftskonzept basiert auch auf seinen Nachkommen. Vierzehn eigene Kinder kann Kadyrow vorweisen, die – sobald dem Kindesalter entwachsen – auf den Staatsdienst vorbereitet werden. Adam ist der drittälteste Sohn. Der zwanzigjährige Achmat ist seit knapp zwei Jahren Sportminister und seit Januar zudem Vize-Regierungsvorsitzender.
Seine älteste Schwester Aischat Kadyrowa war Kulturministerin und wacht jetzt als Geschäftsfrau über das immense Familienvermögen. Der weit verzweigte Kadyrow-Clan kontrolliert die gesamten Finanzflüsse in der Republik, sowohl legale als auch illegale. Mit Regierungschef Magomed Daudow und seinem langjährigen Wegbegleiter Adam Delimchanow hat Kadyrow auch jenseits der direkten Verwandtschaft enge Verbündete.
Profiteur des Krieges
Ramsan Kadyrow ist bestrebt, sich unersetzbar zu machen. Seine informellen Beziehungen in die arabische Welt macht sich der Kreml zunutze. Von Beginn an stellte sich Kadyrow voll und ganz hinter Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine, auch davon weiß er zu profitieren.
Zielgerichtet arbeitete er an der Legalisierung und Ausweitung ihm unterstellter bewaffneter Einheiten. Zunächst beschränkte sich dies auf polizeiliche Strukturen, doch mit dem Krieg taten sich neue Optionen auf. Tschetschenische Armeeverbände wurden gegründet und zunehmend aufgestockt, wobei in der Ukraine hauptsächlich aus anderen russischen Regionen rekrutierte Soldaten eingesetzt werden.
„Paradoxerweise wird Kadyrow in Tschetschenien von vielen auch als Garant für Stabilität wahrgenommen“, gibt Alexander Tscherkassow vom Menschenrechtszentrum Memorial im Gespräch mit der taz zu bedenken. Er gelte als Garant, der einen dritten Tschetschenienkrieg und Massenrepressionen gegen Teilnehmer der ersten beiden Tschetschenienkriege verhindere.
„Das erklärt, weshalb Kadyrows totalitäres Regime als geringeres Übel gesehen wird im Vergleich zu einem neuen, noch weiter ausufernden Massenterror“, so der Tschetschenienexperte. Was passiere, sollte Kadyrows Gesundheitszustand einen Machtwechsel erfordern, sei völlig offen. Erst wenn es so weit sei, werde ein Nachfolger präsentiert. Im September finden in Tschetschenien Parlamentswahlen statt. Auch das Oberhaupt wird dann neu gewählt.
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