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Roman von Kae TempestVom Glück, ein Mann zu sein

„Ein Leben lang gesucht“ erzählt von einer dysfunktionalen Familie, einer großen Liebe – und dem Gefängnis, das der Körper sein kann.

Musiker und Autor Kae Tempest, der letztmals genderneutrale Pronomen nutzte, bevor er 2025 seine Transition öffentlich machte Foto: Jesse Glazzard/Suhrkamp Verlag

Der zweite Roman von Kae Tempest liest sich wie die Chance auf ein neues Leben im alten, wie die Geschichte einer Existenz, die auf den zweiten Blick doch etwas wert ist. In einer ansteckenden Atemlosigkeit wird von der scheinbar zum Leid verdammten Transperson Rothko Taylor erzählt.

Einer Figur, die die Scham schon im Namen trägt. Rothko heißt nur Rothko, weil dey als Kind ständig rot wurde. Ob als Anlehnung an die Gemälde des US-amerikanischen Malers oder an die Röte des Horizonts, bleibt offen. Aus diesem zugefallenen Namen, diesem ausgespuckten Leben soll im Laufe des Romans ein selbstbestimmter Mensch werden.

Schon die ersten Seiten durchdringt die Sehnsucht, der dieser Roman unterworfen ist: „Einfach berührt werden. Einfach berührt und gehalten werden. Von jemandem, der weiß, wie man einem Körper wie meinem begegnet.“ Rothko wünscht sich nichts mehr als das, die richtigen Hände für deren Körper. Einen Körper, der die Toilettenschilder „Ladies“ und „Gents“ für „erschreckend“ hält. Nur eine vermag es, Rothko so zu berühren, wie dey es verdient: die schöne Dionne. Doch diese Jugendliebe liegt lang zurück, und seitdem ist viel unumkehrbar Fürchterliches passiert.

Der Roman

Kae Tempest: „Ein Leben lang gesucht“. Aus dem Englischen von Conny Lösch. Suhrkamp, Berlin 2026. 390 Seiten, 25 Euro

Was genau, wird der Roman schrittweise erzählen. „Herbst lag in der Luft und Rothko begriff, dass dey die ganze Zeit an der Schwelle gewartet hatte. Es fühlte sich an wie Tag eins.“ Dieser „Tag eins“ spielt im Oktober 2026. An dieser Schwelle ist Rothko 36 Jahre alt und frisch aus dem Gefängnis entlassen. Als ob nichts passiert wäre, kehrt dey zurück nach Edgecliff, jener fiktiven Kleinstadt an der britischen Küste, in der dey aufgewachsen ist: ein raues Pflaster, überladen mit Erinnerungen an Rothkos Vergangenheit voller Gewalt und Drogen.

Schmerzhafte Erinnerungen

Die Kids auf den Skateboards, die Bänke mit Blick aufs Meer – Edgecliff scheint fast wie vor 20 Jahren zu sein, als Rothko zuletzt hier war. Dey ist nun clean und entschlossen, neu anzufangen. Mit genug Abstand zu deren einst so toxischer Familie, hofft Rothko, die Schwelle in ein selbstbestimmtes Leben zu übertreten. Lange bevor Rothko wagt, sich zu outen, steht der Transmann Fletcher Rothko zur Seite. Er ist einer der queeren Menschen, mit denen zusammen Rothko auf einer Industriebrache wohnt.

Während Rothko sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hält, kreuzen schmerzhafte Erinnerungen deren Weg: Da ist die Reihenhaushälfte, in der Vater Ezra der Familie ein Zuhause schaffen wollte, aber scheiterte. Da sind die Pubs, wo Rothko als Kind nach der suchtkranken Mutter Meg suchte. Da ist die Haltlosigkeit, das Mobbing in der Schule, dieser unpassende Körper, da sind die „unablässigen inneren Verhandlungen, die nötig waren, damit Rothko überhaupt in Gesellschaft anderer existieren konnte“.

Der zweite Teil des Romans springt in Rothkos Jugend. Das Aufwachsen in diesem gewalttätigen Elternhaus ist in seiner ausbuchstabierten Härte stellenweise quälend zu lesen. Brutal realistisch zeichnet Tempest das Porträt einer Familie, die keinen Ausweg aus generationenübergreifenden Traumata und toxischen Beziehungsdynamiken zu finden scheint.

Die Figuren werden in ihrer Tragik durchpsychologisiert, sodass einem nicht viel Raum zum Ausmalen bleibt. Man könnte meinen, es ginge nicht schlimmer, da ereilt Rothko schon das nächste Übel. Lediglich die Beziehung zu Dionne widersetzt sich dem Fatalismus und lässt Hoffnung aufkeimen. Hier zeigt sich: Dieser Roman ist eine Gratwanderung zwischen vernichtender Dunkelheit und aufblitzendem Licht.

Melodisch und rhythmisch wie im Rap

Die Sexszenen entfesseln eine sprachliche Zärtlichkeit, die mit dem sonst harten Ton einer sozialrealistischen Milieustudie bricht. Lyrisch-kunstvoll hangelt sich Tempest von Zeile zu Zeile, verbindet Sprachmelodie und Rhythmus wie im Rap; dem Feld, auf dem er sich als Musiker betätigt.

Fragt man sich zu Beginn noch, wieso der Roman nicht chronologisch erzählt, erübrigt sich diese Frage in der Schichtung der verschiedenen Zeitebenen. Spätestens im dritten Teil „Heute“ offenbart das kluge Arrangement die Zusammenhänge zwischen dem Leid, das Rothkos Geschichte vorausging, und dem, das sie weiterträgt. Rothkos Transition ist keine lineare Erzählung, sondern ein komplexer, tiefschürfender Prozess: Wir können den Schmerz andauernd spüren, den ein Körper aushalten muss, nur um er selbst sein zu können.

Die Pronomen übertragen den Schmerz des Existierens beziehungsweise Nicht-existieren-Dürfens in die Sprache: Über weite Strecken des Romans werden nur genderneutrale Pronomen verwendet. „Dey“, „demm“ und „deren“ lesen sich wie das einzige Instrument zur Selbstermächtigung, das in der Verrohung von Rothkos Welt noch bleibt.

Es schmerzt, wenn Rothkos Vater sein Kind nur als Mädchen sieht und auch die auktoriale Erzählhaltung zu weiblichen Pronomen wechselt. Umso größer ist die Euphorie, als Rothko es zum ersten Mal ausspricht: „Ich bin ein Mann“, und fortan männliche Pronomen genutzt werden. „Es war so neu. Er fürchtete, die Schale zu früh zerschlagen und diesem Ding den Garaus gemacht zu haben, noch bevor es überhaupt geschlüpft war.“ In fragilen Glücksmomenten wie diesem verzaubert der Roman. Trotz – oder wegen – der Fülle an Gewalterfahrungen ist „Ein Leben lang gesucht“ ein kraftvoller wie zärtlicher Befreiungsschlag.

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