Roman über Vergewaltigung: Das Opfer macht sich zur Täterin

Kate Elizabeth Russells „Meine dunkle Vanessa“ überzeugt durch die unzuverlässige Erzählerin. Erlebbar wird die Verdrängung einer Vergewaltigung.

Eine Demonstrantinhält einSchild in die Luft. Darauf steht geschrieben: #MeToo. Hinter der Schrift eine Zeichnung eines Mädchens in Kleid.

Als Debattenbeitrag reflektiert der Roman #MeToo als ambivalente Bewegung Foto: Issei Kato/reuters

Wenn plötzlich klar wird, dass man der Erzählstimme nicht trauen kann, wurde man bisher vom Roman überlistet – was oft bedeutet, dass er ziemlich gut ist. Das ist der Fall bei „Meine dunkle Vanessa“, dem Debüt der amerikanischen Schriftstellerin Kate Elizabeth Russell, das Vergewaltigung und sexuellen Missbrauch thematisiert – oder vielmehr deren Verdrängung, denn fast alle Romanfiguren sperren sich diesen Begriffen durchweg.

17 Jahre lang festigt die Protagonistin Vanessa Wye ihre Überzeugung, dass sie für ihr Verhältnis zu Jacob Strane, ihrem Literaturlehrer, irreführend und unbrauchbar sind – und zieht Lesende hinein in ihren schmerzhaften Aushandlungsprozess.

Obwohl Vergewaltigungsszenen klar erkennbar sind, dreht Vanessa die traumatisierenden Geschehnisse im Nachhinein – ihre Schulzeit um 2000 wird durch eine zweite Zeitebene von 2017 kontextualisiert – sogar um. Alle Irritationen fügt sie in eine konstruierte, unschuldige Liebesgeschichte ein, in der sie selbst und Strane durch Zufall in die Körper einer Teenagerin und ihres mittelalten Lehrers geboren sind.

Kate Elizabeth Russell: „Meine dunkle Vanessa“. Aus dem Englischen von Ulrike Thiesmeyer. Bertelsmann, München 2020, 448 Seiten, 20 Euro

Befeuert wird dies von Strane selbst, der sich als gerissener Antagonist entpuppt und Lesende und Romanfiguren durch seine Eloquenz betört. Indem er Vanessa Literatur wie Vladimir Nabokovs „Lolita“ als Freizeitlektüre schenkt, legt er ihr eine eindeutige Interpretationsgrundlage für die Ereignisse in die Hände – denn der Roman von 1955 beschreibt die pädophile Beziehung des Literaturprofessors Humbert zu seiner zwölfjährigen Schülerin Dolores aus dessen eigener Perspektive. In ihr nimmt er Dolores als frühreife und verführerische Frau wahr und befreit sich so von Schuld.

Vanessa überzeugt sich so glaubhaft von dieser Lesart, dass Fakt und Fiktion allmählich verschwimmen. Ihre unzuverlässige Erzählweise, die sogar Opfer- und Täterrolle austauscht, ist eine großartige Errungenschaft des Romans. Ein ums andere Mal verteidigt Vanessa Strane und beschuldigt stattdessen sich selbst, stößt Vertrauenspersonen ab und negiert das klare Verbrechen. So konstant, dass man sie frustriert schütteln möchte – und gleichzeitig erschrickt, weil ihre Handlungen doch verständlich scheinen.

Spott und Ärger über #MeToo

Die Strukturen von Browick, Vanessas fiktivem Internat in Maine, dessen renommierter Ruf unter allen Umständen aufrechterhalten werden soll, terrorisieren Vanessa zusätzlich. Früher oder später zerbröselt Vanessas gesamtes soziales Umfeld. So umgeht Russell Happy-Ends, wo sie nur kann.

„Meine dunkle Vanessa“ ist keine Gutenachtgeschichte, in der das Opfer kraftvoll gegen ein Unrecht einsteht und mit Gerechtigkeit belohnt wird. Stattdessen entblößt der Roman unablässig und qualvoll ihre Wunden, die aus unerwarteter Richtung vertieft werden: Als Debattenbeitrag reflektiert der Roman #MeToo als ambivalente Bewegung, die – als Rückseite ihrer unbestreitbaren Verdienste – Opfern zusätzlichen psychischen Druck aufbürdet.

Sogar misogyne Züge

Neben Spott und Ärger löst die Bewegung in der Protagonistin sogar misogyne Züge aus, wenn sie Verfasserinnen von Onlineposts als aufmerksamkeitsgierige Lügnerinnen bezichtigt. Durch die Aufmerksamkeit wird auch die sensationsgeile, an Erfolgsgeschichten interessierte Presse auf den Plan gerufen, verkörpert durch eine skrupellose Journalistin. Auch wenn Darstellungen wie letztere ein wenig pflichtbewusst anmuten, reduziert das die Komplexität von „Meine dunkle Vanessa“ keineswegs.

Verstärkt wird dieser Eindruck von der vielschichtigen, lebhaften Ich-Perspektive. Sie macht den englischen Originaltext auch für Lesende ohne perfekte Sprachkenntnisse zugänglich – und verliert in der deutschen Übersetzung ein wenig Frische. So ist „Meine dunkle Vanessa“ ein absolut lesenswertes Debüt, das vor allem durch seinen schonungslosen Blick in die menschliche Psyche überzeugt.

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