Roman „Mein Name ist Monster“: Frauen in extremer Lage

Ein gefährliches Virus, Selbstisolation und eine spezielle Mutter-Tochter-Beziehung: Katie Hales dystopischer Roman könnte nicht aktueller sein.

Autorin und Lyrikerin Katie Hale

„Mein Name ist Monster“ ist Katie Hales erster Roman Foto: Phil Rigby

Wenn man in dieser Zeit einen Roman liest, in dem von einer gefährlichen Krankheit die Rede ist, die durch ein Virus ausgelöst wurde; davon, dass die Menschen sich durch Selbstisolation und durch Quarantäne erkrankter Gruppen zu schützen suchten und dass es zwar menschlich verständlich, aber falsch war, in dieser Situation zu den Liebsten zu fahren – dann ergibt das ein seltsames, irritierendes Echo.

Die für ihre Gedichtbände vielfach ausgezeichnete britische Lyrikerin Katie Hale betritt mit der deutschen Übersetzung ihres Debütromans „Mein Name ist Monster“ unabsichtlich diesen neuen Resonanzraum. Im Original erschien das Buch bereits im vergangenen Jahr. Darin hat sich die Menschheit durch Kriege und den Einsatz tödlicher Viren selbst ausgelöscht.

Doch für Hale ist das Virus nicht ihr Hauptthema. Vielmehr ist die dadurch verursachte Katastrophe Ausgangspunkt für die Ausleuchtung einer extremen Situation: eine Frau, um die dreißig, die völlig auf sich gestellt ums Überleben kämpft. Das vorangestellte Zitat aus Defoes „Robinson Crusoe“ vom Überleben auf einer „fürchterliche(n), menschenleere(n) Insel“ verweist darauf. Mit ihrer ungewöhnlichen Frauenfigur namens Monster eignet sich die Autorin das Motiv neu an.

„Ich glaube, wenn es alle anderen nicht schaffen, kann man nur als Monster überleben“, sagt die Ich-Erzählerin über sich selbst, deren Vater ihr den Spitznamen Monster als Kind gab. Weil sie so wenig niedlich und anschmiegsam war.

Die Sehnsucht nach dem Alleinsein

Weil sie schon früh Dinge erforschen wollte und ihr dafür das Alleinsein notwendig und ein Genuss war: „Nichts wünschte ich mir mehr, als immer allein zu sein. Ich würde eine Erfinderin werden, ganz für mich in einem Labor oder einer Werkstatt meine brillanten Ideen entwickeln und neue Kreationen entstehen lassen.“ Tatsächlich wurde sie Wissenschaftlerin und überlebte in einem Saatguttresor in der Arktis. Als sie nach Monaten herauskommt, gelangt sie mit einem Boot nach Schottland.

Katie Hale: „Mein Name ist Monster“. Aus dem Englischen von Eva Kemper. S. Fischer, Frankfurt a. M 2020, 384 Seiten, 22 Euro

Hale erzählt (zunächst) ausschließlich aus der Perspektive ihrer Protagonistin. Die letzten Phasen einer sich zerstörenden Menschheit werden skizziert. Dies geschieht in Bezug zu ihren persönlichen Erinnerungen oder Situationen in der erzählten ­Gegenwart, etwa wenn sie auf Leichen in den verlassenen Häusern stößt. Hale lässt die spröde Persönlichkeit ihrer Figur greifbar werden, die zugleich eine feine Wahrnehmung für ihre Umgebung auszeichnet: jetzt sind da nur noch die Tiere und die Natur.

Hales Sprache ist intensiv, facettenreich und dicht. Die Romandebütantin schöpft aus der Erfahrung der Lyrikerin. Den unbedingten Lebenswillen Monsters konfrontiert sie mit der Frage, was denn Leben überhaupt noch ausmacht, wenn es auf ein bloßes Überleben reduziert ist. Wie ist die totale Einsamkeit zu ertragen? Was bedeutet Zeit? Was bedeutet ein Zuhause? Monster wird sich eines schaffen, auf einem verlassenen Hof.

Bei einem Streifzug in die Stadt trifft sie auf ein junges Mädchen, verwahrlost, scheinbar ohne Sprache, ohne Erinnerung. Eine weitere Überlebende. Freude paart sich mit Hybris: Sie gibt dem Mädchen ihren Namen, sich selbst nennt sie nun „Mutter“, das Mädchen soll ihr Geschöpf werden.

„Sie will eine leere Welt haben“

Die spezielle Mutter-Tochter-Beziehung, die sich nun entfaltet, bietet der Autorin Raum für die Ausleuchtung weiterer existenzieller Themen. Sie zeigt Mutter, wie sie zwischen erstmals derart empfundener Empathie, ja Liebe, und Machtausübung schwankt. Wie sie Sprache benutzt, um der Jüngeren ihren Willen und ihre Werte aufzudrängen. Und wie sie damit scheitert.

Denn Monster junior ist mitnichten ein unbeschriebenes Blatt. Etwa nach der Hälfte des Romans wechselt Hale ganz in ihre Perspektive. Deutlich werden ihre Zweifel: „Ich meine, dass Mutter die Sachen, die sie sieht, nicht richtig versteht. Manchmal versteht sie alles so sehr nicht, dass ich glaube, sie will eine leere Welt haben.“

Auch sie strebt auf ihre Weise nach Autonomie, ausgerüstet mit der Widerständigkeit einer erwachsen werdenden Tochter. Mancher Konflikt könnte sich ähnlich in einer alltäglichen Familie abspielen, gewinnt aber in der extremen Lage gegenseitiger Angewiesenheit an Schärfe.

Schließlich bietet die Autorin auch eine Idee für ein Weiterleben der Menschheit an. Hier aber liegt die Schwäche ihres Debüts, dieser Erzählstrang bleibt fragwürdig. Das aber ist zu verschmerzen, lässt man sich auf die anderen, originellen Ideen Hales ein, auf ihre zwei unkonventionellen Frauenfiguren, mit denen sie das Genre der dystopischen Erzählungen über das (beinahe) Ende der Menschheit definitiv be­reichert hat.

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