Regisseur über Diversität: „Wir müssen die Dinge anprangern“

Ilker Çatak spricht über Diversität im deutschen Film, Fallstricke der Repräsentation und Frauenfiguren. Denn die seien für ihn viel interessanter.

Ilker Çatak auf dem roten Teppich bei den Studenten-Oscars

Ilker Çatak nimmt 2015 an der Preisverleihung der Academy of Motion Picture Arts and Sciences teil Foto: Justin Baker/FilmMagic/Getty Images

taz am wochenende: Herr Çatak, in Ihrem letzten Film „Es gilt das gesprochene Wort“ lernt ein mittelloser Türke am Strand von Marmaris eine deutsche Pilotin kennen und bittet sie, ihn zu heiraten, um ihn mit nach Europa zu nehmen. Darin stecken tendenziell rassistische und sexistische Klischees, werden aber stark gebrochen – die Frau wird nicht ausgenutzt, der Mann ist kein Macho. Wie vermeidet man rassistische Klischees in Filmen?

Ilker Çatak: Indem man die eigene Arbeit nach Klischees abklopft und schaut, ob es wirklich interessant ist, einen Mann zu erzählen, der eine Frau ausnutzt, und eine naive Frau zu erzählen, die sich darauf einlässt. Oftmals ist die Umdrehung des Klischees einfach spannender! Der Rassismus in der deutschen Gesellschaft war uns von Anfang an bewusst – eine Frau, die einen deutlich jüngeren Ausländer heiratet, bekommt auf jeden Fall Gegenwind. In unseren bürgerlichen Kreisen gibt es unsichtbare Mauern, die wir in dem Film bespielen wollten.

Wie wendet man das Thema Diversität auf jede Produktion an, etwa auch auf formatierte Fernsehsendungen wie den „Tatort“?

Bei Fernsehproduktionen geht es stark um eine definierte Zielgruppe. Immer noch sitzen Menschen in den Sendern, die glauben zu wissen, was das Publikum will, Stichwort Quote. Wenn es Bemühungen in Richtung Diversität geht, finde ich das prinzipiell gut. Aber es muss auch Sinn machen, denn wenn nur wegen der Diversität unglaubwürdige Konstellationen oder Figuren geschaffen werden, geht das meist nach hinten los. Das klingt vielleicht kontraproduktiv, aber ich bin ja auch Zuschauer, und denke dann: Aha, das ist also der Alibitürke oder die Alibiafrodeutsche – und das soll ja nicht sein!

wurde 1984 als Sohn türkischer Einwanderer in Berlin geboren. Mit zwölf Jahren zog er nach Istanbul und absolvierte dort sein Abitur an der Deutschen Schule. Danach Rückkehr nach Deutschland, 2009 Bachelor in Film- und Fernsehregie, anschließend absolviert er den Master im Fach Regie an der Hamburg Media School. Sein Abschlussfilm „Sadakat“ (2014) erhält neben dem Max-Ophüls-Preis und dem First Steps Award für den Besten Kurzfilm auch den Studenten-Oscar in Gold für den Besten Ausländischen Kurzfilm. Sein Spielfilmdebüt „Es war einmal Indianerland“ drehte er 2017. Für seinen zweiten Spielfilm „Es gilt das gesprochene Wort“ (2019) erhielt er viele Preise und Nominierungen, darunter mehrere beim Deutschen Filmpreis.

Vermutlich will auch niemand nur aus Diversitätsquotengründen besetzt werden, oder?

Genau – aber das lässt sich vermeiden, wenn die Figuren eine Tiefe haben, wenn sie wahrhaftige Charaktere sind, nicht nur Bauernfiguren in einem Schachspiel. Im Kino kann man sich für solche Figuren mehr Zeit lassen als im Fernsehen, wo der Erzähldruck höher ist. In meinem eigenen Schreibprozess spielt das eine große Rolle – ich sitze gerade an einem neuen Drehbuch, und meine Geschichte findet an einer Schule statt. Wir fragten uns von Anfang an: Schulleiter oder Schulleiterin, und welchen kulturellen Background hat er oder sie? Nur wenn ich die Geschichte in Sachsen und mit einem genervten, altmodischen Kollegium erzählen will, das seit 40 Jahren alltagsmürbe unterrichtet, dann macht es wenig Sinn, die Lehrer*innen mit PoCs zu besetzen. Es gibt einfach nicht so viele dort.

Man kann also nicht immer die gesamte Gesellschaft repräsentieren?

Es kommt auf die Geschichte an. Man sollte schon immer gucken, ob man Diversität erzählen kann, und wie sie Sinn ergibt.

Welchen Einfluss haben Caster*innen?

Ich arbeite mit Simone Bär, die spielt für mich eine große Rolle – auch schon im Schreibprozess. Sie ist für diese Themen stark sensibilisiert, sowohl für Gender als auch für den kulturellen Hintergrund einer sich auszudenkenden Figur.

Inwiefern spielt es eine Rolle, wie groß die Gruppe ist, die repräsentiert werden soll und die eben nicht zur weißen Mehrheitsgesellschaft gehört?

Im Fernsehen ist es auf jeden Fall schwerer für Afrodeutsche als beispielsweise für Menschen mit türkischen Wurzeln. Es gibt einfach viel weniger Afrodeutsche. Wenn ich meine Geschichten schreibe, mache ich mir allerdings keine Gedanken darüber, ob eine Figur zu einer Minderheit gehört – die Pilotin in „Es gilt das gesprochene Wort“ gehört zu nur drei Prozent Kapitäninnen in Deutschland. Und wenn ich zum Beispiel eine schwarze Figur schreibe, denke ich nicht darüber nach, wie viele Afrodeutsche es hierzulande gibt, sondern ich schreibe sie, weil ich ein grundsätzliches Interesse an diesem Menschen habe.

Ihre Eltern sind selbst türkische Herkunft – fühlen Sie sich im deutschen Kino denn ausreichend repräsentiert?

Die Frage stelle ich mir nicht. Ich verstehe mich selbstverständlich als Deutscher. Ob ich mich repräsentiert fühle, hat für mich weniger mit meiner Herkunft zu tun, auch nicht mit Haut-, Augen- oder Haarfarbe – eher mit einem übereinstimmenden Weltbild. Ich kann mich von Margarete Stokowski oder Max Czollek repräsentiert fühlen. Aber auch von Spike Lee oder Nelson Mandela. Es geht um die Haltung eines Menschen.

Braucht man also den Vorwurf gar nicht, dass nichtweiße Charaktere zu selten vorkämen?

Doch – türkische, arabische oder afrodeutsche Schau­spie­ler*innen möchten natürlich arbeiten und leiden stark darunter, gar nicht oder nur in Klischeefiguren besetzt zu werden. Der schwarze Schauspieler ­Tyron Ricketts hat neulich gesagt, dass er keine Lust mehr auf Rollen als pakistanischer Taxifahrer oder Drogendealer hat – da hat er natürlich recht, das sind Figuren, die ausschließlich Klischees bedienen. Das ist ein verständlicher Frust, den wir ernst nehmen müssen. Hautfarbe und Gender sind Themen, mit denen wir uns als Gesellschaft auseinandersetzen müssen. Ich habe übrigens gemerkt, dass mich Männerfiguren schneller langweilen. Als Erzähler interessiert mich das andere Geschlecht viel mehr. Meiner Ansicht nach sollten sich Männer in jeder Beziehung mal ein bisschen zurücknehmen.

Es gibt in der Gesellschaft ja auch 50 Prozent Frauen oder Nichtmänner, also kann niemand ernsthaft deren Relevanz und Bedeutung für Geschichten leugnen. Spielt es eine Rolle, wie groß die sogenannte Minderheit ist?

Solange wir in der Politik, in Redaktionen und an Ent­schei­der­po­sitionen größtenteils weiße, privilegierte Menschen sitzen haben, wird es mit der flächendeckenden Repräsentanz von Minderheiten noch lange dauern. Ich habe Kolleg*innen, die ihre Geschichten nicht durchkriegen, weil die Gatekeeper sie nicht durchlassen. In manchen öffentlich-rechtlichen Fernsehredaktionen wird zum Beispiel gefordert, Filme müssten „hell“ sein, also an sonnigen Stränden spielen und mit „hellen“, sprich blonden, weißen Gesichtern besetzt werden, weil das angeblich der Zuschauer so will. Absurd und absolut vermessen.

Sollte man vielleicht Hautfarbe überhaupt nicht mehr sehen und benennen?

In einer idealen Welt: ja. Aber bis dahin müssen wir die Dinge noch benennen und auch anprangern. Es ist wie mit den „starken Frauenfiguren“. Warum sind das nicht Selbstverständlichkeiten, die keiner gesonderten Benennung bedürfen? Können wir uns nicht einfach nur als Mitmenschen begreifen? Das ist meines Erachtens der Schlüssel.

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