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Rolle des dritten TorhütersEinsatzfreude auf der Bank

Carlo Pinsoglio ist bei Juventus Turin schon eine halbe Ewigkeit dritter Torhüter. Er schätzt seinen Job, zumal er immer herausfordernder wird.

Hat gut lachen: Carlo Pinsoglio hat sich mit seinem Schattendasein gut arrangiert Foto: Manon Cruz/reuters

Nur einige 100 Meter vom Trainingsgelände entfernt kam er zur Welt. Mit Unterbrechungen ist er fast 20 Jahre im Verein, davon fast neun Jahre mit der ersten Mannschaft bei insgesamt vier Vertragsverlängerungen. Nur sechs Spiele hat er in dieser Zeit bestritten, aber immerhin acht Titel gefeiert. Das ist die verrückte Geschichte von Carlo Pinsoglio, dritter Torwart bei Juventus Turin. Seine jüngste Vertragsverlängerung hat in Italien eine charmante Debatte um die Rolle des dritten Keepers ausgelöst.

Für die einen handelt es sich um die Traumrolle: „Kein Druck, trotzdem ein beachtliches Gehalt, genug Freizeit für allerlei Blödsinn, fettes Grinsen von morgens bis abends, ein bisschen Fitnessstudio, viel Vergnügen, Restaurantbesuche, Partys“, fasste ein humoristisch veranlagter X-User seine Sicht der Dinge zusammen.

Als dritter Keeper ist man mittendrin im prestigeträchtigen Geschäft, Tag für Tag auf Tuchfühlung mit den Stars. Die Wochenenden sind meist frei verplanbar. Geld bekommt man trotzdem, wenngleich im Falle Pinsoglio die Erfolgsprämien nach gewonnenen Meisterschaften (deren drei) das Grundgehalt (ca. 300.000 Euro jährlich) beträchtlich übersteigen dürften.

Andererseits gleicht ein dritter Keeper dem zweiten Ersatzrad. Vollkommen überflüssig, kaum eine Chance, ins Fernsehen zu kommen, Wettkampfpraxis kaum vorhanden.

Bankzeit dient der Gesundheit

Vorteile der Torhüterreservistenrolle sind wiederum wissenschaftlich belegt. Eine Studie des Journal of Science and Medicine in Sport aus dem Jahr 2013 fand heraus, dass Keeper sich im Training weniger verletzen als Feldspieler, die Verletzungshäufigkeit im Wettkampf aber etwa gleich sei. Torhüter sein und nicht spielen müssen, ist der Gesundheit also dienlich.

Sven Ulreich, dritter Keeper bei Bayern München, bestätigte kürzlich mit seiner Verletzung im Ersteinsatz nach langer Pause gegen Leverkusen die Studie eindrücklich. Er musste ran, und schon riss ein ganzes Muskelbündel.

Eine kleine Verletzungshistorie hat allerdings selbst Pinsoglio. Im Herbst musste er wegen einer Muskelverletzung mehrere Wochen pausieren. Auch eine Coronainfektion steht zu Buche.

Der Dauerreservist sieht seine Rolle übrigens in einem interessanten Wandel begriffen. „Früher war sie tatsächlich wenig bedeutsam. Heutzutage muss man sich aber um viele Dinge kümmern“, reflektierte er vor etwa fünf Jahren sein spezielles Metier. In erster Linie seien das Fanarbeit und Unterstützung der spielenden Kollegen von der Bank aus. Das machte er zuletzt so leidenschaftlich, dass er sich im Champions-League-Match gegen Galatasaray eine Gelbe Karte wegen Protesten einfing. Er sorgt damit in Europas Königsklasse für die spezielle Marke von null Spielminuten und einer Verwarnung – ein besonderer Leistungsnachweis für einen dritten Keeper.

Bei seinem Verein wird er geschätzt. Juventus lobte anlässlich der Vertragsverlängerung: „Er verkörpert perfekt den Juve-Stil. Er ist verlässlicher Bezugspunkt für die Mitspieler, auch dank seines positiven Führungsstils und ein Musterbeispiel für Einsatzfreude.“

Der Legende nach zählt er zu den wenigen Menschen, die dem stets ernsten Musterprofi Cristiano Ronaldo mit kleinen Scherzen beim extra Schusstraining das eine oder andere Lächeln ins Antlitz zauberte. Gemeinsame Abendessen waren der Lohn. „Und bezahlt hat immer er“, erzählte Pinsoglio.

Wichtige Aufgabe ist auch, die jeweils neuen Spieler zu integrieren. Im Sommer, wenn die Gerüchte sich bewahrheiten, den noch derzeitigen FC Bayern-Profi Leon Goretzka. Selbst wird er bis mindestens Juni 2027 Juve-Angestellter sein. Und wahrscheinlich ist wieder der letzte Spieltag für seinen Kurzeinsatz auf dem Rasen vorgemerkt. Seine sechs Pflichtspieleinsätze ab 2017 kamen allesamt auf diese Art zustande.

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