Risikoforscher über das Coronajahr: „Wir sind gefordert“

Der Risikoforscher Stefan Böschen zieht eine erste Bilanz des Coronajahres. Ein Gespräch über Nähe, Distanz und neue soziale Reibungspunkte.

Menschen auf der Rheinpromenade in Düsseldorf

Aber jeder nur in seinem Kreis: Im Sommer auf der Düsseldorfer Rheinpromenade Foto: Rupert Oberhäuser/imago

taz am wochenende: Herr Böschen, als Anfang des Jahres das Virus über uns kam, haben Sie ein virtuelles „Corona-Tagebuch“ für Bürger:innen eingerichtet. Was hat es damit auf sich?

Stefan Böschen: Wir haben Menschen eingeladen, ihre Gedanken, Eindrücke und Gefühle während der Pandemie für uns aufzuschreiben. So­zial­for­sche­r:in­nen stellen den rund 70 Teil­neh­me­r:innen dazu seit dem Frühjahr Fragen. Uns interessiert: Wie gehen die Menschen mit dieser massiven Unterbrechung ihres Alltags um? So etwas Herausforderndes hat ja kaum jemand bisher erlebt, und wir sehen, was das für einen deutlichen Einfluss hat, auf die Wahrnehmung, das Fühlen und Handeln.

Stefan Böschen 1965 geboren, hat den Lehrstuhl „Technik und Gesellschaft“ an der RWTH Aachen inne.

Nun zieht sich das „Social Distancing“ schon bald ein Jahr. Kann da etwas einrasten, was die Gesellschaft kühler oder prüder macht?

Für eine Weile müssen wir sicher noch mit situativ anderen Ausdrucksformen zurechtkommen. Aber so grundlegende Dinge wie Nähe und Intimität: Nein, ich glaube nicht, dass sich daran nachhaltig etwas verändert.

Aber Sie haben gesellschaftliche Reibungspunkte festgestellt, die sich unter Corona verstärken, richtig?

Das, was wir derzeit erleben, hebt die alten sozialen Gewohnheiten erst einmal auf. Das erfordert eine neue Aufmerksamkeitssteuerung. Und das ist anstrengend, deswegen empfinden viele das als total nervig. Zugleich sind die Maßnahmen und Hygieneregeln grundsätzlich richtig, und das verstehen auch die meisten. Mit diesen Ambivalenzen leben zu können, und auch mit den damit verbundenen Gefühlen von Angst, Frustration und Wut umzugehen, ist schwierig. Wut war bisher ein stark reguliertes Gefühl und der legitime Ausdruck war Ausnahmesitua­tio­nen vorbehalten. Was wir jetzt aber schon seit einer Weile beobachten, ist, dass Wut als Ausdruck individueller Befindlichkeit durchaus gesellschaftsfähig geworden ist.

Zu den „alten sozialen Gewohnheiten“ gehört etwa, dass man auf dem Gehweg nicht um jede fremde Person einen Bogen macht. Auf den ersten Blick scheint die Welt nun unhöflicher geworden zu sein.

Man könnte von „typischen Distanzen“ sprechen, die wir jetzt gezwungenermaßen brechen. Überall gibt es Distanzen, die als angenehm wahrgenommen werden, und solche, die als unangemessen empfunden werden. Bei Menschen, mit denen man nicht persönlich verbunden ist, gilt im Regelfall eine gute Armeslänge als „normaler“ Abstand.

Nach einem Jahr voller Abstand und Kontaktbeschränkungen widmen wir uns in unserer Weihnachtsausgabe dem Gefühl, ohne das 2020 wohl erst recht nicht auszuhalten gewesen wäre: der Liebe. Muss man sich wirklich selbst lieben, um geliebt werden zu können? Hilft der Kauf eines Flügels bei der Auseinandersetzung mit dem Kind, das man einmal war? Und was passiert eigentlich mit all den Lebkuchenherzen, die nicht auf Weihnachtsmärkten verkauft werden konnten? Ab Donnerstag am Kiosk, im eKiosk, im praktischen Wochenendabo und rund um die Uhr bei Facebook und Twitter.

Wenn ich jetzt zu Weihnachten meine Eltern in Hessen besuche, werde ich die Zwei-Meter-Regel brechen, das ahne ich schon. „Papa, wir müssen uns dann zurückhalten“, sagte ich am Telefon. Er, Mitte siebzig: „Aber es gibt Dinge, die sind wichtiger.“

So wie wir mit der Distanz zu fremden Menschen immer auch unser Revier markieren, so haben wir bei anderen einen gewissen Nähebedarf. Der lässt sich nicht so einfach verändern. Einer unserer Forschungsansätze besteht darin, dass wir die Maßnahmen zum Infektionsschutz unter diesem Aspekt noch einmal näher betrachten wollen. Das Regelwerk ist top-down beschlossen worden. Die Politik hat einen Rahmen gesetzt und Einschränkungen „von oben“ durchgegeben. Das ist für manche ein Vermittlungsproblem.

Wir wollen, auch mit Blick auf künftige Pandemiefälle, schauen: Wäre es nicht auch umgekehrt möglich, bottom-up? Man muss gucken, welche sozialen Hilfeformen als akuter Bedarf bei Menschen in einer solchen Krise bestehen bleiben oder ganz neu entstehen. Welche anderen sinnvollen Umgangsweisen wären in einer Pandemie noch denkbar, welche Regeln könnten von den Betroffenen mitentwickelt werden – und dann vielleicht eine größere Legitimität haben? Wenn das Regelwerk als reine Kontrollmaßnahme auf staatlicher Ebene aufgefasst wird, führt das zu den Schwierigkeiten, die wir gerade erleben, bis hin zu Diktaturvergleichen, die wirklich unsäglich sind.

Wer sich an Maskenpflicht und Abstandsregeln hält, wird von sogenannten Coronaleugner:innen gern als „Schaf“ beschimpft. Wie betrachten Sie diese Entwicklung?

Wir sind gerade Zeugen eines großen Sinnstiftungsproblems. Für viele stellt sich die Frage: Wie soll ich ein weltweites Großereignis wie diese Pandemie in meinen persönlichen Deutungshaushalt integrieren? Früher hat das mal Gott erledigt. Der Theologe Fulbert Steffensky sagte einmal: „Wir leben in einer Gesellschaft, deren Weisheit schwach und deren Apparate stark sind.“ Insgeheim sind wir daran gewöhnt, dass moderne Technik all unsere Probleme schon lösen wird. Jetzt sind wir auf einmal wieder selbst gefordert.

In der Pandemie ist Kooperation gefragt – eine uralte Menschheitstechnik. Mit Störungen im Alltag umzugehen, sich selbst umzustellen, und das nicht nur zum eigenen Wohl, sondern im Namen des Kollektivs: Das fällt vielen, mich eingeschlossen, durchaus schwer. Das sind sicher auch die Auswirkungen eines forcierten Individualismus. Der Soziologe Andreas Reckwitz spricht inzwischen ja von der „Gesellschaft der Singularitäten“.

Sich über die Pandemie und die Maßnahmen lustig zu machen, bedeutet auch: „Meine individuellen Rechte zuerst!“

Es hat jedenfalls mit der Fähigkeit zu tun, mit seinen Gefühlen souverän und sozialverträglich umzugehen. Es gibt heute bei manchen einfach einen ungeheuren Drang, den eigenen Regungen spontan und vermeintlich authentisch Ausdruck zu geben. In einem Umfeld, welches den Selbstausdruck kontinuierlich er- und einfordert, ist das verständlich, die Fähigkeit des Sich-Zurücknehmens ist heutzutage einfach nicht so stark ausgeprägt – aber genau das wird nun gerade verlangt, in so einer Situation.

Hat das etwas mit Charakterstärke, mit persönlicher Reife zu tun?

Ich will mich gar nicht über die Schreihälse und Maskenverweigerer erheben. Es ist heute für alle schwieriger, innerweltliche Problemlagen zu bewältigen. Das gilt generell für säkularisierte Gesellschaften, in denen Religion keine große Rolle mehr spielt. Solche modernen Gesellschaften haben sehr viele Vorteile, zweifellos. Was Verschwörungstheorien im Mittelalter alles angerichtet haben, war noch viel schrecklicher, ganz klar. Aber eigentlich gehörte es immer zum kulturellen Repertoire von Gesellschaften: Dass sie Deutungsmuster anbieten für etwas, das der oder die Einzelne nur schwer aushalten kann. Unter Corona sehen wir jetzt: Was sind denn eigentlich die Sinnstiftungsressourcen, die diese unsere individualisierte Gesellschaft zur Verfügung hat?

Jeder zimmert sich seine eigene provisorische Moral – aber die ist im Zweifel zu schwach, um mit tiefgreifenden Zumutungen umgehen zu können. Auch ich selbst habe mich in den vergangenen Monaten immer wieder überprüft und mir die Frage gestellt: Was wäre nun eigentlich die größte Zumutung für mich und wie würde ich damit umgehen?

Und? Worauf kamen Sie da?

Ohne meine Frau leben zu müssen, wäre das Schlimmste für mich. Wir sind beide Mitte 50 und haben beide Vorerkrankungen, so wie rund 30 Prozent der hiesigen Bevölkerung. Wenn das von manchen, auch in der Politik, bei der AfD zum Beispiel, jetzt so abgetan wird... na ja. Das ist dann eben eine unzulässige Vereinfachung und Trivialisierung der Problemlage. Ich bin ein Christ, da fühle ich mich verwurzelt, daraus ziehe ich einen Teil der Stärke, die nötig ist, in dieser Zeit. Und ich möchte betonen: Parallel zu allen Differenzen erleben wir gerade auch ein beeindruckendes Solidaritätsmoment in dieser Gesellschaft – eine große Mehrheit, die bereit ist, zugunsten von Schwächeren für einen gewissen Zeitraum zurückzustecken. Es wäre sehr schade, wenn das in der öffentlichen Diskussion zu kurz kommt.

Auch im Lager der Vernünftigen gibt es allerdings unschöne Tendenzen – etwa wenn „südländische Großfamilien“ verdächtigt werden, die Regeln eher zu brechen als andere. Dabei waren hierzulande Karnevalist:innen im Rheinland und Skiurlauber:innen die ersten Superspreader.

Ja, aber der Rassismus war schon vor Corona da. Rund 10 Prozent der Bevölkerung haben eine rechtspopulistische Orientierung, das ist ein seit Langem stabiler Wert. Die Wut, die ich vorhin erwähnte, äußert sich auch in solchen Äußerungen. Da werden Sündenböcke bemüht, um Unklarheiten zu bewältigen – irgendwer muss an allem schuld sein. Es ist eine einfache Mechanik, den inneren Druck loszuwerden. Man muss keine große Hürde überwinden, um Leute, die ohnehin leicht zu entrechten sind, zu beschuldigen oder anzugreifen. Das geht sehr einfach, auch hier nun wieder.

Sie haben sich vorhin als Christ beschrieben. Mein Eindruck ist: Sie sind ein gelassener Optimist.

Nein, das wäre mir zu einseitig positiv belegt. Ich bin zuversichtlich – lassen Sie es mich lieber so sagen. Was wir weltweit nun erleben und durchleiden, sind Anpassungsschwierigkeiten an neue, ungewohnte Umstände. Je nachdem, wie lange diese Umstände dauern, wird sich zeigen: Verflüchtigen sich diese Anpassungen später, wird also alles wieder ganz wie früher? Oder behalten wir Teile der Anpassungen bei, weil sie gar nicht so schlecht sind? Im Feld der Arbeit deutet sich schon etwas an: Ist es wirklich nötig, für eine einzige Teambesprechung zehn Leute quer durch die Republik zu schicken, oder tut es auch eine Bildschirmkonferenz?

Tut es eine Bildschirmkonferenz aber auch zu Weihnachten? Wie gehen Sie persönlich damit um?

Auch für mich ist diese Krise ein lebensbiografisches Ereignis, ein Einschnitt. Meine Kinder, Enkel und Geschwister sind verstreut in der ganzen Republik. Mein Vater ist in seinen Achtzigern, nach dem Tod meiner Mutter lebt er allein. Sich nicht richtig sehen zu können – das war und ist wirklich schwer. Zu Weihnachten fahren meine Geschwister und ich nun getrennt zu unserem Vater, alle einzeln und nach­ein­ander, jeweils für einen Tag. Das kann man schrecklich finden. Man kann aber auch sagen: Wir müssen gerade durch einen heftigen Sturm navigieren – aber wir tun es gemeinsam. Das kann auch ein gutes Gefühl sein.

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