Ridley Scotts „Das Ende der Sterne“: Am Außenposten der Zivilisation
Im Science-Fiction-Film „Das Ende der Sterne“ zeigt Regisseur Ridley Scott, wie sich Überlebende in der Postapokalypse einrichten. Das hat einigen Charme.
Foto: Walt Disney Pictures
Nicht alles ist schlecht, wenn die Welt untergegangen und die Menschheit durch einen Virus empfindlich dezimiert wurde. Der von Jacob Elordi gespielte Hig, der an der Seite seines Hundes Jasper in einer klapprigen Cessna die verlassenen Landstriche von Colorado überfliegt, scheint es auf den ersten Blick geradezu gemütlich zu haben. In der nahen Stadt Erie sammelt er neben den Essentials Medikamente und Treibstoff auch Leckereien wie Kaffee, Zigaretten und Cola ein.
Einzig die überraschende Begegnung mit einem verdreckten, in Lumpen gekleideten und mit altmodischer Armbrust bewaffnetem Mann stört die Idylle. Seine Erfahrung mit Vorfällen dieser Art demonstriert Hig nicht nur mit gekonnt schneller Reaktion, sondern mit der Gnade, die er dem Mann schlussendlich erweist. Er tötet ihn nicht.
Wäre da nicht die Cessna, würde man sich in Ridley Scotts neuem Film „Das Ende der Sterne“ ganz wie zu Hause in einem altmodischen Western fühlen. Denn Hig lebt nicht allein. Zusammen mit Bangley (Josh Brolin), einem älteren Survival-Experten mit Militärerfahrung, bewirtschaftet er den ehemaligen Sportflughafen von Erie, als sei es ihre Farm. Beide eher schweigsam, beide eher brummig, bilden sie ein perfektes Cowboypaar, das sich über Kaffee in Blechbechern hinweg zuprostet und per Handzeichen verständigt.
„Das Ende der Sterne“. Regie: Ridley Scott. Mit Jacob Elordi, Margaret Qualley u.a. USA/Vereinigtes Königreich 2026, 118 Min.
Wie es sich gehört, verkörpern die beiden leicht verschiedene Ausblicke ins Leben: Bangley ist der Skeptiker, der überall Gefahr wittert und sich ganz und gar eingerichtet hat im Modus des Sich-gegen-die-Welt-Verteidigens. Mit allen, die seinem „Perimeter“ zu nahe treten, macht er kurzen Prozess. Menschliche Empathie und Mitleid scheinen ihm völlig fremd geworden.
Als hätte er lieber einen Western gedreht
Hig ist von ganz anderem Kaliber. Bei seinen Ausflügen in die Stadt besucht der ehemalige Mechaniker regelmäßig das Haus, das er zusammen mit seiner Frau Melissa vor der Pandemie bewohnte. Er setzt sich ins Schlafzimmer und schwelgt melancholisch-schmerzlich in Erinnerungen an die Verstorbene, die vor ihrem Tod schwanger war. Auch versorgt er bei seinen Ausflügen regelmäßig eine in der Nähe lebende Gemeinde von Mennoniten, die wie aus der Zeit gefallen wirken, was im postapokalyptischen Setting aber auch wieder genau passend erscheint.
Als hätte er tatsächlich lieber einen Western gedreht, dafür aber nicht die passende Romanvorlage gefunden, inszeniert Scott die Angriffe auf seine Männeridylle wie einst Indianerüberfälle aufs Fort Bravo. Ominöse Gestalten, oft in einer Art einheitlichen „Stammeskleidung“, schleichen sich im Unterholz an, werden dann aber schnell Opfer der üblichen Waffenungleichheit. Die Eindringlinge verfügen nur über Pfeil und Bogen, während Bangley und Hig mit Gewehren schießen.
In leichter Abänderung zur Vorlage, Peter Hellers gleichnamigem Roman von 2012, sieht Hig sich schließlich durch eine Kette von Vorfällen dazu gebracht, Bangley abrupt allein zu lassen und mit seiner Cessna das Weite zu suchen. Schwer entzifferbare Funkmeldungen aus dem außerhalb seines Flugkreises liegenden Grand Junction locken ihn wie einst Odysseus die Sirenen. Was, wenn es noch ein anderes Leben da draußen gibt? Dass die Stimme weiblich ist, scheint ebenfalls eine gewisse Wirkung zu haben.
Kaffee beim Lagerfeuer
Bevor man als Zuschauer*in noch darum trauern könnte, dass der Film sein Western-Setting verlässt und ins apokalyptische Genre wechselt, muss Hig bruchlanden und entdeckt dabei eine versteckte Farm, die von Cima (Margaret Qualley) und ihrem Vater Pops (Guy Pearce) bewirtschaftet wird. Der Annäherungsprozess verläuft genau so, wie man es von Weitem kommen sieht. Der Film verweilt dabei mit so viel genüsslichem Gefallen bei der kleinen Gemeinschaft, die schließlich gemeinsam Birken abholzt und bei Lagerfeuer Kaffee trinkt, dass man die Lockrufe aus Grand Junction fast vergisst. Aber wie gesagt, es passiert dann doch alles so, wie man es schon lang vorhersieht.
Empfohlener externer Inhalt
Trailer „Das Ende der Sterne“
Als Apokalypse-Thriller hat „Das Ende der Sterne“ nur wenig zu bieten. Nicht nur dass die Welt, wie sie sich vor Hig ausbreitet, kaum originelle Aspekte hat. Auch die Aufteilung der Figuren ist viel zu einfältig, um interessant zu sein. Die Charaktere im inneren Kreis sind dreidimensionale Menschen mit Lebensläufen, ehemaligen Berufen und Innenleben. Die Angreifer von außen tauchen stets als Horde auf und sind gesichtslose, anonyme Gestalten, die eher an Zombies denn an Menschen erinnern.
Trotzdem hat der Film durchaus seinen Reiz. Der liegt ganz und gar in seinem Western-Charme, der vor allem die drei männlichen Darsteller Jacob Elordi, Josh Brolin und Guy Pearce als Außenposten der Zivilisation bärig und wie befreit aufspielen lässt. Schade natürlich, dass Margaret Qualley als einzige Frau mit Sprechrolle im Ensemble nur wenig mehr als das Klischee der Wunden versorgenden Krankenschwester darstellen und dazu optimistisch lächeln darf.
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