Reinhard Loske gratuliert Michael Succow : Als Oberbarnim zum Herzen des Umweltschutzes wurde
Der alternative Nobelpreisträger Michael Succow hat zu Wendezeiten die Naturlandschaften im Osten gerettet. Zum 85. Geburtstag erscheint ein Buch über sein bemerkenswertes Leben.
taz FUTURZWEI | Bücher zur Geschichte der modernen Ökologiebewegung werden hierzulande meist aus westdeutscher Perspektive geschrieben. Sie sind oft kenntnis- und faktenreich formuliert, aber auf dem „Ost-Auge“ nicht selten blind oder mindestens sehbehindert.
Als etwa der renommierte Bielefelder Umwelthistoriker Joachim Radkau 2011 sein famoses und fast 800seitiges Werk „Die Ära der Ökologie. Eine Weltgeschichte der grünen Bewegung“ vorlegte, suchte man im Personenregister den Namen einer Person vergebens, die zunächst den ostdeutschen und osteuropäischen, später auch den gesamtdeutschen und weltweiten Naturschutz mitprägte wie nur wenige Zeitgenossen: Michael Succow,stellvertretender Umweltminister der untergehenden DDR in den Kabinetten von Hans Modrow (von Januar bis April 1990) und Lothar de Maiziére (bis Mai 1990), sowie langjähriger Professor für Geobotanik und Landschaftsökologie der Universität Greifswald. Am 21. April ist sein 85. Geburtstag.
Es ist deshalb ein großes Verdienst, dass die Journalistin Christiane Grefe nun gemeinsam mit Succow dessen Erfahrungen und Erkenntnisse als Naturschützer, Forscher, Lehrer, Kurzzeitpolitiker und Stiftungsgründer aufgeschrieben hat.
Ein abenteuerliches Leben?
Sie tut das nicht in der Form des „Ghostwriting“, das allzu oft nach dem Motto funktioniert: Ein „Superchecker“ erklärt die Welt, die Journalistin schreibt mit und veredelt das Gesagte sprachlich für den Buchmarkt. Gewählt wird stattdessen das Format einer Collage. Succow kommt in zahlreichen längeren Passagen im O-Ton zu Wort und berichtet über seine reichhaltigen Erfahrungen.
Das Kontextualisierende, Einordnende und gelegentlich auch Kritische kommt von Grefe. Dieses Format verhindert zugleich, dass das Ganze zur bloßen Heldenerzählung wird, auch wenn die Sympathie, die die Co-Autorin gegenüber dem ökologisch so kenntnisreichen und zugleich freundlichen Menschen Michael Succow empfindet, über das ganze Buch hinweg deutlich spürbar wird.
MICHAEL SUCCOW mit CHRISTIANE GREFE: Das Abenteuer des Lebens. Erfahrungen und Erkenntnisse eines Ökologen, Weltbürgers und Mutmachers. Oekom Verlag, München 2026
Der Titel des Buches irritiert zunächst. „Das Abenteuer des Lebens“ klingt eher nach zeitgeistiger Ratgeberlektüre denn nach ernsthafter Biographiearbeit oder Gesellschaftsanalyse.
Wer das Buch aber vom Anfang bis zum Ende liest, wird durch lebendige Erzählungen und interessante Details nicht nur reich entlohnt, sondern wahrscheinlich auch zu dem Schluss kommen, dass der gewählte Titel Michael Succows Leben doch ziemlich gut auf den Punkt bringt. Man kann es tatsächlich als großes Abenteuer bezeichnen, wobei dem bodenständigen Naturburschen aus der Region Oberbarnim, der in jungen Jahren Schafe hütend und botanisierend durch die Mark Brandenburg zog, eine beachtliche akademische Karriere, weltweites Wirken und die spätere Fülle an Auszeichnungen bis hin zum „Alternativen Nobelpreis“ keineswegs in die Wiege gelegt waren.
Die Liebe zur Natur als Auftrag zum Engagement
Die Abenteuer ergaben sich eher aus den handlungsorientierten Überzeugungen, die früh geprägt wurden: der Liebe zur Natur und dem Kampf für ihren Schutz, dem umfassenden Interesse an Tieren Pflanzen und Landschaften, vor allem Mooren, der Erkenntnis, dass Natur sich regenerieren kann, der Freude an Zusammenarbeit mit Gleichgesinnten und „einfachen Leuten“ gleichermaßen, der Gewissheit, dass eine nachhaltige Gesellschaft visionäres Denken braucht, um begeistern zu können, sowie der Einsicht, dass die Eigenschaft der Beharrlichkeit bei der Erreichung von Umweltzielen ein unbedingtes Muss ist.
taz FUTURZWEI, das Magazin für Zukunft – Ausgabe N°36: Die AfD interessiert uns nicht
Statt Rechtspopulisten politisch hinterherzurennen, plädieren wir für politische und gesellschaftliche Reformen zum Erhalt der großen demokratischen Mehrheit. Welche sind das? Das diskutieren wir in diesem Heft.
Mit: Aladin El Mafaalani, Beate Küpper, Johannes Heimrath, Maxim Keller, Ruth Fuentes, Wolf Lotter, Arno Frank, Vivika Lemke, Carla Hinrichs, Kevin Kühnert, Harald Welzer u. v. m..
Mit anderen Worten: Lange bevor alle Welt von Resilienz redete, wusste der Naturschützer Michael Succow, dass man sich nicht beim kleinsten Gegenwind geschlagen geben darf und lernen muss, auch mit Rückschlägen umzugehen und immer wieder nach alternativen Pfaden zur Zielerreichung Ausschau zu halten.
Aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, lassen sich eben ganze Kathedralen bauen. Das ist sicher auch eine wichtige Lehre für die heutige Umweltbewegung, die sich in unserer Zeit der Polykrise in der Defensive wähnt und manchmal zur ausufernden Klage über die „Uneinsichtigen“ neigt.
Das Buch schafft es, die Grundhaltungen Succows in verschiedensten Kontexten und insgesamt sechs Kapiteln sichtbar zu machen: Es geht dort um präzise Naturbeobachtung und -deutung, die Schwierigkeiten eines kritischen Wissenschaftlers in der DDR mit ihrem Spitzelsystem und ihren ideologischen Verblendungen, aber auch um das Erfahren von kollegialer Solidarität, um Widersprüchlichkeiten im eigenen Leben, etwa wenn man als überzeugter Moorschützer berufsbedingt an Maßnahmen zur Trockenlegung von Feuchtgebieten mitwirken muss.
Es geht auch um politische Schachzüge, die Succow als stellvertretender Umweltminister zu Zeiten der Wende einsetzen musste, um große Nationalparke und Biosphärenreservate in den Neuen Bundesländern zu ermöglichen, und nicht zuletzt um Kritik an Sozialismus und Kapitalismus, die sich nach Succows Ansicht in ihrer Wachstumsfixierung, Naturvergessenheit und Technikgläubigkeit doch stark ähneln.
Forscher, Politiker, Aktivist und Lehrer
Für den Rezensenten sind vor allem drei Aspekte des Buches von Succow und Grefe interessant. Da ist zunächst die unglaubliche Energie von Succow und seinen Mitstreitern bei der Sicherung des „Tafelsilbers der Deutschen Einheit“ (so Succows Freund Klaus Töpfer), nämlich der großartigen Landschaften zwischen Ostsee und Sächsischer Schweiz, Elbaue und Unterem Odertal als dauerhaft geschützte Gebiete.
Unter Umgehung der bürokratischen Gewohnheiten Westdeutschlands wurden diese Gebiete durch entschiedenes Handeln und kluge Allianzen mit Bonner Beamten und ostdeutschen Kommunalpolitikern gegen übergriffige Verwertungsinteressen verteidigt. Das Nationalparkprogramm der DDR kann heute als politische Glanzleistung gelten, verabschiedet in der letzten Sitzung des Ministerrats der DDR im September 1990. Den Prozess, der zu diesem Ministerratsbeschluss führte, beschreibt Christiane Grefe fesselnd und fast schon im Stile eines Kriminalromans.
Ausführlich dargelegt wird im Buch auch das erfolgreiche Engagement Succows für großräumige Naturschutzgebiete in Asien, das bis in die Mongolei und auf die russische Kamtschatka-Halbinsel reichte. Unter anderem für diese oft schwierige Sisyphos-Arbeit wurde er 1997 mit dem Right Livelihood Award ausgezeichnet, oft „Alternativer Nobelpreis“ genannt.
Ein Grund für diese Auszeichnung war auch, dass der Preisträger sich in seinen Kooperationsprojekten wo immer möglich nicht nur auf staatliche Akteure stützte, sondern auch die Zusammenarbeit mit Nichtregierungsorganisationen, lokalen und vor allem indigenen Gemeinschaften suchte, deren traditionellem Denken und Fühlen er sich bis heute stark verbunden fühlt. Mit dem Preisgeld als Samen gründete Succow eine Naturschutz-Stiftung. Sie trägt seinen Namen und ist heute weltweit tätig und erfolgreich.
Last but not least wird in dem Buch neben dem Forscher, Aktivisten und Politiker auch der Lehrer Michael Succow sichtbar, der nicht nur Hunderte von jungen Menschen gefördert, diplomiert und promoviert hat, sondern sie auch genaue Naturbetrachtung und Ehrfurcht vor den Netzwerken des Lebens lehrte und weiterhin lehrt.
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Das Draußensein in der Natur und die konkrete Anschauung sind ebenso Teil seines pädagogischen Ansatzes wie das Zulassen von Gefühlen. Ratio und Emotio, Naturanalyse und Naturliebe sind ihm keine Gegensätze, sondern zwei Seiten einer Medaille. Seine Empfehlung an Lehrende aller Disziplinen ist denn auch eindeutig: Am Ende des Lebens eines Hochschullehrers zählen nicht Publikationen, sondern wie viele Menschen man geprägt hat.
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