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Regulierung des digitalen Raumes Social Media, ein fahrlässiges Experiment

Viele Studien zeigen: Ein Viertel der Kinder wird durch Social Media krank. Es braucht dringend Kinderschutz, schreiben Maxim Keller und Harald Welzer. Doch die Bundesregierung weigert sich.

Hohe Screentime, reales Suchtpotenzial: die Politik müsste sich mit Kinderschutz befassen Foto: picture alliance/dpa | Jan Woitas

„Die rasante Steigerung von psychischen Erkrankungen bei jungen Menschen, insbesondere Mädchen, ist gut belegt und alarmierend ...“

taz FUTURZWEI | Die Implementierung digitaler Technologien und Anwendungen findet ohne Berücksichtigung der Frage statt, in welche Gesellschaftsform sie implementiert werden.

Die Frage, welche Folgen eine invasive Technologie aufwirft, stellt sich für eine Diktatur anders als für eine Demokratie. Im ersten Fall kann sie als willkommenes Herrschaftsinstrument betrachtet werden, im zweiten möglicherweise zersetzend wirken.

Gleichwohl erfolgt der Einsatz von immer mehr digitalen Tools und Anwendungen auch in Demokratien bislang fast ausschließlich unter nicht weiter begründeten Wettbewerbsgesichtspunkten, also vor allem wirtschafts- und technikgetrieben.

Dabei wird von der Politik bis heute kaum gesehen, wie die digitale Transformation die Innenwelt der Bürgerinnen und Bürger des demokratischen Staates verändert – sowohl was ihre Mediennutzung, ihre Aufmerksamkeitsspanne, ihre Beziehungsverhältnisse als auch ihre Selbstverhältnisse angeht. Dadurch ist direkt betroffen, was wir vor dem Hintergrund der Aufklärung und der politischen Geschichte für die zentrale Voraussetzung von Demokratie halten: nämlich die Autonomie der Bürgerinnen und Bürger und ihre eigene Urteilskraft.

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Statt Rechtspopulisten politisch hinterherzurennen, plädieren wir für politische und gesellschaftliche Reformen zum Erhalt der großen demokratischen Mehrheit. Welche sind das? Das diskutieren wir in diesem Heft.

Mit: Aladin El Mafaalani, Beate Küpper, Johannes Heimrath, Maxim Keller, Ruth Fuentes, Wolf Lotter, Arno Frank, Vivika Lemke, Carla Hinrichs, Kevin Kühnert, Harald Welzer u. v. m..

Einschränkung der Urteilskraft statt Mündigkeit

Gilt noch das Prinzip der „Erziehung zur Mündigkeit“, die normativ die westlichen Demokratien begründet und die Freiheit ihrer Mitglieder garantiert? Oder sehen wir hier, und nicht nur bei den nachwachsenden Gesellschaftsmitgliedern, Einschränkungen der Entwicklung der Urteilskraft, die weit über die individuellen Folgen hinaus Wirkung auf die soziale und politische Praxis in unseren Gesellschaften entfalten?

Gerade erfahren alle demokratischen Gesellschaften, dass System-, Politik- und Medienvertrauen abnehmen und sich populistische Bewegungen ausbreiten. Und in den USA sehen wir, wie global übermächtige Digitalkonzerne ein unheilvolles Bündnis mit autokratischer Politik eingehen.

Das sind auch Folgen einer unverstandenen und unregulierten Digitalisierung unserer Gesellschaft und unseres Staates. Donald Trump hatte schon früh die Macht der sozialen Medien erkannt und zum zentralen Mittel seiner Politik gemacht – wie das die politische Kultur verändert und die Spaltung der Gesellschaft vorangetrieben hat, sehen wir gerade live und in Farbe.

Tausende individuelle Schadenersatzklagen

Und das Problem, das so offensichtlich für die Demokratien wächst, fängt immer weiter unten an – bei den nachrückenden Mitgliedern der Gesellschaft. Die rasante Steigerung von psychischen Erkrankungen bei jungen Menschen, insbesondere Mädchen, ist gut belegt und alarmierend. Suchterzeugende Algorithmen führen bei nicht wenigen Betroffenen zu Abhängigkeiten, die schlimme Auswirkungen haben, und gerade bei Kindern gibt es Hinweise auf Veränderungen in der Hirnentwicklung.

Eine ganze Generation wird damit unkontrollierten Folgen für ihre weitere Entwicklung ausgesetzt.

In den USA brachten 33 Bundesstaaten schon vor fast drei Jahren gemeinsam eine Klage gegen Meta vor, in der sie dem Konzern vorwarfen, zu Profitzwecken Abhängigkeit zu fördern und zur Verschärfung der psychischen Gesundheitskrise bei Kindern und Jugendlichen beizutragen.

Dazu kommen in den USA noch tausende individuelle Schadenersatzklagen gegen die Plattformen, deren Ausgang einstweilen offen ist. In Australien trat am 10. Dezember 2025 das weltweit erste Social-Media-Verbot für Jugendliche unter 16 Jahren in Kraft, fast fünf Millionen Accounts wurden seither abgemeldet. Das britische Oberhaus hat am 22. Januar 2026 den Premierminister aufgefordert, dem australischen Beispiel zu folgen. Die französische Nationalversammlung hat für ein Nutzungsverbot bis zum Alter von 15 Jahren gestimmt, Dänemark, eines der First-mover-Länder in Sachen Digitalisierung, plant dasselbe, Österreich ebenfalls.

Bild: Marlene Charlotte Limburg
Maxim Keller

Maxim Keller ist Mitglied im RDÖ(Rat für Digitale Ökologie)-Arbeitskreis „Zukunftsfähige Digitalität“. Er schreibt an einer Dissertation an der Universität St. Gallen über historische Episoden von Widerstand gegen Technik.

Bild: Jens Steingaesser
Harald Welzer

Harald Welzer, Jahrgang 1958, ist Sozialpsychologe und Mitherausgeber des Magazins für Zukunft und Politik taz FUTURZWEI.

Social Media als Suchtfalle

Die Suche nach Maßnahmen ist ja auch dringlich: National wie international mehren sich die Hinweise auf eine neue und gravierende Problemlage für den Kinder- und Jugendschutz: Das Deutsche Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (DZSKJ) stellte bei über einem Viertel der Kinder und Jugendlichen eine riskante oder pathologische Social-Media-Nutzung fest. Im Durchschnitt verbringt diese Altersgruppe an Schultagen mehr als zweieinhalb Stunden, am Wochenende fast vier Stunden pro Tag in sozialen Medien, hinzu kommt noch Zeit für digitale Spiele und Video-Streaming.

In anderen Ländern sind die Werte ähnlich, und auch bei vielen Erwachsenen muss man inzwischen von einer unkontrollierten oder sogar suchthaften Social-Media-Nutzung sprechen.

Diese bedrückenden Phänomene, die sich auch in vermehrten Vereinsamungstendenzen, depressiven Verstimmungen und sogar suizidalen Tendenzen besonders bei Mädchen niederschlagen, sind keine Nebenfolge eigentlich harmlosen Medienkonsums.

Denn die entsprechenden Plattformen sind ja explizit darauf ausgelegt, die Nutzenden möglichst lange an die Displays zu fesseln. Hochkomplexe algorithmische Empfehlungssysteme stellen personalisierte Feeds zusammen, die mit einer hohen Frequenz und auf eine für die User unvorhersehbare Weise das Belohnungssystem im Gehirn aktivieren.

Das wirkt, vergleichbar mit Glücksspielautomaten, besonders verhaltensverstärkend. Dazu wurden Stopp-Signale wie etwa das Ende von Seiten weitestgehend eliminiert, alle Inhalte werden in unendlichen Feeds unterbrechungsfrei präsentiert („infinite scrolling“). Benachrichtigungen, seien es Likes, Nachrichten oder Hinweise auf neue Posts, holen die Menschen immer wieder auf die Plattformen zurück und halten sie darauf fest.

Keine einzige Studie kommt zu dem Ergebnis, dass sich keine negativen Effekte von exzessiver Nutzung von Social Media verzeichnen lassen.

Bundesregierung glänzt durch Nicht-Handeln

Die Bundesregierung allerdings kommt ihrer Verpflichtung zum Kinder- und Jugendschutz nicht nach, sondern setzt auf das bewährte Verfahren, eine Kommission einzuberufen und sich damit Zeit für Nicht-Handeln zu erkaufen.

Strukturell ähnelt der Widerstand gegen kinderschutztaugliche Regulierungen jenen, der lange um Rauchverbote geführt wurde oder auch den langwierigen Kämpfen um Umwelt- oder Klimaschutz. Immer wird das Beharren auf dem Status quo mit der unzureichenden wissenschaftlichen Befundlage begründet, immer werden vorhandene Evidenzen angezweifelt, immer werden pseudowissenschaftliche Gegenmeinungen ins Feld geführt.

Die Social-Media-Problematik zeigt aber auch aus Sicht der Neuropsychologie, dass wir es mit einem massiven Problem der Gesundheit von Kindern und Jugendlichen zu tun haben. Gemeinsam mit der Neurowissenschaftlerin Frederike Petzschner haben wir dazu eine Überblicksstudie erstellt, die mehr als fünfzig internationale Forschungsarbeiten zum Zusammenhang von Smartphone- und Social-Media-Nutzung ausgewertet hat.*

Was man zusammenfassend sagen kann: Es zeigen sich wiederkehrend Assoziationen zwischen der intensiven Nutzung digitaler Medien und Veränderungen der grauen und weißen Substanz des Gehirns, insbesondere in Regionen, die mit Belohnungsverarbeitung, Emotionsregulation und Impulskontrolle in Verbindung gebracht werden. Zudem können Parallelen zu Mustern festgestellt wurden, die auch bei anderen Verhaltens- und Substanzsüchten vorkommen.

Keine positiven Effekte durch Social Media

Keine einzige Studie kommt zu dem Ergebnis, dass sich keine negativen Effekte von exzessiver Nutzung von Social Media verzeichnen lassen. Keine Studie stellt positive Effekte fest. Einschränkend muss aber gesagt werden, dass bislang leider nur Querschnittsstudien vorliegen; Längsschnittstudien,­ also die wiederholte Untersuchung derselben Probandengruppen, fehlen noch.

Oft kommen kleine, selektive und aus Budgetgründen methodisch begrenzte Stichproben zum Einsatz. Und eine weitere Schwierigkeit liegt in der hohen Geschwindigkeit der Entwicklung von sozialen Medien selbst – der Output mit immer neuen Features ist hoch, sorgfältige Forschung dagegen langsam.

Gleichwohl liefern die vorliegenden Untersuchungen heute schon hinreichend Hinweise dafür, dass es einen engen Zusammenhang zwischen intensiver Nutzung von Social Media und Gehirnentwicklung gibt und es deshalb dringend präventiver Maßnahmen bedarf.

Social Media als fahrlässiges Experiment

Das gilt nicht nur mit Blick auf die betroffenen Kinder und Jugendlichen, auch in demokratietheoretischer Hinsicht bedarf es dringend der Prävention: Denn hier wird das Subjekt selbst in seinen Bildungsprozessen verändert, und es ist klar, dass die intensive Nutzung von Medien, die in manipulativer Absicht designt sind und die Aufmerksamkeitsfähigkeit, die Impulskontrolle und die ganze entstehende Weltbeziehung verändern, für die Bildung der Urteilskraft verheerend ist.

Das heißt: Unserer Gesellschaftsform kommen die subjektiven Voraussetzungen abhanden, auf die sie gebaut ist. Verbreitung und Nutzung von Social Media allein dem Markt zu überlassen, ist ein fahrlässiges Experiment mit einer ganzen Generation und mit den Voraussetzungen der Demokratie. Auch die deutsche Regierung muss endlich ihren Schutzpflichten nachkommen.

* Die Studie Literaturübersicht zu Internet- und Social-Media-Sucht: Erkenntnisse aus Neuroimaging-Studien ist abrufbar unter slow-magazine.org/#features.

🐾 Lesen Sie weiter: Dieser Artikel erschien zuerst in der neuen Ausgabe unseres taz-Magazins FUTURZWEI N°36 mit dem Titelthema „Die AfD interessiert uns nicht“. Jetzt bestellen im taz Shop.