Gen-Z und der Arbeitsmarkt : Letzte Hoffnung Bundeswehr?
Die Gen-Z konkurriert auf dem Arbeitsmarkt irgendwo zwischen Boomern und KI. Führt die letzte Ausfahrt in die Bundeswehr? Ruth Fuentes über die Verzweiflungen einer ganzen Generation.
taz FUTURZWEI | Wenn eine von uns wieder einmal am Leben verzweifelt, erzählen eine Freundin und ich uns diesen Witz. Wir glauben, es liegt ein Fluch über Berlin. Von den drei Dingen, die Menschen im Leben suchen – einen festen, gutbezahlten Job, eine unbefristete Wohnung (mit Anmeldung) und eine funktionierende Liebesbeziehung – bleibt eines immer unerfüllt.
Als wäre es ein Naturgesetz. An irgendeiner Stelle ist man immer im Bewerbungs- oder Kennenlernmodus, voller Hoffnungen in die Zukunft und wird am Ende doch geghostet. Obwohl wir der Gen Z angehören, also der vermeintlichen Work-Life-Balance- und Homeoffice-Generation, belastet uns tatsächlich auch das Thema Arbeit. Meine Freundin erzählt mir schon wieder von einer Freundin, die seit Monaten verzweifelt nach einem festen Job in ihrem Bereich sucht. Mittlerweile ist die Jobsuche selbst zu ihrer Arbeit geworden.
Flexibilität, Festanstellung und Friedrich Merz
Jungen Menschen bräuchten ja so viel Flexibilität, heißt es immer wieder. Aber sind es vielleicht doch die Unternehmen, die sich alles offenlassen, indem sie oft nur befristete Stellen ausschreiben oder Projektarbeit?
Ruth Fuentes, 31, wurde 1995 in Kaiserslautern geboren und war bis Januar 2023 taz Panter Volontärin. Sie schreibt regelmäßig in der taz FUTURZWEI und gemeinsam mit Aron Boks die Kolumne „Stimme meiner Generation“.
Unser Gefühl scheint jedenfalls nicht zu trügen. „Die Gen Z findet keine Arbeit“, meldete kürzlich das ZDF. Ich kann mich glücklich schätzen, dass ich meine Arbeit als freiberufliche Journalistin habe, dachte ich da.
Wobei: Was zählt denn überhaupt als Arbeit? Darf ich von richtiger Arbeit erst sprechen, wenn ich einen Vollzeitstellen-Vertrag auf Lebzeit unterschrieben habe? Oder wenn ich davon auch richtige Schwielen an den Händen bekomme? Oder wenn ich richtig viel Geld verdiene? Und wie viel?
Neben Friedrich Merz gibt es in meinem Leben noch mindestens drei weitere Leute, die fest davon überzeugt scheinen, dass ich nicht „richtig“ arbeite. Mein Vater („Und hast du jetzt endlich einen Job, also einen mit Vertrag?“), meine Sparkassenberaterin („Kommt da diesen Monat eigentlich noch was auf Ihr Konto? Brauchen Sie Hilfe?“) und die Besitzerin einer freien Mietwohnung, die ich letztens am Telefon hatte. („Ich brauche da leider Nachweise, dass Sie auch wirklich arbeiten. Haben Sie denn wirklich keinen Arbeitsvertrag? Das ist leider sonst total unsicher für uns.“)
taz FUTURZWEI, das Magazin für Zukunft – Ausgabe N°36: Die AfD interessiert uns nicht
Statt Rechtspopulisten politisch hinterherzurennen, plädieren wir für politische und gesellschaftliche Reformen zum Erhalt der großen demokratischen Mehrheit. Welche sind das? Das diskutieren wir in diesem Heft.
Mit: Aladin El Mafaalani, Beate Küpper, Johannes Heimrath, Maxim Keller, Ruth Fuentes, Wolf Lotter, Arno Frank, Vivika Lemke, Carla Hinrichs, Kevin Kühnert, Harald Welzer u. v. m..
Und für mich nicht, oder was? Vor Kurzem habe ich gelesen, dass junge Menschen so viel arbeiten wie seit den Neunzigern nicht mehr. Kein Wunder, vielleicht haben es die Eigenheimbesitzer, die sich über die faule Gen Z echauffieren, noch nicht bemerkt, aber: Ohne Arbeit kann man sich by the way in den meisten Städten Deutschlands die Miete leider gar nicht mehr leisten.
Dazu kommen die Kosten für das Internet, die Stromrechnung, die Krankversicherung, die Rentenversicherung, die Rundfunkgebühren, Lebensmittel, ÖPNV.
Nein, das ist nicht voll chillig, wenn man das alles vom Jobcenter bezahlen lässt, um dann die arbeitsfreie Zeit rumzuhängen, weil es nicht mal mehr fürs Kino reicht. Und nein, es haben auch nicht alle reiche Eltern. Und selbst die mit reichen Eltern suchen vielleicht auch nach einer sinnvollen Tätigkeit.
Sozialpsychologischer Blick auf die AfD
„Ich bin absolute Vertreterin der Brandmauer“
Der taz FUTURZWEI-Fragebogen
Was hat Ihr Denken beeinflusst, Kevin Kühnert?
Problemfall GenZ-Sprache
Ein bisschen Liebe oder so
Surprise: Die meisten Menschen in ihren Zwanzigern wünschen sich einen Job, von dem sie gut leben können, in dem sie Wertschätzung erfahren und eine sinnvolle Tätigkeit sehen – jedenfalls stand das letztens so in einem Artikel. Und ich fand das jetzt nicht so verkehrt, oder?
Ein Freund sagte in seiner Verzweiflung kürzlich mal zu mir: „Nur noch ein paar Jahre warten, dann gehen die ganzen Boomer in Rente und dann werden endlich richtig viele gute Stellen frei.“ Also natürlich nur, wenn diese nicht von einer KI übernommen werden oder aus „Kostengründen“ wegrationalisiert werden.
Und wer jetzt wirklich dringend eine Festanstellung möchte, der kann einfach bei der Bundeswehr anfragen.
🐾 Lesen Sie weiter: Dieser Artikel erschien zuerst in der neuen Ausgabe unseres taz-Magazins FUTURZWEI N°36 mit dem Titelthema „Die AfD interessiert uns nicht“. Jetzt bestellen im taz Shop.