Regenbogendebatte bei der Uefa: Politische Binde

Manuel Neuer darf weiter mit Regenbogenbinde auflaufen. Was aber macht die Uefa, wenn aus dem harmlosen Statement echter Protest wird?

Manuel Neuer klatscht dem Publikum zu

Stolzer Kapitän im Pride Month: Manuel Neuer mit Regenbogenbinde Foto: dpa

In der wundersamen Welt der Uefa ist alles geregelt. Wo die möglichst süßen Einlaufkinder vor dem Spiel auf dem Platz zu stehen haben. Wie viele Sekunden vor dem Anpfiff die Eröffnungszeremonie jedes Spiels beginnt, welches Bier im Stadion es zu welchem Preis gibt und welche Dinge am Souvenirstand für die Fans verkauft werden.

Es ist auch festgelegt, wie die Kapitänsbinde auszusehen hat, mit der die Spielführer auf den Platz laufen. Es ist ein blaues Oberarmband mit dem Logo der Europäischen Fußballunion Uefa, auf dem das Wort „respect“ zu lesen ist. Wer eine andere Armbinde trägt, gerät ins Visier der Aufpasser von der Uefa. Manuel Neuer, dem Kapitän der DFB-Auswahl, ist das passiert. Der läuft schon den ganzen Monat lang mit einer Kapitänsbinde in den Regenbogenfarben auf.

Der DFB möchte im gerade stattfindenden Pride Month damit seine Unterstützung für Menschen aus der LGBTIQ+-Bewegung zum Ausdruck bringen. Der Uefa ist das aufgefallen und sie hat eine Untersuchung eingeleitet, um zu überprüfen, ob die Regenbogenbinde nicht eine Verletzung der Regel darstellt, nach der politische Botschaften nichts auf dem Feld der EM zu suchen haben.

Als die Uefa am Sonntagabend mitteilte, dass sie nun doch nichts gegen Neuers Binde einzuwenden habe, weil sie einer „guten Sache“ diene, wehte der Shitstorm, in dem sich der Verband befand, noch mit voller Kraft. Was das wortreiche Gelaber der Uefa für ein „equal game“ und für „respect“ eigentlich wert sei, wenn der Verband eine Regenbogenbinde zum Politikum erkläre, lautet die Frage hinter der Aufregung im Netz. Ein Tweet, in dem die Uefa selbst die Pride-Parade 2019 in Amsterdam unterstützt hat, wurde aus den Untiefen des Netzes hervorgeholt. „Wir sind stolz, dass die Euro 2020 ein Turnier für alle sein wird“, lautete die Botschaft dazu.

Ein Stöckchen von der AfD

Derweil hielt ein AfD-Politiker aus Rheinland-Pfalz der Öffentlichkeit ein Stöckchen hin, über das viele nur allzugern gesprungen sind. Von einer „Schwuchtelbinde“ sprach der Mann, was ihm und seiner Partei ebenso zu Reichweite verholfen hat wie der Rüffel dafür von Alice Weidel, der Fraktionsvorsitzenden der Partei im Bundestag.

Als die Uefa ihre Ermittlungen eingestellt hat, war das Regenbogenthema ganz im Sinne der beteiligten Verbände DFB und Uefa längst entpolitisiert. Neuers Regenbogenbinde war wie die Uefa-Binde mit dem Respect-Aufdruck zu einem Friede-Freude-Eierkuchen-Statement runtergekocht worden, mit dem sich Sportverbände gerne mal für ein modernes Menschenbild feiern lassen.

Wie politisch ein Regenbogenstatement sein kann, das zeigt der Antrag aller Fraktionen im Münchner Stadtrat, mit dem Oberbürgermeister Dieter Reiter aufgefordert wird, dafür zu sorgen, dass die Münchner EM-Arena am Mittwoch zum Spiel der Deutschen gegen Ungarn in den Regenbogenfarben erstrahlt.

In der Begründung des Antrags, der am Mittwoch noch verabschiedet werden muss, heißt es: „Das ungarische Parlament hat am 15. Juni mehrere Gesetze geändert, mit denen Informationen über Homosexualität und Transgeschlechtlichkeit verboten werden, die Kindern und Jugendlichen zugänglich sein könnten. Damit folgt Ungarn der homo- und transphoben Gesetzgebung Russlands.“ Nun solle also zum Zeichen der Solidarität das Stadion zum Spiel gegen ­Ungarn in Regenbogenfarben erstahlen, so wie das zur Feier des Christopher-Street-Days in München schon mal der Fall war.

Uefa-ungarische Freundschaft

Mehr als eine Bitte kann es nicht sein, die OB Reiter der Uefa am Montag vortragen wollte. Denn die Stadt hat draußen in Fröttmaning nicht viel zu melden. Das Stadion gehört dem FC Bayern München, der für die Zeit des EM-Turniers die Nutzungsrechte auf die Uefa übertragen hat. Die Uefa wird also entscheiden müssen, ob sie ein Lichterspiel mitträgt, dessen Ursprung ausdrücklich in einem politischen Protest ­gegen Ungarn liegt. Es geht um mehr als um eine Kapitänsbinde.

Auf Konfrontationskurs mit Ungarn wird die Uefa kaum gehen wollen. Zu sehr war der Verband in diesem Jahr schon auf das Land angewiesen. Wenn es aufgrund von Coronarestriktionen nicht möglich war, in ­einem bestimmten Land Europapokalspiele durchzuführen, stand Budapest immer als Ersatzausrichter bereit. Gerade verhandelt die Uefa darüber, ob Großbritannien zumindest die VIP-Gäste des im Londoner Wembley-Stadions geplanten Finalturniers von den immer noch geltenen Quaratänebestimmungen befreien kann. Als Ersatzausrichter stünde Budapest bereit, heißt es schon seit zwei Wochen.

Und dann ist da noch etwas. Längst ist natürlich festgelegt, in welchen Farben die Münchner Arena am Mittwoch erstrahlen soll. Von 21 bis 22.45 Uhr soll es in den Eurofarben Hellblau und Hellgrün strahlen und ab 22.45 in Schwarz-Rot-Gold mit der Na­tionalflagge Ungarns. Wer das Spiel gewinnen wird, ist dem Vernehmen nach noch offen.

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