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Reformer PilatesGanz schön konservativ eigentlich

Auf der Suche nach neuen Sporterfahrungen landet unsere Autorin diesmal auf einer Art Folterbank. Nicht nur deshalb muss sie sich furchtbar aufregen.

Strumpf des Anstoßes: Ohne Stoppersocken kein Reformer Pilates Foto: imago

I ch liege auf einer schwarzen Trainingsbank und bin auf 180. Ich bewege meine Beine in kreisend, drücke mich mit der Bank von vorne nach hinten und in mir kocht alles. Wenn es nicht so leise wäre in diesem verdammt leeren Studio, dann würde ich gerne schreien oder mich mindestens laut aufregen. Schlimmer wird es, wenn ich an die CDU-blauen Antirutschsocken an meinen Füßen denke.

Zehn Minuten vorher bin ich noch durch einen Berliner Bil­dungs­bür­ge­r*in­nen­kiez gehastet. Währenddessen denke ich an Shirin David. Die hat wenigstens noch einen Iced Matcha Latte, wenn sie zu spät zum Pilates kommt. Ich hatte mich immerhin, so dachte ich zumindest, gut vorbereitet für die Sportart, die gleich kommt. Ich will Reformer Pilates ausprobieren, ein Ganzkörpertraining, das mit Geräten, sogenannten Reformern, die aussehen wie eine Mischung aus Massageliege und Folterinstrument, unterstützt wird.

Ich verspreche mir: Entspannte bis anstrengende Übungen zu EDM und am Ende vielleicht etwas Muskelkater. Ich bekomme: einen Wutanfall. Dass ich wütend werde, passiert selten. Aber ich kann es nicht ausstehen, wenn ich das Gefühl habe, dass eine Regel nicht den Umständen angepasst werden kann.

Hier kommen jetzt wieder besagte Stoppersocken ins Spiel. Das stand nämlich schon auf der Website, dass man die für die Benutzung der Geräte brauchen würde. Ich hatte keine, aber aus Zeiten meiner aktiven Turnkarriere noch Gummischläppchen, die ich mitgebracht habe. Nein, sagt ein Jacob-Elordi-Verschnitt am Empfang. „Aus Sicherheitsgründen.“

„Aber warum, die Schlappen haben besseren Grip als Rutschsocken“, sage ich ihm und halte sie ihm vor’s Gesicht. „Ich weiß, wie Ballettschläppchen aussehen. Das geht nicht“, sagt er ernst. Wegen der Hygiene. „Das ist seltsam“, entgegne ich, weil ich die Diskussion schon jetzt so albern finde und mir auch alle Argumente ausgehen.

Teure Qual

Der Türsteher Elordi verschwendet keinen einzigen Gedanken daran, ob meine Turnschlappen nicht vielleicht doch in Ordnung sind. „Für 13 Euro kannst du hier Stoppersocken kaufen“, sagt er. „Farbe darfst du dir auswählen.“ Ich habe somit für 45 Minuten Kurs fast 30 Euro ausgegeben, was wirklich absurd und lächerlich ist.

Wegen der Diskussion verpasse ich noch dazu die ersten 5 Minuten und habe keine Ahnung, wie man das Trainingsgerät verwendet. Die Trainerin – seltsamerweise mit Headseat, obwohl wir nur eine Handvoll Personen sind, schickt sich auch nicht an, mir irgendwas zu erklären. Na ja, auch das stand ja schließlich auf der Website: Der Kurs beginnt pünktlich.

Also lege ich mich irgendwie auf dieses Gerät drauf, das eine auf Schienen verschiebbare Bank mit Federn in verschiedenen Stärken, Stäbe und Schlingen für Hände oder Füße hat. Die meiste Zeit des Kurses verbringen wir auf dem Rücken liegend auf dem Gerät und ich starre an die Decke. Warum heißt dieses Gerät eigentlich Reformer, frage ich mich?

Hier scheinen ja die Regeln relativ festgefahren zu sein. Während wir die Position wechseln und nun mit unseren Füßen die Bank nach vorne und hinten schieben, rutschen meine Zehen in den Rutschsocken nach vorne und nach hinten. Warum bin ich nicht boxen gegangen?

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Leider konnte ich deshalb nicht genießen, wie geschmeidig und zielgenau die Übungen auf dem Gerät durchzuführen sind. Immerhin hatte ich am nächsten Tag Muskelkater. Das kann aber auch von der Empörung kommen.

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Ann-Kathrin Leclère
Aus Kassel, lange Zeit in Erfurt gelebt und Kommunikationswissenschaft studiert. Dort hat sie ein Lokalmagazin gegründet. Danach Masterstudium Journalismus in Leipzig. Bis Oktober 2023 Volontärin bei der taz. Jetzt Redakteurin für Medien (& manchmal Witziges).
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