Rechtsextreme Rockmusik: Schwurbelnde Liederkönige, schweigende Behörden
Die Bundesregierung hat keine Kenntnisse über AfD-Events mit musikalischer Unterstützung von Rechtsrock-Bands. Die Linke hatte nachgefragt.
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Das Konzert fand kürzlich in einer Eckkneipe in Heide statt. Hannes Ostendorf trat in der schleswig-holsteinischen Stadt auf. Als Frontmann der Band „Kategorie C“ ist er einer der Stars der Rechtsrock-Szene. Eine antifaschistische Initiative machte das konspirative Konzert vom 24. Juli publik. Die Betreiber bestätigten den Auftritt auf Instagram, beteuerten dort aber, „das Liedgut“ sei nicht „rechtsgerichtet oder extremistisch“ gewesen. Rechte Gäste seien nicht gekommen, obwohl Ostendorf seit Jahren rechtsextreme Fans anzieht – mal solo, mal mit Band.
In einer aktuellen Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linken zu Rechtsrock wird der stämmige Glatzkopf erwähnt. Diese Erwähnung ist allerdings einer der wenigen konkreten Informationen zur „Musik der extremen Rechten“. Bereits im Juni hatte die Linksfraktion im Bundestag zur musikalisch unterlegten Hetze angefragt. Zwischen Juli und Dezember 2025 fanden demnach allein 20 Konzerte und 100 Liederabende statt, antwortet die Bundesregierung.
Die Antworten offenbaren allerdings auch, dass die Sicherheitsbehörden öffentlich bekannte Veranstaltungen nicht angaben. Nicht erwähnt waren unter anderem Musikevents in der verschwörungsideologischen und esoterisch-völkischen Szene sowie bei der AfD, sagt die Linksfraktion. Deshalb hakte sie nach. Die neunseitige Antwort lässt jedoch erneut Fragen offen.
V-Leute schützen
Die Linke wollte wissen, warum Auftritte von Musiker:innen unter Künstlernamen nicht namentlich angegeben wurden, obwohl sie in Landesverfassungsschutzberichten erwähnt werden. Die Antwort: zum Schutz von Grundrechten Dritter. Die Bundesregierung enthalte sich einer Bewertung der Landesberichte aufgrund der föderalen Kompetenzverteilung. Zu den Auftritten der Musiker mit den Künstlernamen „Yann Song King“, „Estéban Cortez“ und „Björn Banane“ möchte die Bundesregierung nichts darlegen, da die Informationen in „besonderem Maße das Staatswohl berühren“ würden. Die Akteure könnten Abwehrstrategien gegen die Beobachtung entwickeln. Die Antwort legt nahe, dass Informant:innen oder V-Leute geschützt werden sollen.
In den sozialen Medien suchen die drei Musiker selbst eine breite Öffentlichkeit. Yann Song King stellt sich auf seiner Website als „schwurbelnden Liederkönig und beliebten Heimatdichter aus Dunkeldeutschland“ vor. Estéban Cortez und Björn Banane dokumentieren online ihre Auftritte bei der AfD. Björn Banane, alias Björn Winter, der auch für AfD-Funktionäre arbeitet, provozierte am 27. Juli in Potsdam beim CSD-Gedenken: Er bezeichnete die Trauernden als „Regenbogenfaschisten“.
Schärfstes Schwert der Opposition
Die drei Musiker bewegen sich zudem im „Phänomenbereich Verfassungsschutzrelevante Delegitimierung des Staates“. 2021 führte das Bundesamt für Verfassungsschutz diesen Bereich im Zuge der Querdenken-Proteste ein. Als eigenständiger Bereich werde er inzwischen aber nicht mehr geführt, da er „an Bedeutung verloren“ habe. Die Antwort lässt sich so verstehen: Weil auf der Straße keine Proteste mehr stattfinden, wird offenbar auch nicht mehr genau hingeschaut.
Zu Events der AfD mit Musik erklärt die Bundesregierung, dass diese Veranstaltungen, sofern rechtsextreme Bands oder Solokünstler:innen auftreten, bei den „rechtsextremen Musikveranstaltungen“ mitgezählt würden. Auf die Frage, welche Erkenntnisse zu 17 Veranstaltungen mit AfD-Beteiligung und musikalischer Darbietung zwischen Juli und Oktober 2025 vorlägen, räumt die Bundesregierung jedoch ein, keine Erkenntnisse zu haben.
„Das Fragerecht ist das schärfste Schwert der Opposition“, sagt die Linke-Politikerin Mandy Eißing. Die Bundesregierung berufe sich jedoch aufs Staatswohl, um Auskünfte zu verweigern, die längst öffentlich bekannt seien. In anderen Fällen wiederum wolle sie offenbar gar nichts wissen, obwohl es Medienberichte gebe, so die Sprecherin der Linken für bürgerschaftliches Engagement und für Ostdeutschland. Für den Osten sei das besonders bitter, da hier die meisten Konzerte stattfänden. „So funktioniert parlamentarische Kontrolle nicht“, sagte Eißing.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
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