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Raus aus der Nische

Russland ist im Weltfußball außen vor. Zu einer Art Jugend-WM im Oktober wird das Land nun eingeladen. Es könnte das Ende der Sanktionen einleiten

Von Andreas Rüttenauer

Es war eine Nachricht, die mitten im WM-Trubel nur für kleine Schlagzeilen gut war. Am Freitag wurde bekannt, dass der Internationale Fußballverband alle 211 Mitgliedsverbände zu einem Turnier für U15-Teams einladen wird. Auch Russland ist bei dem Event, das im Oktober in Aserbaidschan stattfindet und sich „World Cup and Festival“ nennt, ausdrücklich willkommen. Seine Teilnahme wäre eine Premiere nach mehr als vier Jahren Bann. Russische Mannschaften waren kurz nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine im Februar 2022 von internationalen Wettbewerben ausgeschlossen worden.

Seitdem ist Russland nicht mehr als ein Zaungast im Weltfußball. Auch wenn es immerhin noch einen russischen Superstar gibt: Matwei Safonow. Der hat für den größten Erfolg des russischen Fußballs in der jüngeren Vergangenheit gesorgt. Als Paris Saint-Germain am 30. Mai in Budapest das Finale der Champions League gegen den FC Arsenal gewonnen hat, stand der Russe im Tor der siegreichen Elf. In seiner Heimat wird er seitdem beinahe ununterbrochen gefeiert, ist gern gesehener Gast in den größten TV-Shows des Landes.

Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht irgendeine Nachricht über den Keeper durch die russischen Sportportale gejagt wird. Unter anderem fragte ein WM-Reporter von sports.ru Fans der brasilianischen Nationalmannschaft in den USA, ob sie schon einmal etwas von Safonow gehört hätten.

Natürlich kennen die ihn. Er sei ein Held für sie. „Wir hassen Flamengo und wir lieben Russland“, sagt einer. Als PSG im vergangenen September gegen Flamengo Rio de Janeiro um den Interkontinental Cup spielte, habe Safonow im Elfmeterschießen vier Schüsse gehalten und Paris den Pokal beschert. Viel mehr gibt es in diesen Tagen der WM nicht über den russischen Fußball zu berichten. Das soll sich nun ändern.

Für den russischen Sportminister Michail Degtjarjow ist die Zulassung eines russischen Teams zum U15-Turnier in Aserbaidschan nur der erste Schritt zur vollständigen Wiedereingliederung des russischen Verbands in die Fußballfamilie. Bis Jahresende sollte das erreicht sein, meinte er in einem von der staatlichen Nachrichtenagentur Tass verbreiteten Statement zum Jugendturnier der Fifa. „Die Fifa bewegt sich in die richtige Richtung“, wird er da zitiert. Man sei bestens mit ihr vernetzt. „Wir stehen in ständigem Kontakt mit der Fifa“, so Degtjarjow.

Bald also könnte auch die russische Nationalmannschaft der Männer wieder die Nische verlassen, in die man sie verbannt hat. Seit 2022 darf sie nur noch Testspiele bestreiten. Aber weil sie nun fast nur Siege gegen oft zweitklassige Gegner wie jüngst Trinidad und Tobago einfährt, steht die Auswahl aktuell auf Platz 34 der Fifa-Weltrangliste – genau einen Platz hinter der Ukraine übrigens.

Das ist nur eines der Zeichen dafür, dass Russland nie ganz ausgeschlossen war aus der Fußballfamilie: Auch wenn die europäische Fußballunion Uefa gerade erst beschlossen hat, auch in der kommenden Spielzeit 2026/27 keine russischen Teams zu internationalen Wettbewerben zuzulassen, wurden auf Funktionärsebene immer Kontakte gepflegt.

Wir stehen in ständigem Kontakt mit der Fifa

Michail Degtjarjow, Russlands Sportminister

Schon 2023, lange bevor das Internationale Olympische Komitee im Dezember vergangenen Jahres empfahl, Nach­wuchs­ath­le­t:in­nen aus Russland und Belarus wieder zu internationalen Wettkämpfen zuzulassen, wollte Uefa-Präsident Aleksander Čeferin den Bann für Jugendteams aus Russland außer Kraft setzen. Weil aber Verbände ankündigten, nicht gegen russische Teams antreten zu wollen, wurden die Pläne wieder beerdigt.

Abseits der großen Aufmerksamkeit haben Teams aus den Jugendakademien der großen russischen Profiklubs aber ohnehin immer wieder an Turnieren in Europa teilgenommen. Der Sieg einer Mannschaft vom Nachwuchsleitungszentrum von Spartak Moskau über die Jungs von Atalanta Bergamo bei einem Turnier in Ungarn, schaffte es in Russland mangels anderer internationaler Erfolge auf die Nachrichtenseiten der Sportmedien, anderswo in Europa interessiert sich kaum jemand dafür. Für die Uefa sind derartige Begegnungen ein Mittel, um Abseits der großen Öffentlichkeit in Kontakt mit dem russischen Fußball zu bleiben. Auch wenn offiziell also keine russischen Teams an Wettbewerben oder Qualifikationsspielen für große Turniere teilnehmen durften, so wurden sie doch regelmäßig zu Veranstaltungen unter dem Dach der Uefa eingeladen. Erst im April spielte eine russische U16-Mannschaft bei einem sogenannten Development-Turnier des europäischen Verbands gegen Aserbaidschan, Kasachstan und Pakistan. Was die Fifa nun als Neuigkeit verkündet, wird in Europa also schon länger praktiziert.

Dennoch platzen die russischen Sportmedien beinahe vor Stolz über die Einladung zu einem Fifa-Turnier, bei der ein echter „World Cup“ vergeben wird. Die Sehnsucht nach der Rückkehr der Nationalmannschaft ins Wettbewerbsgeschehen ist groß. Nur allzu gern wüsste man in Russland, wo der Fußball des Landes steht. Nationaltrainer Waleri Karpin hatte vor dem Turnier in den USA gesagt: „Eins kann ich ganz bestimmt sagen: Wenn wir mit unserer Mannschaft bei der WM mitspielen könnten, wir wären voll und ganz konkurrenzfähig.“ Darüber wird nun eifrig diskutiert in Russland. Wirklich überprüfen lässt sich die Aussage ja nicht. Noch nicht.

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