Rakka vom IS zurückerobert: Kurden stürmen das Herz des Kalifats
Bis zum Tod wollten sie kämpfen, am Ende sind die IS-Kämpfer aus Rakka geflohen. Das Kalifat als Territorialgebiet dürfte damit am Ende sein.
Das zuletzt schnelle Ende des IS in seiner ehemaligen Hauptstadt hängt offenbar damit zusammen, dass die Islamisten es vorgezogen haben zu fliehen, statt wie zuvor vollmundig verkündet „bis zum Tode zu kämpfen“. Es war vermutet worden, dass unter den letzten Kämpfern vor allem ausländische IS Mitglieder wären, unter ihnen soll auch einer der Drahtzieher der Attentate von Paris gewesen sein, doch wie ein Sprecher des SDF sagte, konnte niemand von ihnen gefangen genommen werden und niemand von ihnen habe sich ergeben. Man werde nun Fotos der Toten nach Frankreich und Belgien schicken, damit dortige Experten eventuell bekannte Figuren identifizieren könnten.
Auch wenn es noch zu früh ist, dass Ende des IS zu verkünden, markiert die Eroberung von Rakka, der alten Handelsstadt am Euphrat, doch das Ende des IS Kalifats als Territorialgebiet. Nach der Eroberung Rakkas 2014 und dem anschließenden Sieg des IS in Mossul war die Terrororganisation 2014 auf dem Höhepunkt ihres Einflusses. Vor allem nach Rakka strömten tausende ausländische Islamisten aus Europa, Nordafrika und Russland, die lange Zeit unbehelligt die türkische Grenze passieren konnten um sich dem IS anzuschließen.
Der Hauptplatz von Rakka, den die Islamisten in „Paradies-Platz“ umbenannten, wurde zum Schauplatz der Hinrichtungen und Köpfungen die die IS-Propaganda weltweit verbreitete und damit für Angst und Schrecken, aber auch für große Faszination unter ihren Anhängern sorgten. Mit dem Fall von Mossul im Juli und dem jetzigen Ende des IS in Rakka haben die Dschihadisten ihre wichtigsten Hochburgen verloren.
Werden die USA die Kurden nun auch vertreiben?
Die Rückeroberung Rakkas gelang nun durch eine Allianz zwischen den USA und der SDF, die von den syrisch-kurdischen Kämpfern der YPG dominiert werden. Amerikanische Luftwaffe und kurdische Bodentruppen setzten dem IS in Rakka ein Ende. Nach dem militärischen Sieg werden sich nun die politischen Fragen in den Vordergrund drängen.
Rakka gehört nicht zum Siedlungsgebiet der syrischen Kurden, sondern war vor der Eroberung durch den IS eine rein arabische Stadt. Werden die USA nun dafür sorgen, dass die Kurden sich trotz der großem eigenen Opfer aus Rakka wieder zurückziehen, damit dort eine arabische Selbstverwaltung installiert werden kann? Und wenn ja, Rakka ist, wie andere vom IS zurückeroberte Städte weitgehend zerstört, wer soll dort den Wiederaufbau voranreiben?
Das Augenmerk des US-Militärs richtet sich jetzt erst einmal auf die Provinz Der es Zor, weiter südöstlich, ebenfalls am Euphrat. In Deir es Zor, umgeben von Ölfeldern, mit deren Ertrag der IS sich lange finanziert hat, befinden sich die letzten Nester in Syrien, in denen sich IS-Kämpfer noch verschanzen. Im Moment findet ein Wettlauf zwischen den USA und ihren kurdischen Hilfstruppen auf der einen und der syrischen Armee mit Unterstützung der russischen Luftwaffe und iranischer Milizen auf der anderen Seite statt, um die Region unter ihre Kontrolle zu bringen. Zusammenstöße sind nicht ausgeschlossen.
Eine Koalition, die was bewegt: taz.de und ihre Leser:innen
Unsere Community ermöglicht den freien Zugang für alle. Dies unterscheidet uns von anderen Nachrichtenseiten. Wir begreifen Journalismus nicht nur als Produkt, sondern auch als öffentliches Gut. Unsere Artikel sollen möglichst vielen Menschen zugutekommen. Mit unserer Berichterstattung versuchen wir das zu tun, was wir können: guten, engagierten Journalismus. Alle Schwerpunkte, Berichte und Hintergründe stellen wir dabei frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade jetzt müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Was uns noch unterscheidet: Unsere Leser:innen. Sie müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Es wäre ein schönes Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert
Klimaneutral bis 2045?
Grünes Wachstum ist wie Abnehmenwollen durch mehr Essen
Leak zu Zwei-Klassen-Struktur beim BSW
Sahras Knechte
Friedensforscherin
„Wir können nicht so tun, als lebten wir in Frieden“
Nach Hitlergruß von Trump-Berater Bannon
Rechtspopulist Bardella sagt Rede ab
CDU-Chef Friedrich Merz
Friedrich der Mittelgroße
Wahlentscheidung
Mit dem Wahl-O-Mat auf Weltrettung