Raisina Dialogue in Delhi: Indiens Bühne für die neue Weltordnung
In Delhi sprechen Israel, Iran, Russland und der Westen – wenn auch nicht immer miteinander. Die Konferenz zeigt Indiens widersprüchliche Partnerschaften.
Während im Nahen Osten der Krieg weiter tobt, präsentiert sich Indien beim 11. Raisina Dialogue in Delhi erneut als Ort, an dem eine neue Weltordnung propagiert wird und Kriegsparteien ihre Positionen nebeneinander darstellen können. So kamen trotz der aktuellen Eskalation sowohl Israels Außenminister als auch Irans stellvertretender Außenminister zu Wort – wenn auch in getrennten Formaten.
Israels Gideon Sa’ar (Neue Hoffnung) verteidigte die Linie seiner Regierung und bezeichnete Iran als Aggressor. Teheran greife „nicht weniger als zehn Länder“ an und destabilisiere den gesamten Nahen Osten, sagte der konservative Politiker in einer Schalte. Am nächsten Morgen widersprach Irans Vizeaußenminister Saeed Khatibzadeh auf der Bühne in Delhi. „Wir haben keinen Plan für diesen Krieg – wir leisten Widerstand“, erklärte der iranische Diplomat. Iran handle strategisch. Die Beendigung des Konflikts liege jedoch bei jenen, die ihn begonnen hätten, so Khatibzadeh.
Diese Gleichzeitigkeit der Perspektiven ist kein Zufall. In Delhi treffen Staaten aufeinander, die heute in anderen internationalen Formaten kaum mehr zusammenkommen – von westlichen Nato-Partnern bis zu Vertretern aus Russland, Iran oder den BRICS-Staaten.
Der diesjährige Ehrengast, der finnische Präsident Alexander Stubb, griff in seiner Rede die Verschiebung der internationalen Politik auf. „Der Globale Süden wird stärker bestimmen, wie die nächste Weltordnung aussieht“, sagte er und Indien könne eine Schlüsselrolle dabei einnehmen. Stubb sprach von einem möglichen „New Delhi Moment“: einem globalen Treffen nach dem Vorbild der Konferenz von San Francisco im Jahr 1945, aus der die Vereinten Nationen hervorgingen.
„Das war die Ordnung des Westens“
Indiens Außenminister Subrahmanyam Jaishankar regierte hingegen eher nüchtern. Große geopolitische Abkommen seien in einer fragmentierten Welt schwer durchzuhalten. Stattdessen entstünden Kooperationen zunehmend in flexiblen Formaten und thematischen Partnerschaften. Zugleich stellte er die bisherige internationale Ordnung infrage: „Seien wir ehrlich: Wessen Ordnung war das? Das war die Ordnung des Westens.“
Auch die Debatten um China und Taiwan spiegelten diese Verschiebung wider. Helena Legarda, China-Expertin am deutschen Mercator Institute for China Studies, betonte, dass Konflikte wie im Nahen Osten Peking vor allem „rhetorischen Spielraum eröffnen“. So könne sich Peking international als verantwortungsbewusste Macht darstellen, während der Westen als Quelle globaler Instabilität erscheine.
Dhruva Jaishankar vom indischen Thinktank Observer Research Foundation (ORF), der die Konferenz mit ausrichtet, erinnerte derweil daran, dass ein möglicher Angriff auf Taiwan durch China weiterhin droht. Die Diskussionen zeigen, wie Raisina zur Bühne für Indiens außenpolitische Strategie geworden ist, in der möglichst viele Partnerschaften parallel gepflegt werden.
Der Politikwissenschaftler Tobias Scholz (SWP) beschreibt es als Diversifizierung: Indien arbeite „im Grunde mit jeder Macht der Welt zusammen“ und versuche, aus jeder einzelnen Beziehung möglichst viel herauszuholen. Neben Diplomat:innen und Strateg:innen nahmen zahlreiche Wirtschaftsvertreter:innen und Thinktanks teil. Eine große deutsche Delegation war ebenfalls vor Ort – ein Zeichen für die wachsende Zusammenarbeit.
Auch Washington beobachtet diese Entwicklung aufmerksam. Der stellvertretende US-Außenminister Christopher Landau sagte bei seinem Auftritt, man freue sich über das bilaterale Handelsabkommen mit Indien. Doch man werde „nicht dieselben Fehler machen wie vor 20 Jahren mit China“. Damals habe man geglaubt, China werde seine Märkte öffnen, doch stattdessen sei es zum Rivalen geworden.
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