Radikalisierung in der Pandemie: Islamismus­prävention stockt

Der Lockdown bot islamistischen Menschenfängern gute Bedingungen. Gefährdete Personen ließen sich für So­zi­al­ar­bei­te­r:in­nen kaum noch erreichen.

eine Frau kniet neben einem Meer von Friedhofskerzen

Gedenkkerzen nach dem Anschlag in Wien im November 2020 Foto: Alex Halada/imago

BERLIN taz | Unsicherheit, Frust, Isolation: Die Coronapandemie könnte Menschen in die Arme von islamistischen Extremisten getrieben haben. Gleichzeitig stelle die Krise die Deradikalisierungsarbeit vor große Herausforderungen, wie Ex­per­t:in­nen der Bundesarbeitsgemeinschaft religiös begründeter Extremismus (BAG RelEx) am Dienstag in Berlin klar machten. „Die extremistische Szene ist nicht in den Lockdown gegangen“, so der Vize-Vorsitzende des Verbands, Thomas Mücke.

Seine Kollegin, die Vorsitzende Friederike Müller, verwies auf die Folgen der Pandemie für junge Menschen: Einsamkeit, Angst vor Infektion, räumliche Enge, Langeweile und psychische Probleme. All das begünstige unter Umständen die Radikalisierung junger Menschen. Is­la­mis­t:in­nen hätten so bei der Rekrutierung deutlich leichteres Spiel gehabt. Dazu sei das Internet als Informationsquelle wichtiger geworden, hier drohten Verschwörungsmythen Jugendliche und junge Erwachsene in ihren Bann zu ziehen und Radikalisierungstendenzen zu befördern.

Während die Pandemie also womöglich einen Nährboden für Radikalisierungsprozesse bot oder diese zumindest nicht dramatisch beeinträchtigte, hatten die Beratungsstellen mit dem Lockdown zu kämpfen. „Bildungsarbeit an Schulen war oft nicht mehr möglich, für zusätzliche Präventionsangebote gab es keinen Raum“, berichtete Mücke. Unter diesen Umständen sei es sehr viel schwieriger, den Radikalisierungsgefährdeten eine „Brücke zurück in die Gesellschaft“ zu bauen, wie es Ziel der Arbeit sei.

Die Mitarbeitenden der Beratungsstellen seien vom Lockdown ebenfalls hart getroffen worden, die Umstellung auf digitale Arbeit habe zunächst Probleme mit sich gebracht. Wo Leh­re­r:in­nen sonst oft die ersten seien, die auf drohende Radikalisierung von jungen Menschen aufmerksam machen können, sei das beim digitalen Unterricht nicht so leicht. Ein wichtiger Alarmmechanismus fehlte so über große Teile der vergangenen anderthalb Jahre.

Unter dem Radar könnten sich weit mehr radikalisiert haben

Konkrete Statistiken zur Radikalisierung während der Pandemie in Deutschland gibt es bisher nicht. Die Zahl der Fälle, mit denen sich Deradikalisierungsstellen befassten, sei über die Pandemie hinweg konstant bei „einigen hundert“ geblieben, so Mücke. Wie viele Fälle unentdeckt blieben, lässt sich naturgemäß nicht beziffern. „Wir können davon ausgehen, dass sich da viel aufgestaut hat“, so Mückes Vermutung.

Seine Warnung: Der Anschlag in Wien vom November 2020 – am Vorabend des Lockdowns – habe gezeigt, dass sich islamistische Terroristen beim Timing von Anschlägen daran orientierten, wann sie auf einen größtmöglichen Effekt hoffen können. Mehr Menschenansammlungen im öffentlichen Raum bedeuteten so auch mehr potentielle Ziele für Terroranschläge, denkt Mücke.

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