Punklegende Pete Shelley ist tot: Die glockenhelle Stimme des Punk
Einfach, schnell, roh und schön. Pete Shelley, der Gitarrist, Songwriter und Sänger der Punkband Buzzcocks, ist gestorben.
Foto: Daniel DeSlover/Imago
Als Pete Shelley vor zwei Jahren mit den Buzzcocks auf Jubiläumstour war, konnte man sich wundern. Hinter dem Mikrofon auf der Bühne des Berliner SO36 stand ein rundlicher Mann mit Halbglatze und grauem Bart, den man im Pub niemals als Punk-Ikone identifiziert hätte. Pete Shelley sah aus wie jedermann. Dann fing er zu singen an wie ein junger Gott.
Der Sound der Buzzcocks war geprägt gewesen von dieser hohen, hellen, frischen Jungsstimme, die so ganz anders war als die der meisten Punksänger. Nun, mit über sechzig, klang Shelley verblüffenderweise immer noch wie der junge Mann, dem wir einige der schönsten Punksongs überhaupt verdanken.
„Ever Fallen in Love (with someone you shouldn’t have)“ etwa, gesungen und geschrieben von Shelley, war der größte Hit der Buzzcocks. Er zeigte exemplarisch ihre geniale Mischung aus treibender Punk-Energie und einem feinen Gespür für Melodien mit Pop-Appeal.
Der Legende nach haben sich die Buzzcocks nach einem Konzert der Sex Pistols gegründet. In Wirklichkeit aber fanden sich Pete Shelley und Howard Devoto schon Ende 1975 zusammen. Im Sommer 1976 spielten sie im Vorprogramm der Pistols, im Dezember nahmen sie in Manchester die EP „Spiral Scratch“ auf. Drei Stunden dauerte die Recording Session, und das hörte man der Musik auch an. Sie war schnell, roh und schnörkellos.
Gründe dein eigenes Label
Das schönste und wohl bekannteste unter den vier kurzen Stücken hieß „Boredom“ und attackierte die Formelhaftigkeit des Punk schon satirisch, als es ihn gerade mal ein, zwei Jahre gab. Dass Langeweile auch ein kreativer, ekstatischer Zustand sein kann, beweist das Gitarrensolo von „Boredom“, das aus zwei Tönen besteht, die 66-mal wiederholt werden. Einfacher geht nicht, und gerade deswegen muss man „Boredom“ zu den größten Popsongs des 20. Jahrhunderts zählen.
Die Buzzcocks kultivierten aber nicht nur einen Minimalismus, der ungezählte Bands nach ihnen inspirierte. Sie waren auch die erste britische Band, die ein eigenes Label gründete und zeigte, dass nicht nur jeder in einer Band spielen, sondern dass auch jede Band ihre Musik selbst veröffentlichen konnte.
Mit Krücken und mit Rollstühlen
Als die Buzzcocks im SO36 aufliefen, sahen die ältesten der Punks, die in Massen gekommen waren, um die Helden zu empfangen, so aus, als seien sie schon in Rente. Sie kamen mit Krücken und fuhren mit Rollstühlen, aber die Energie war immer noch da.
Der halbe Saal sang mit, als die Buzzcocks „Harmony In My Head“ gaben, eine Hymne auf die inneren Kräfte des Menschen, denen die moderne Gesellschaft nichts anhaben kann. Der wunderbare Pete Shelley ist am Donnerstag unerwartet im Alter von 63 Jahren in Estland gestorben.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert